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Reise-Reportage Die Karawane der Poesie in Chile

Schrifsteller Artur Becker flieht aus der winterlichen Kälte Europas in die Wärme Zentralchiles. Das ist aber nicht der einzige Grund für seine Reise.

Artur Becker
Artur Becker (hinten rechts) mit Indra Wussow, Di Lu Galay (l.) und Enrique Winter in Valparaíso. Foto: Artur Becker privat

Der Myanmare Di Lu Galay mitten in Chile

Der Myanmare Di Lu Galay ist Anfang Dreißig und kommt aus Yangon: „Transformation und Identität – Trauma und Versöhnung“ scheint auch ihm kein fremdes Thema zu sein, schließlich erzählt er andauernd von übereifrigen Armeeoffizieren und Generälen, die in seiner Heimat immer noch heimlich regieren, und von der langsamen Öffnung seines Landes für Ausländer und Sitten der Globalisierung, die seit einigen Jahren auch in Myanmar Einzug halten, und er erzählt auch von der Vertreibung der sunnitischen Moslems, der im Westen seines Landes lebenden Rohingya.

Ich wundere mich kaum, dass Di in Santiago de Chile manchmal den Kopf abwendet und die Spuren und Zeugnisse, die an die grausamen Morde der Pinochet-Diktatur erinnern, nicht sehen möchte. In seiner Heimat hatte doch die Militärdiktatur über Jahrzehnte geherrscht – während der sozialistischen Revolution, in der Zeit des Ne-Win-Regimes, und später von 1988 bis 2010, als es ständige Querelen zwischen dem Militär und der Opposition unter der Ägide von Aung San Suu Kyi, der Vorsitzenden der Nationalen Liga für Demokratie, gegeben hatte.

Ja, Di flüchtet geradezu vor dem Grauen, und vielleicht gibt es noch einen anderen Grund für sein distanziertes Verhalten gegenüber der neuesten Geschichte Chiles: Er ist Debütant, der zweiwöchige Besuch in Chile ist seine erste große Kontinentalreise, die er als Dichter unternimmt; er will vor allem überall dort, wo es ein geeignetes Publikum gibt, seine Gedichte vortragen, die speziell für diese weite Reise ins Englische übertragen und in seinem ersten Gedichtband The Murderer’s Handwriting publiziert wurden, und während einer Weinprobe in der weltbekannten Weinregion Colchagua findet er für seine Dichtung dankbare Zuhörer aus Kanada.

Wenn er die nach Chile mitgebrachten Gedichte auf Birmanisch, in seiner Mutter- und Schreibsprache, vorträgt, erntetet er begeisterten Applaus, denn wann kann man schon moderne Lyrik auf Birmanisch hören? Ein dichtender Rechtsanwalt, Atheist und Nonkonformist, der bei jeder Gelegenheit seine Regierung kritisiert und auf Facebook Selfies eines erdabgewandten Poeten publiziert, ist zwar in den sozialen Netzwerken nichts Besonderes, aber Di, der nicht als ein exotischer Vogel aus Myanmar gelten will, kommt trotzdem aus einem für uns unbekannten „Märchen“, wie man im Polnischen sagt, als wäre er von einem anderen Planeten, und den Eindruck hat man dann, wenn man sich seine birmanische Schrift anschaut, eine Mischung aus dem Alphabet und der Silbenschrift, die sogenannte Abugida.

Was uns aber auf jeden Fall miteinander verbindet und die ganze Zeit beschäftigt, ist die Frage, ob zwischen Opfern und Tätern eine Versöhnung möglich sei. Diese Frage stellen wir universell, es geht nicht nur um die Foltergefängnisse der Pinochet-Schergen und ihre Opfer. Uns wird nämlich schon nach wenigen Tagen eines bewusst: Wir sind in Chile und gleichzeitig – mit dem anderen Fuß – in Myanmar. Dieses Doppelleben verdanken wir Di, der ständig einen Satz wiederholt: „In Myanmar ist das alles anders …“ Und trotz dieser Doppelung und der Vergleiche fällt es Di schwer zu akzeptieren, dass eine Rechnung kaum aufgehen kann: Das Grauen hat jedes Mal einen konkreten Namen, da jeder Mensch dem Bösen individuell begegnet und mit ihm fertig werden muss – auf seine eigene, einzigartige Art und Weise –, und deshalb gehe es leider nicht immer um das gleiche Grauen, wie Di behauptet, das man überall, an jedem Ort dieser Erde, zu Gesicht bekommen könne: auf den Killing Fields oder in der Villa Grimaldi, einem der vielen Foltergefängnisse Santiagos zu Zeiten der Pinochet-Diktatur.

Carmen Berenguer – Grande Madame der chilenischen Dichtung

Zum Glück gibt es Zeugnisse der Zeitzeugen, die jedem Zweifler den Wind aus den Segeln nehmen können. Die zweiundsiebzigjährige Dichterin und Feministin Carmen Berenguer erzählt uns einige grausige Geschichten, die sich in Chile während der Pinochet-Zeit täglich abspielten, obwohl auf den Straßen das Leben scheinbar in ihren gewohnten Bahnen verlief, als hätte es den Putsch von 1973 niemals gegeben.

