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Reise-Reportage Die Karawane der Poesie in Chile

Schrifsteller Artur Becker flieht aus der winterlichen Kälte Europas in die Wärme Zentralchiles. Das ist aber nicht der einzige Grund für seine Reise.

Artur Becker
Artur Becker (hinten rechts) mit Indra Wussow, Di Lu Galay (l.) und Enrique Winter in Valparaíso. Foto: Artur Becker privat

Jeden Morgen – ich wohne im 21. Stockwerk eines für Santiago de Chile typischen Hochhauses mit vier Fahrstühlen und hunderten von kleinen Apartments – begrüßt mich der Fluss Río Mapocho, dessen Quelle in den Anden liegt: Seine Strömung sorgt für gewaltigen Lärm, er hat es sehr eilig, wie sich das für einen richtigen Bergfluss gehört, und er wird nicht vom Großstadtverkehr der Schnellstraßen, die an seinen zubetonierten Ufern entlangführen, übertönt. Er ist rotbraun gefärbt, als würde er jeden Tag den rostfarbenen Sand der Anden für die Goldschürfer wegspülen.

Die Hauptstadt Chiles liegt fünfhundert Meter über dem Meeresspiegel in einem Talkessel zu Füßen der heiligen Gebirgskette Lateinamerikas – den Anden. Für den Blutdruck und den Liebhaber des chilenischen Weines ist Santiagos mildes Wetter ausgezeichnet, man hat keine Kopfschmerzen, man fühlt sich jeden Tag wohl, obwohl die Temperaturen im Dezember oder Januar bis auf zweiunddreißig Grad klettern können.

Doch mir tut dieses heiße Wetter gut, ich bin schließlich aus der winterlichen Kälte Europas für einen Monat in die Wärme Zentralchiles geflohen. Das ist aber nicht der einzige Grund für meine weite Reise.

Chiles Dichtung und Geschichte im 20. Jahrhundert beschäftigen und faszinieren mich schon seit meiner Auswanderung nach Westdeutschland im Jahre 1985, was daran liegt, dass ich damals im Kalten Krieg und auch später nach der Wende immer wieder Exilchilenen begegnete, die mir von Pablo Nerudas Dichtung und Pinochets Militärdiktatur erzählten. Meine Faszination für dieses von der Geschichte hart geprüfte Land rührt wahrscheinlich auch daher, dass ich in einer geteilten Gesellschaft voller Widersprüche aufgewachsen bin: in der Volksrepublik Polen; und Chile ist ebenfalls voller Widersprüche. Es geht also um die ewige Frage: Wie kann ein Volk zwei ungleiche Brüder hervorbringen, nämlich einen Sozialisten und einen Faschisten; einen weltberühmten Dichter und einen grausamen, ebenso weltberühmten Diktator?

Und mich verband noch das Fernweh mit Chile, die Sehnsucht nach Patagonien, nach dem Pazifik, nach der Atacama-Wüste mit den Sternen über ihr und nach den Weinbergen und -tälern, die man bei uns aus Italien oder Frankreich kennt.

Ich hatte also keinerlei Bedenken, als ich Indra Wussows, der Kuratorin der Sylt-Foundation, Einladung zu ihrem internationalen und auf mehrere Jahre angelegten Projekt „Transformation und Identität – Trauma und Versöhnung“ erhalten hatte.

Santiago Hundeurin, Zuckerwatte und heiße Backwaren

Schon nach wenigen Tagen in Santiago de Chile wurde mir klar, wie wenig originell meine Vorstellungen von diesem Land waren: vor dem Abflug ans Ende der Welt, wo es hinter dem Horizont des größten Ozeans der Erde nur noch die Osterinsel mit ihren finster in die Ferne schauenden Moai, den riesigen Steinstatuen, gibt; steinerne, düstere Gesichter, die jeder kennt.

Die chilenische Hauptstadt ist ein furchtbarer Moloch wie New York oder London. Es regnet hier nie – zumindest nicht im Sommer. Deshalb muss man mit dem feinen Staub der Straßen und Bürgersteige einen Freundschaftspakt schließen, er wird auf dunklen Flächen sofort sichtbar, er setzt sich überall ab, man muss sich daran schnell gewöhnen. Und man muss auch die herrenlosen Hunde, die die Parks, die Gassen und die Plätze zahlreich bevölkern, ebenso lieben lernen, denn sie verlassen sich voll und ganz auf die Stadtbewohner: Sie überqueren die verkehrsreichen Straßen meist nur dann, wenn sich die Fußgänger endlich in Bewegung setzen – wie die Menschen warten die Hunde auf das Umschalten der Ampel auf Grün, denkt man schnell, steht man vor dem Zebrastreifen.

Die Bäume in den Parks werden jeden Tag gegossen, und überall riecht es leicht süßlich nach Hundeurin, Zuckerwatte und heißen Backwaren. Ein merkwürdiger Geruchmix, der mich an meine sozialistisch-katholische Kindheit in Polen erinnert: So hat manchmal auch unser Sommer in den Straßen der Kleinstädte gerochen, in der Provinz.

