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Reise-Reportage Die Karawane der Poesie in Chile

Schrifsteller Artur Becker flieht aus der winterlichen Kälte Europas in die Wärme Zentralchiles. Das ist aber nicht der einzige Grund für seine Reise.

Artur Becker
Artur Becker (hinten rechts) mit Indra Wussow, Di Lu Galay (l.) und Enrique Winter in Valparaíso. Foto: Artur Becker privat

Man möchte wegfahren und auf dem Pazifik verschwinden

Rodrigo zieht sich oft nach Los Molles zurück, an einen stillen Ort am Pazifik, dreieinhalb Autostunden von Santiago de Chile entfernt. Los Molles ist ein altes Fischerdorf und zugleich ein beliebter Badeort. Dort im Haus seiner Tante schreibt er seine Essays und liest Bücher, am liebsten Walter Benjamin und andere deutsche Philosophen wie Heidegger oder Nietzsche. Merkwürdigerweise konzentrieren sich unsere Gespräche nur auf deutsche Philosophen und Dichter – ab und zu taucht noch Michel Foucault auf. Der Rest Europas existiert in unserem Diskurs nicht, nicht einmal das Italien der Renaissance.

In Santiago de Chile mieten wir uns ein Auto und besuchen Rodrigo in seinem Exil am Pazifik.

Nicht alle Chilenen sind begeistert, wenn man die Landschaft ihres Landes bewundert und lobt: die Täler und Hügel mit den Weinstöcken, die Bergspitzen der Anden, die rostfarbenen Flüsse, die an die südafrikanischen Savannen erinnernden Weiten, die Verstecke im Kessel der Berge und Hügel, den unendlichen Ozean und die uralten Felswände und Abhänge der Küste. Vielleicht ist der Grund für ihre Abneigung gegen solche Lobeshymnen der, dass sie sich schon viel zu oft anhören mussten, wie gewaltig und scheinbar unerschöpflich die Schönheit der hiesigen Natur sei. In Anbetracht der Tatsache, dass bis heute nicht genau geklärt worden ist, was mit den sogenannten Desaparecidos, den Verschwundenen, während der Diktatur passiert ist, können wir verstehen, dass ein Chilene die Landschaft seines eigenen Landes als bedrohlich empfinden kann.

Jahr für Jahr gehen Frauen aus der Stadt Calama in die Atacama-Wüste, wo sich die Teleskope der Europäischen Südsternwarte ESO befinden, und suchen nach den Knochen ihrer von den Schergen Pinochets getöteten Ehemänner, Brüder und Väter. In der sandigen und felsigen Landschaft wurden ihre Leichen vor zig Jahren verscharrt. Und manchmal finden die Frauen Knochenreste oder einen Fetzen Kleidung. Aber das ist ihnen zu wenig. In Nostalgía de la Luz, einem poetisch-narrativen Dokumentarfilm von Patricio Guzmán, wird die Geschichte der Frauen aus Calama erzählt, und sie sagen, sie würden erst dann zur Ruhe kommen, wenn ihre Suche erfolgreich abgeschlossen sein werde. Jeder weiß, wie aussichtslos ihre Suche ist, und jeder weiß, dass die Frauen diese niemals aufgeben werden.

In Los Molles kaufen wir Wein und die Panadas, die chilenischen Piroggen. Und dass wir überhaupt noch ein paar Flaschen Wein ergattern können, ist ein Wunder – schließlich dürfen die Kneipiers an Feiertagen keinen Alkohol verkaufen: auch nicht an einem Wahltag. Rodrigo bereitet zusammen mit seinem Sohn, der aus den USA zu Besuch gekommen und einundzwanzig Jahre alt ist, ein klassisches Fleischgericht vor: zarten Lammrücken, der drei Stunden in einem Aluminiumbehälter auf dem Holzgrill schmort.

Auch an diesem Abend setzen wir unser Gespräch mit Rodrigo fort und stellen ihm Fragen, wobei es in den Abendstunden an der Pazifikküste schnell kühl wird, sodass der Holzgrill unaufhörlich arbeiten muss, vor allem zur Freude der Mücken. Unsere Fragen wiederholen sich, aber sie sind dringend, wir wollen wissen, warum es bei solchen Tätern wie zum Beispiel Osvaldo Romo, dem Pinochet-Henker und Agenten der Geheimpolizei DINA, keine Bereitschaft gegeben habe – selbst nicht nach seiner Verurteilung – zur Reue? Wir fragen Rodrigo nach dem Grund für Romos Brutalität und Uneinsichtigkeit, nach dem Ursprung dieser beispiellosen Brutalität, Kälte und Böswilligkeit. Wir denken, wir fragen vergeblich, da im Allgemeinen schwer verständlich ist, warum jemand kein Mitleid empfinden kann – wie soll man eine solche totale Böswilligkeit erklären? Rodrigo zögert jedoch nicht mit seiner Antwort, und sie erstaunt uns, denn sie fällt nüchtern aus.