Anfang der Achtzigerjahre gehörte Carmen zu der Boheme Santiago de Chiles. Dichter, Künstler und Oppositionelle trafen sich regelmäßig in einer privaten Wohnung einer Mietskaserne, um zu diskutieren, ihre neusten Arbeiten zu präsentieren und Partys zu feiern. An diese Zeit können sich auch Carmens Kollegen und Wegbegleiter Rodrigo Naranjo, der Philosoph aus Santiago, und Jesús Sepúlveda, ein heute in den USA lebender Lyriker, gut erinnern, obwohl sie damals junge Spunde gewesen sind. Und bei einem Glas Rotwein erzählt Carmen davon, dass sie erst nach dem Beginn der Transformation des politischen Systems in Chile 1989 begriffen habe, wie allgegenwärtig und nah beieinander das Grauen und die Gefahr, gefangengenommen oder getötet zu werden, im Diktaturalltag gewesen seien, obwohl man es oft gar nicht gemerkt habe. Im selben Haus, in dem sie sich mit ihren Freunden regelmäßig getroffen habe, habe es eine Wohnung gegeben, in der die Geheimpolizei Menschen gefoltert und getötet habe, praktisch eine Etage tiefer.

Die 2008 mit Premio Iberoamericano de Poesía Pablo Neruda, dem in Lateinamerika wichtigsten Preis für spanischsprachige Dichtung, ausgezeichnete Carmen Berenguer ist unsere Nachbarin; sie wohnt wie wir in der Nähe der bei den Touristen beliebten Kneipenmeile, der Constitucìon-Straße. Damit ist sie auch eine Nachbarin von Neruda, dessen in ein Museum verwandelte Villa La Chascona für 7000 Pesos (etwa 9.50 Euro) Eintritt und vor dem Diner in einem der zahlreichen und naheliegenden Restaurants in der Constitucìon besucht werden kann. La Chascona, die Neruda mit seiner dritten Frau Matilde Urrutia bewohnt hatte, wurde in den ersten Tagen des Pinochet-Putsches devastiert. Neruda besaß noch zwei weitere Häuser: die Meeresvilla in Isla Negra, der wilden Küstenregion, und die Villa La Sebastiana in Valparaíso – beide Domizile sind heute ebenso Museen und in Zentralchile beliebte Ausflugsorte, wobei man als Besucher der drei Domizile schon darüber staunt, wie bombastisch und barockverliebt einer der größten Dichter Lateinamerikas gewohnt hatte, bedenkt man, dass er ein leidenschaftlicher Kommunist und Anhänger Salvador Allendes gewesen war.

Aber Carmen fasziniert nicht nur als eine Grande Madame der chilenischen Dichtung, die es liebt, junge Dichter um sich zu scharen, natürlich als ihr königliches Gefolge, das sie überall begleitet. Di und ich lesen eines Abends auf ihre Einladung hin im alten Schriftstellerhaus, La casa del escritor: Carmen moderiert. Doch eigentlich lässt sie nur unsere Gedichte in der spanischen Übersetzung von ihren Jüngern vorlesen. Ihre bloße Anwesenheit reicht vollkommen, um dem Abend die nötige poetische Würde zu verleihen. Ihr langes schwarzes Haar mit den grauen Strähnen, das von überwundener Krankheit gezeichnete Gesicht und der Stolz auf all die Freunde, die ihre Ideale weder während der Diktatur noch nach der Transformation 1990 verraten haben, fügen sich zu einem Porträt zusammen, das sofort gemalt werden will – am besten im Stil von Joni Mitchell: farbenprächtig, melancholisch und edelmütig.

Gaston Salvatore – der Venezianer aus Chile

Eines Abends frage ich Carmen, ob sie Gaston Salvatore, geboren in Val-paraíso, gekannt habe, den angeheirateten Neffen von Salvador Allende, den Dramatiker, die enigmatische Gestalt der westdeutschen Studentenbewegung der Sechzigerjahre, den Freund von Rudi Dutschke und Hans Magnus Enzensberger? Nein, sie habe ihn nicht gekannt. Aber ich, antworte ich.

Ich muss Carmen erklären, wer Gaston überhaupt gewesen ist. Den Chilenen fällt es manchmal schwer zu verstehen, dass sich ihre Landsleute, die ins Exil geflohen sind, auch als Opfer der Pinochet-Diktatur gefühlt haben. Der Fall Gaston Salvatore ist allerdings etwas komplizierter.

Er kam in die BRD bereits 1965, um an der FU ein Studium aufzunehmen. 1967 demonstrierte er gemeinsam mit Dutschke und Tausend anderen gegen den Fritz-Teufel-Prozess. Dann geriet er selbst in die Mühlen der bundesrepublikanischen Justiz und wurde 1969 zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Er floh zwar vor dem Gefängnis nach Chile, kehrte jedoch in die damals spießig-muffige Bundesrepublik wieder zurück.

In Venedig, wo Gaston nach seinem Bruch mit der roten Studentenrevolte, aber auch mit Deutschland bis zu seinem Tod im Jahre 2015 gelebt hatte, waren wir uns immer wieder begegnet. Jedes Gespräch mit ihm ähnelte einem Boxkampf. Er stellte eine Gretchenfrage nach der anderen, er provozierte bis aufs Blut, man brauchte starke Nerven und viel Geduld. Bestand man die harte Prüfung irgendwann, das eigentümliche Kreuzverhör, wurde man in sein Herz geschlossen und bei ihm zu Hause in Dorsoduro, einem der schönsten Stadtviertel Venedigs, herzlich empfangen. Den Pinochet-Putsch hätte Gaston mit Sicherheit nicht überlebt, wäre er in Chile geblieben.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Chile

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