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Reise-Reportage Die Karawane der Poesie in Chile

Schrifsteller Artur Becker flieht aus der winterlichen Kälte Europas in die Wärme Zentralchiles. Das ist aber nicht der einzige Grund für seine Reise.

Artur Becker
Artur Becker (hinten rechts) mit Indra Wussow, Di Lu Galay (l.) und Enrique Winter in Valparaíso. Foto: Artur Becker privat

Café El Peral

Für Indra Wussow

 

Enrique Winter Du polnischer deutscher chilenischer Dichter aus Valparaíso

Du Kolonialist der lateinamerikanischen Liebe

In Deinem Café am Ozean der größer ist als das Gedächtnis unserer Großeltern fragst Du mich

Ob ich etwas Außergewöhnliches Einmaliges gesehen habe auf unserem Planeten

In Deiner Stadt Deinem Staat der so stark und gleichzeitig eng ist

Als handelte es sich bloß um einen Hosengürtel

 

In der Tat habe ich viel gesehen

Panzer auf den vor Angst erblassten Straßen

Das brennende Parlament und das letzte Zuknöpfen des Hemdes von Salvador Allende

 

Ja ich habe auch solche Städte und Dörfer gesehen

Wo brennende Hunde in den Armen der Obdachlosen ruhig einschliefen

Die grau geworden waren im unaufhörlichen Traum der Straßen Santiago de Chiles

Wo mit Blut braun gefärbte Flüsse

Von den Anden flohen in die Wüste der Astronomen

Damit kommunistische Winde und Kreuze der Konquistadoren und kapitalistische Märchen

Nicht mehr tobten

 

Ja ich habe auch den roten Reichtum gesehen

Das Kupfer Deiner Erde Deiner gefallenen sozialistischen Brüder

Und ich habe außerdem gesehen die räuberische Hand von Milton Friedmann

Wie sie Euch bis heute füttert

Obwohl Ihr unverwüstlich seid

Denn Eure Haut ist aus kupferner Luft der Bergewerke

Eure Köpfe und Augen sind rot geworden vom Graben in diesem vulkanischen Sand

 

Ja ich habe in der Tat Dein Chile gesehen verborgen unter den Weinbergen

Und ich habe auch von Eurem Wein gekostet

Nur dass der Kommunismus bei uns nicht richtig klappen wollte

Er hatte die Flanellhemden der Arbeiter in Fetzen gerissen

Jetzt weißt Du es Enrique

Unsere Beine und Ideologien hinken und wir sind in diesem Café bloß Kreditkarten

Eine erkennbare Nummer und kein Ersatzrad der Geschichte

Jetzt weißt Du es Enrique – eines Tages wirst Du Dich wie ich und Deine Brüder

Auf den langen Nach-Hause-Weg begeben

Du wirst verstehen dass es nur eine einzige Brust gibt

Haga Sophia

Birnbaum der Weisheit – el peral.

 

Über die Indianer aus Patagonien und nicht nur

 

1

 

Als ich aus dem hungrigen und geschlossenen Haus in der Faust

Der sowjetischen Atomwaffen

In den Westen kam

Schrieb man das Jahr 1985

Und Bono tanzte auf der Live-Aid-Bühne irischen Kasatschok

Zu der schönen Hymne über den Blutigen Sonntag und dann sah ich und ich glaubte auch daran

Dass ich nicht mehr allein bin und dass Polen schon bald aufhören würde bloß

Eines der chemischen Elemente zu sein 

Im Periodensystem von Marx und Engels in dem man sich nach Belieben

Einen überschaubaren Kosmos zusammensetzen kann

Ohne Horizont ohne Sonnenuntergänge und Aufgänge

Damit die Ideologie ihre Macht ihren gierigen Hunger auf menschliche Seelen nicht verlor

 

Ich begann an die Freiheit zu glauben dass sie überschwappen und bis nach Bartoszyce

An die russische Grenze gelangen würde

Wo ich einst mit meiner Mutter Heidelbeeren gesammelt und Pilze getrocknet hatte

Zum Zeichen der Versöhnung mit unserem Schicksal –

Pustekuchen sang Bono und knutschte mit dem Millionenpublikum

Im Schweiße seines Angesichts und der internationalen Karriere. 

 

2

Aber nicht nur Nostradamus hatte sich geirrt

Nicht nur der heilige Apostel und Evangelist Johannes

Denn die Welt fand kein Ende im traurigen Flächenbrand des Jüngsten Gerichts –

Doch als ich mich nach 32 Jahren seit dem Kasatschok Bonos auf der Live-Aid-Bühne

Durch die sonnigen Straßen Santiago de Chiles zwängte

Wo man den Regen in Plastikflaschen kauft

Erzählte mir Rodrigo Naranjo über die Indianer aus Patagonien und nicht nur –

Der Philosoph und Sozialist der nach einer geleerten Flasche Rotwein

Jedes Mal den Federbusch der Komantschen aufsetzt und Pinochet droht –

 

Weißt du es – sie kennen in ihrer Sprache solche Wörter nicht wie Gott oder Polizei

Sie – die Kawésqar »die Menschen aus Westpatagonien die Meeresmuscheln als Messer benutzen«

Und ihre Nachbarn die Selk’nam, die Aoniken die Haush und die Yámana –

 

Weißt du eigentlich dass ihre Seelen nach der Ausrottung aller Stämme zu Sternen geworden

Und zu den Sternbildern Orion und Kreuz des Südens zurückgehehrt sind

Wo sie wieder in Ruhe Fische fangen und nächtliches Feuer anzünden können

In ihren unsinkbaren Kanus

 

Weißt du es – sie kannten keine einzige Schrift nichts blieb von ihnen erhalten

Gemeißelt in Stein oder auf den Festplatten des Computers

 

Weißt du das – aber dafür malten sie auf ihren nackten

Gegen die Schmerzen der Sterblichen aus England nicht immunen Körpern

Weiße Sterne

Supernovaexplosionen und riesige Hörner der Galaxien mit ihren Schwarzen Löchern

Und sie wussten

Dass sie von fremden Planeten kommen und dass es weder Gott noch seine politische Polizei gibt

 

Sie waren frei bis zu dem Moment des Auftauchens von Perlmuttknöpfen und Seidenkrawatten

Und ihrem schwarzen Buch mit dem goldenen Kreuz auf dem Umschlag.

 

3

 

Wir haben sie mit Stumpf und Stiel ausgerottet – bis zum letzten Stein

Bis zum letzten Tropfen des Pazifiks

Erzählte mir Rodrigo

Nichts ist von ihnen geblieben nur Fotografien und Filme und bestimmt noch dieses Lied

Darüber dass alle Sonntage blutig sind

Sogar bei den Untreuen Ungläubigen Nichtkatholischen Nichtvereinigten

In ein und demselben Denken

 

Ja Rodrigo ich fange an alt zu werden

Ich interessiere mich für Politik und Völkermord

Antwortete ich mit einer tief in der Erde verborgenen Stimme

Das ist aber mein privater Lapislazuli – denn ich habe auch einmal alles verloren.    

 

Gedichte aus dem Poln. übertragen vom Autor. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Chile

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