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Reise-Reportage Die Karawane der Poesie in Chile

Schrifsteller Artur Becker flieht aus der winterlichen Kälte Europas in die Wärme Zentralchiles. Das ist aber nicht der einzige Grund für seine Reise.

Artur Becker
Artur Becker (hinten rechts) mit Indra Wussow, Di Lu Galay (l.) und Enrique Winter in Valparaíso. Foto: Artur Becker privat

Die Schönheit Valparaísos

In Valparaíso lädt uns Enrique zu seinem Creative-Writing-Kurs ein, und wir sprechen über unsere Identitäten: die nationalen, literarischen und metaphysischen Identitäten, für die sich die Kursteilnehmer dringend interessieren.

Mir bleibt von diesem Gespräch ein Satz im Gedächtnis, vor dem ich mich vor allem wegen seiner esoterischen Botschaft verneige, obwohl ich mit Esoterik, speziell in der Lyrik, wenig am Hut habe. Di behauptet, dass die Gedichte, die er schreibe, schon vor seiner Geburt auf der Welt existent gewesen seien, und er habe sie dann später, nach seiner Inkarnation, nur aufgeschrieben.

Indra und ich sind pragmatischer veranlagt, und ich glaube, dass Dichtung vor allem etwas mit unserem Willen zu tun hat: Der Wille als ein Impuls für ein Gedicht oder einen Roman zählt für mich mehr als die Kraft des poetischen Äthers und der Musen, die doch sehr launisch sein können. Manchmal schleicht sich natürlich das Daimonion ein, und dann kriechen die Gedichte oder Prosatexte tatsächlich aus einem dunklen, unbeschreiblichen Raum hervor, in dem alle Ideen brodeln wie in einem Topf. Doch der Wille, etwas zu tun und zu vollenden, ist viel stärker als eine dunkle und unausgesprochene Idee, die noch erst reifen will.

Enrique ist ein beseelter und positiv denkender Zeitgenosse, der den Widrigkeiten des Lebens mit Humor und schelmischem Lächeln begegnet. Die grauenhafte Erfahrung der Schikane und der Todesangst in der Pinochet-Diktatur, die Carmen und Rodrigo hatten machen müssen, wurde ihm erspart, obwohl er 1982 geboren wurde und als Kind ausreichend viel gesehen hatte – von dem, was Kinder lieber niemals sehen sollten. Er lächelt unentwegt und ist eigentlich permanent auf der Flucht, denn Bogota und New York, Deutschland und Polen und irgendwann einmal wieder Chile warten auf ihn und verführen ihn ständig: Ist man an einem Ort angekommen, schon möchte man wieder wegfahren – das ist seine Plage, sein Ansporn.

Die Gedichte, die er unterwegs schreibt, sind leichtfüßig: Sie schweben über den Menschen und der Erde, obwohl sie oft die schwierigsten Themen unserer Existenz beleuchten. Und Schönheit ist ihm sehr wichtig – die Schönheit der Poesie und der Frauen, die Schönheit der Verse und des Fernwehs, die Schönheit Valparaísos und der Sehnsucht nach der Kindheit und der polnischen Großmutter: Man findet die Schönheit nicht nur in seinen Gedichten, sondern auch im gewöhnlichen Gespräch mit Enrique im Café oder beim Spaziergang durch seine buntscheckige Stadt, weil er nie schlecht über andere Menschen redet, als würde er den Ratschlag von Jeanne Hersch befolgen, die ihrem Geliebten Milosz geraten hatte, Lästerer dringend zu meiden.

Haben wir irgendwelche Gemeinsamkeiten, Enrique?

Polen und Chile, gibt es irgendwelche Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Ländern? Außer dass die chilenischen und polnischen Dichter in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einige der schönsten Gedichte geschrieben haben, die insbesondere in Amerika gefeiert werden? Ich stelle diese Frage Enrique, und er sagt ja, eine Gemeinsamkeit gebe es – die Erfahrung der Alienation, weil sowohl Chile wie auch Polen Grenzgebiete seien: eben nicht nur im geopolitischen Sinne. Polens pazifischer Ozean heiße Russland. Ich staune über seine Aussage, da etwas Ähnliches auch Rodrigo gesagt hatte. Polen liege an der Grenze, hinter der etwas ganz anderes anfange.

Für die abendliche Lesung in einem Szenebuchladen von Valparaíso zieht sich Di festlich an: Er trägt einen hellblauen Longyi, einen sogenannten Wickelrock. Mit seiner traditionellen Tracht punktet er nicht nur bei Indra und mir, sondern auch beim chilenischen Publikum, und ich höre seiner birmanischen Sprache genauso gerne zu wie die Gäste des kleinen Buchladens – es ist eigentlich ein meditativer Gesang eines Spötters. Und Di liest im Stehen und seine Stirn und seine Augen glänzen, aber seine Gedichte bringen die Menschen zum Lachen, sein Stil ist ironisch und erinnert mich teilweise an die Amerikaner, an Allen Ginsberg und Philip Larkin, dessen Lyrik Enrique ins Spanische übersetzt.

Wir sind zur Lesung mit der Seilbahn gekommen, die Hügel Valparaísos hinunter in die Stadt: Wir lesen zusammen mit zwei jungen Dichtern aus Argentinien und einer älteren Dame aus Valparaíso in einem dunklen Keller, und ich habe das Gefühl, dass wir in die Hölle der Dichtung hinabgestiegen sind.

Etwa eine Woche später kommt Enrique nach Santiago de Chile, um sich zu verabschieden, und wir besuchen seine Großmutter im Altersheim, in einem abgelegenen Viertel dieser monströsen Hauptstadt Chiles. Die Pflegerinnen stammen meistens aus Kolumbien, und Frau Modzelewska-Wyrzykowska, die mir gleich zur Begrüßung sagt, sie vergesse leider in letzter Zeit so gut wie alles, spricht einwandfreies Polnisch, in dem ich keine Fehler entdecken kann. Seit 1945 lebt sie in Chile.

Enrique freut sich wie ein kleiner Junge, dass seine Großmutter endlich jemanden gefunden hat, mit dem sie in ihrer Muttersprache sprechen kann. Sie sagt, sie sei eine Polin, eine echte Polin, sie sei auch eine echte Chilenin, und sie habe sich in Politik nie eingemischt, sie sei jedoch vor dem Krieg geflohen. Ob in Europa immer noch Krieg herrsche? Ich sage, nein der Krieg sei endlich zu Ende gegangen. Wir befinden uns im Jahre 1945. 

Sie spricht auch mit ihrem Enkel auf Polnisch, und im nächsten Moment fragt sie ihn, ob er sich an den kleinen Bahnhof und die Gleise in ihrem Heimatort erinnern könne. Ja, sagt Enrique, er habe diese Frage intuitiv verstanden, und er antwortet auf Spanisch, er sei doch letztes Jahr in Polen gewesen, und den Bahnhof und die Gleise gebe es immer noch.

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Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Chile

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