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Reise-Reportage Die Karawane der Poesie in Chile

Schrifsteller Artur Becker flieht aus der winterlichen Kälte Europas in die Wärme Zentralchiles. Das ist aber nicht der einzige Grund für seine Reise.

Artur Becker
Artur Becker (hinten rechts) mit Indra Wussow, Di Lu Galay (l.) und Enrique Winter in Valparaíso. Foto: Artur Becker privat

Rodrigo Naranjo – Unter der Haut des Neoliberalismus

Unsere Karawane der Poesie zieht weiter. Im Museo de la solidaridad Salvador Allende treffen wir die junge Künstlerin Mariana Najmanovich. Ihre gelungenen Gemäldezyklen La Colonia und Funny Games II entführen uns wieder in die Zeit der Diktatur, des Terrors und der Vernichtung: Diese Themen scheinen so gut wie jeden chilenischen Künstler zu bewegen, unabhängig davon, ob er Alfredo Jaar heißt, der sich seit Jahrzehnten auch im Ausland großer Popularität erfreut, wie es der Dokumentarfilm JAAR el lamento de las imágenes von Paula Rodríguez Sickert zeigt, oder erst am Anfang seiner Karriere steht.

Chile mag ja, wie man es uns manchmal gern weismachen will, ein Land des Wirtschaftswunders sein, das viele Arbeitsmigranten zum Beispiel aus Kolumbien anziehe, doch unter der Haut des Neoliberalismus und der Globalisierung gärt die kollektive Unruhe der Künstler, Dichter und Philosophen.

Und wenn Rodrigo Naranjo, ein überzeugter Sozialist, auf dem Balkon meines Apartments im 21. Stockwerk sitzt, an seinem Rotwein nippt, eine Liebeserklärung nach der anderen an Santiago de Chile und seine Heimat macht und den sozialistischen Kampf gegen den Neoliberalismus beschwört, wird mir ein wenig warm ums Herz: Seine jungenhafte Naivität, die er sich bewahren konnte, gefällt mir, zumal er sich nach zwei, drei Gläsern Pisco – wobei er sich dann das Lachen nicht verkneifen kann – als einen Bewunderer der Komantschen outet, natürlich im Geiste des Widerstandes gegen die soziale Ungerechtigkeit des kapitalistischen Systems, das in seiner Heimat prächtig gedeiht und von dem westeuropäischen Sozialstaat weit entfernt ist.

Wir reden oft über die Offene Gesellschaft Karl Poppers und ob sie in die heutige postdiktatorische Welt Chiles Einzug gehalten habe. Rodrigo ist skeptisch, in den Achtzigern war er ein radikaler Trotzkist und Revoluzzer. Sein Vater wurde zwischen 1978 und 1979 von den Henkern der Geheimpolizei gefoltert, Rodrigos Freundin hatte viele Jahre im Gefängnis gesessen – mit anderen Worten: ein ganz normales Schicksal vieler Chilenen. Er erinnert sich auch mit Schrecken an die Helikopter, die ständig über der chilenischen Hauptstadt flogen, um, wie er erzählt, Verdächtige aus der Luft aufzuspüren und Angst zu verbreiten. Gehörten sie einst zu der berüchtigten Caravana de la Muerte (Karawane des Todes), die 1973 unter dem Kommando des Generalmajors Sergio Arellano Stark auf ihren Hubschrauberflügen von Süd nach Nord die Bevölkerung terrorisiert hat? Fragen über Fragen.

Rodrigo liest jedenfalls nicht nur philosophische und politische Texte. Er liebt auch die Dichtung und ganz besonders den Dichter César Vallejo, der ihm wichtiger ist als der gute alte Onkel Neruda, der Freund des Volkes, wie er spöttisch sagt. Ich begreife auch, warum er Vallejo schätzt: Rodrigo interessiert sich für die dunkle Seite des Mondes unserer Existenz, und Vallejos Dichtung ist düster, durchdrungen vom ontologischen Schmerz, avantgardistisch, ja – prophetisch. Vallejo starb 1938, aber ähnlich wie in der Dichtung von Czeslaw Milosz, einem anderen Katastrophisten, ging es in seinem Werk um die Vorahnung der nahenden Katastrophe, welche die Menschheit in Hiroshima und Auschwitz ereilen sollte.

Ist Rodrigo ein Optimist?, frage ich mich immer wieder. An der Universidad Metropolitana de Ciencias de la Educación UMC in Santiago hatte er seinerzeit über Walter Benjamin geforscht – vielleicht ist Rodrigo bloß ein Kulturpessimist?