Er sagt, dass in Chile die Fähigkeit zum Kampf gegen das perfide und brutale System der Militärjunta nicht vorhanden gewesen sei – man hätte sich total auflehnen und in den Krieg gegen die brutalen Schergen ziehen müssen. Und da dies nicht passiert sei, habe sich die Gegenseite stark und in ihrem Tun unantastbar gefühlt. Deshalb habe das Regime keine Skrupel mehr gezeigt und sei immer zügelloser und brutaler geworden, zumal der CIA mit saftigen Geldbeträgen und dem Knowhow Pinochet unterstützt habe – diese Unterstützung habe man als Bestätigung verstanden, dass man nichts Falsches mache. Und auch nach 1990 habe die chilenische Gesellschaft die Fähigkeit nicht besessen, sich gegen den Konsum zu wehren. Er sagte all dies ohne Empathie und mit kaltem Blut. Ich habe noch nie gehört, dass ein Intellektueller über sein eigenes Land ein solch scharfes Urteil abgegeben hat – nicht einmal in Deutschland.

Nach solch einer Antwort möchte man am liebsten in eines der Fischerboote steigen, wegfahren und auf dem Pazifik verschwinden, schießt es mir kurz den Kopf.

Und dann denke ich noch an etwas anderes: America First – Donald Trumps Wahlslogan ist in Wahrheit nichts Neues, weil, wie es Josif Brodsky zu sagen pflegte, die USA ähnlich wie Russland immer als ein Imperium handeln und das imperiale Denken niemals aufgeben würden. In den Siebzigern des letzten Jahrhunderts führten die USA in Lateinamerika die umfangreiche Operation Condor durch. Die Angst vor dem Einzug des sowjetischen Kommunismus und damit vor dem Verlust des amerikanischen Einflusses auf diesem Kontinent war viel zu groß. Ohne die Unterstützung durch den CIA wäre das Regime von Pinochet bestimmt niemals derart effizient und erfolgreich gewesen.

Doch nach dem Attentat in Washington 1976, bei dem nicht nur Allendes Politiker und Diplomat Orlando Letelier umgekommen war, sondern auch seine Assistentin Ronni Karpen Moffitt, eine amerikanische Staatsangehörige, hatte das chilenische Regime selbst für die Amerikaner eine rote Linie überschritten.

Nietzsche aus Deutschland und Nietzsche aus Chile

Wenige Tage später setzen wir in Santiago de Chile unser Gespräch mit Rodrigo fort. Ich kann Rodrigo kaum erklären, warum die polnische Transformation bzw. friedliche Revolution, die im selben Jahr angefangen hatte wie Chiles politische Wende, den Kommunismus für ein gescheiteres System erklärt hatte. Rodrigo ist ein lateinamerikanischer, chilenischer Sozialist und Trotzkist – mit seinem ganzen Herzen –, obgleich ihn Texte von westlichen Linken wie Michel Foucault oder Zygmunt Bauman genauso intensiv beschäftigen wie viele europäische Intellektuelle. Der alte Konflikt zwischen Pablo Neruda und Czeslaw Milosz lebt wieder auf: Nachdem Milosz 1951 als Diplomat im Dienste der Volksrepublik Polen in Paris ins Exil gegangen war, machte ihm der chilenische Dichter den Vorwurf, er sei ein Verräter der sozialistischen Idee.

Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht zerfleischen. Und wir geben uns dabei große Mühe. Aber Indra kommt uns Gott sei Dank zur Hilfe. Natürlich, im Westen müsse man, lächelt sie, links und sozialdemokratisch denken, obgleich im Rahmen der Gesetze und der Demokratie. Wir können wieder lachen und wundern uns über unsere unterschiedlichen Perspektiven auf die Geschichte und die Politik in unseren Heimatländern. Wir finden auch sofort ein weiteres gutes Beispiel dafür, wie unterschiedlich wir unsere Kulturgeschichte betrachten: Auf Indra und mich wirken die Texte von Nietzsche pathetisch, ernsthaft – unerträglich pathetisch, und der Ton seiner Sprache ist oft patriarchal.