Auf jeden Fall scheint er kein angenehmer Zeitgenosse für die chilenischen Universitäten zu sein – wobei einige von ihnen unter der Obhut der katholischen Kirche stehen –, weil er ein kritischer, rebellischer und subversiver Geist ist. Rodrigos politische Haltung eines Sozialisten und Skeptikers wird vielen Rektoren ein Dorn im Auge sein … Immerhin hatte er einige Jahre in den USA gelehrt, was schon als eine Leistung betrachtet werden kann, bedenkt man, wie prüde und misstrauisch die Amerikaner eben auch auf dem Campus sein können: Eine Verbrüderung mit Studenten kann für den Hochschullehrer oft unangenehme Folgen haben. Im Übrigen: Universidad de Chile in Santiago ist eine der größten und ältesten in Lateinamerika, und der erste Rektor war Ignacy Domeyko, der polnische Geologe und Mineraloge, der bis heute in Chile eine Berühmtheit ist und wie ein Held gefeiert wird – das weiß auch Rodrigo, obwohl ihm ganz andere Helden seinen Lebensweg beleuchten.

Der Kampf der Mapuche, der Kautschuk aus Kongo

Rodrigo zeigt uns eines Nachmittags seine Bücher. Eines davon ist ein dicker Wälzer. Er hatte Zeugnisse in Form von Briefen, Interviews und Texten von politischen Häftlingen aus aller Herren Länder gesammelt und kommentiert. Wir reden deshalb rasch über den Kolonialismus: Für mich, der ich das erste Mal in meinem Leben Lateinamerika besuche, ist dieses Thema – hautnah erlebt – Neuland, aber nicht für Indra, die in Südafrika mit schwarzen Künstlern und Autoren zusammenarbeitet; nicht für Rodrigo, der uns von den zahlreichen und nicht aufhören wollenden Konflikten zwischen den Mapuche, dem indigenen Volk seiner Heimat, und der chilenischen Regierung erzählt; nicht für Di, dessen Land bis 1945 zu Britisch-Indien gehört hat und erst 1948 unabhängig wurde.

Indra, die eine leidenschaftliche Empirikerin ist und vom Kolonialismus mehr versteht als viele Theoretiker und Spezialisten auf diesem Gebiet, zeigt uns schließlich einen Videofilm, den sie 2010 während der von ihr produzierten Tanztheateraufführung in Soweto gedreht hat: Das Stück heißt Tempered Souls und handelt von der Sklaverei. Itumeleng Mokgope, der Choreograf und Tänzer in dieser Produktion, sagt in einem Interview: „Im 19. Jahrhundert wurden Afrikaner in der belgischen Kolonie Kongo gezwungen, in den Kautschukplantagen zu arbeiten. Wer immer sich dagegen wehrte, dem wurden die beiden Hände abgeschlagen. In den Reifen steckt auch dieses Erbe der Sklaverei.“ Mokgopes Tanz mit den Reifen in Tempered Souls ist ein Aufschrei gegen das Vergessen und Verdrängen der Geschichte der Sklaverei in Afrika, ja, letztendlich ein Aufschrei nicht nur gegen die Brutalität der ehemaligen Kolonialisten, sondern gegen den Rassismus, der immer noch auf der ganzen Welt zu finden ist.

Rodrigo gibt zu bedenken, dass die Mapuche bis heute die Chilenen als Kolonialisten und Eroberer ansehen würden, und Indra kommt dann auf solche Klischees zu sprechen, die in unseren weiß-europäischen Köpfen am stärkstem verankert sind: Soweto würden die meisten Weißen, die zu Besuch nach Johannesburg kämen, meiden wie die Pest – aus Angst vor Raub und Gewalt. Dabei habe sie schon etliche Kunstprojekte in Soweto durchgeführt wie zum Beispiel das besagte Tanztheaterstück Tempered Souls. Doch die Stereotype der Europäer würden manchmal auch ganz seltsame Formen annehmen, eben auch in unserer Zeit, sagt Indra. Bei uns im Westen, speziell in Deutschland, würde man sich für weiße Autoren aus Südafrika, obwohl sie gute Bücher schrieben, kaum interessieren – ein Autor aus Afrika müsse schwarz sein, dann sei er für den Buchmarkt interessant.

Rodrigo schließt unser Gespräch über den Kolonialismus mit einer unglaublichen Geschichte ab: über einen jungen Mapuche, der Pinochet schmalzige, Bewunderung für den General ausdrückende Briefe geschrieben habe und eine Art Maskottchen des Diktators gewesen sei. Rodrigo sagt nicht ohne Ironie, der Kleine sei sehr begabt gewesen – wie Oskar Matzerath …

Und ich staune im nächsten Moment über romantische Klischees, die sich diesmal in meinem Kopf einnisten: Jedes Mal, wenn ich von meinem Balkon aus im 21. Stockwerk die Anden anschaue, male ich mir aus, wie sich die Mapuche in den Bergen verstecken und für den nächsten Kampf gegen die Kolonialisten vorbereiten.

Meine Vorstellung sei gar nicht so abwegig, korrigiert mich Rodrigo, die Mapuche würden regelmäßig auf die Straße gehen und demonstrieren – das indigene Volk wolle sein Land zurückhaben, aber die chilenische Verfassung stehe seinem Vorhaben im Wege.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Chile

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