Rodrigo muss erneut lachen. Er kann unsere Meinung nicht teilen, er habe Nietzsche auf Spanisch und Englisch gelesen, und seine Texte seien voller Ironie und sogar Sarkasmus – wie bei Kafka.

Enrique Winters „Leertasten“

Unsere Karawane der Poesie zieht weiter. Wir fahren nach Valparaíso, man braucht von Santiago für die Autobahnfahrt lediglich eineinhalb bis zwei Stunden, um die etwa 280.000 Einwohner zählende Hafenstadt am Pazifik zu erreichen.

In Valparaíso, wo Salvador Allende und Augusto Pinochet geboren wurden, treffen wir den jungen Dichter Enrique Winter, einen Freund von Indra. Ich kenne Enrique flüchtig vom Bremer Poetry-on-the-Road-Festival, da er in der Tat viel unterwegs ist, und so taucht er auch immer wieder in Europa auf. Zurzeit lebt er aber in Bogota, wo er an einem Roman über seine polnische Großmutter und ihre Emigrationsgeschichte arbeitet und wo er Creative-Writing-Kurse gibt.

In Valparaíso besitzt Enrique eines dieser typischen Häuser, die pastellfarben gestrichen und mit gewagten Graffitis verschönert sind. Im Wohnzimmer hängen Bilder von seinen polnischen Großeltern, den Auswanderern, doch er hat auch deutsche Wurzeln, was sein Nachname verrät.

Enriques Arbeitszimmer dient ihm auch als seine Schlafstätte, da die anderen Zimmer seines geräumigen Hauses, die zahlreich sind, an Studenten mit Babys vermietet werden – so bleibt das buntscheckige Haus lebendig und jung, und in Enriques Bücherregalen stoße ich auch auf Witold Gombrowicz, den er genauso bewundert wie Jorge Luis Borges. Die wichtigste literarische Erkenntnis meiner Reise nach Lateinamerika ist, dass Witold Gombrowicz hier ein Gott ist, ähnlich wie Pablo Neruda oder eben Borges. Nerudas Canto General kommt hier gleich nach der Bibel, und auf dieser Liste der wichtigsten lateinamerikanischen Bücher und Autoren ist Gombrowicz mit seinen Tagebüchern der Platz unter den ersten Zehn sicher, was mir Enrique empathisch bestätigt.

Valparaíso erinnert ein wenig an San Francisco, nicht nur deshalb, weil viele Häuser auf Hügeln stehen und die Straßen wellenartig und ziemlich steil nach unten, an die Küste, führen. Valparaíso ist ein von Künstlern, Autoren, Musikern und der Boheme beliebter Ort, und als jungfräulicher Besucher, der hier zum ersten Mal weilt, begreift man sofort, dass die Hafenstadt vor allen Dingen aufgrund ihrer malerischen Lage und der gewaltigen Aussicht auf den Ozean und die Bucht, in der Valparaíso liegt, Menschen aus aller Welt anzieht. Enrique fühlt sich hier jedenfalls wie in seinem Element – Santiago de Chile, wo seine polnische vierundneunzigjährige Großmutter und seine Eltern leben, vermisse er gar nicht, sagt er, die Lebensfreude, das Geheimnis unserer Existenz, die Dichtung und neue Aspiration könne er in Valparaíso ganz leicht finden, und ich wundere mich darüber nicht. Die Hafenstadt strahlt Leichtigkeit und Unbedarftheit aus, die es beide in Santiago de Chile nicht gibt. Und die zahlreichen Cafés, Bars, Restaurants, Boutiquen, Buch- und Souvenirläden sind nicht so aufdringlich wie die Konsumtempel, die Einkaufsgalerien, von Santiago.

Enriques Weg zur Dichtung scheint aber kein leichter gewesen zu sein: Von Beruf ist er Anwalt, und er hatte viele Jahre im Büro einer Bank verbracht, bevor er die Poesie und das Reisen für sich entdeckte. Mittlerweile wurden schon einige Bücher aus seiner Feder publiziert, und in Krakau ist 2017 eine Gedichtauswahl in polnischer Übersetzung erschienen: Puste spacje (Leertasten).

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Chile

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