Überhaupt scheint mir Santiago de Chile ein seltsamer, aber zugleich sympathischer Ort zu sein, da er mir ziemlich bekannt vorkommt, als wäre ich in dieser Stadt geboren – einer Stadt, in der etwa die Hälfte der Bevölkerung dieses Landes lebt, und bedenkt man, dass Chile mehr als viertausend Kilometer lang ist und damit als Staat über die längste Küste der Welt verfügt, wird einem sofort klar, wie dünn dieser schmale Gürtel Lateinamerikas besiedelt ist.

Ich mag die chilenische Hauptstadt, es ist Liebe auf den ersten Blick: Der Neoliberalismus, d. i. die urbane Welt der amerikanischen Wolkenkratzer und der weltweit gleich aussehenden Einkaufsgalerien (der Konsumtempel unserer Epoche), die europäischen Jugendstilhäuser und solche Gebäude, die bis heute in jedem ehemaligen sozialistischen Staat Osteuropas zu finden sind, bewirken schnell, dass ich mich hier heimisch fühle; ein bisschen wie im Westen und ein bisschen wie in meiner alten Volksrepublik Polen der Achtzigerjahre und der Zeit kurz nach der Wende.

Indra Wussow, mit der ich seit fast zwanzig Jahren befreundet bin, lebt zwar im südafrikanischen Johannesburg, doch sie ist so gut wie überall auf der Welt zu Hause, was sie ihren zahlreichen Reisen im Rahmen ihrer Arbeit als Kuratorin zu verdanken hat: Auch in Chile, das sie schon mehrere Male besucht hat, kommt sie mir wie eine Einheimische vor. Innerhalb weniger Tage macht sie mich und den zweiten Gast der Sylt-Foundation, den jungen Dichter und Rechtsanwalt Di Lu Galay aus Myanmar, mit ihren chilenischen Freunden bekannt: der Ikone der chilenischen Lyrik Carmen Berenguer, dem Philosophen und Autor Rodrigo Naranjo und dem Dichter Enrique Winter.

Der Myanmare Di Lu Galay mitten in Chile

Der Myanmare Di Lu Galay ist Anfang Dreißig und kommt aus Yangon: „Transformation und Identität – Trauma und Versöhnung“ scheint auch ihm kein fremdes Thema zu sein, schließlich erzählt er andauernd von übereifrigen Armeeoffizieren und Generälen, die in seiner Heimat immer noch heimlich regieren, und von der langsamen Öffnung seines Landes für Ausländer und Sitten der Globalisierung, die seit einigen Jahren auch in Myanmar Einzug halten, und er erzählt auch von der Vertreibung der sunnitischen Moslems, der im Westen seines Landes lebenden Rohingya.

Ich wundere mich kaum, dass Di in Santiago de Chile manchmal den Kopf abwendet und die Spuren und Zeugnisse, die an die grausamen Morde der Pinochet-Diktatur erinnern, nicht sehen möchte. In seiner Heimat hatte doch die Militärdiktatur über Jahrzehnte geherrscht – während der sozialistischen Revolution, in der Zeit des Ne-Win-Regimes, und später von 1988 bis 2010, als es ständige Querelen zwischen dem Militär und der Opposition unter der Ägide von Aung San Suu Kyi, der Vorsitzenden der Nationalen Liga für Demokratie, gegeben hatte.

Ja, Di flüchtet geradezu vor dem Grauen, und vielleicht gibt es noch einen anderen Grund für sein distanziertes Verhalten gegenüber der neuesten Geschichte Chiles: Er ist Debütant, der zweiwöchige Besuch in Chile ist seine erste große Kontinentalreise, die er als Dichter unternimmt; er will vor allem überall dort, wo es ein geeignetes Publikum gibt, seine Gedichte vortragen, die speziell für diese weite Reise ins Englische übertragen und in seinem ersten Gedichtband The Murderer’s Handwriting publiziert wurden, und während einer Weinprobe in der weltbekannten Weinregion Colchagua findet er für seine Dichtung dankbare Zuhörer aus Kanada.

Wenn er die nach Chile mitgebrachten Gedichte auf Birmanisch, in seiner Mutter- und Schreibsprache, vorträgt, erntetet er begeisterten Applaus, denn wann kann man schon moderne Lyrik auf Birmanisch hören? Ein dichtender Rechtsanwalt, Atheist und Nonkonformist, der bei jeder Gelegenheit seine Regierung kritisiert und auf Facebook Selfies eines erdabgewandten Poeten publiziert, ist zwar in den sozialen Netzwerken nichts Besonderes, aber Di, der nicht als ein exotischer Vogel aus Myanmar gelten will, kommt trotzdem aus einem für uns unbekannten „Märchen“, wie man im Polnischen sagt, als wäre er von einem anderen Planeten, und den Eindruck hat man dann, wenn man sich seine birmanische Schrift anschaut, eine Mischung aus dem Alphabet und der Silbenschrift, die sogenannte Abugida.

Was uns aber auf jeden Fall miteinander verbindet und die ganze Zeit beschäftigt, ist die Frage, ob zwischen Opfern und Tätern eine Versöhnung möglich sei. Diese Frage stellen wir universell, es geht nicht nur um die Foltergefängnisse der Pinochet-Schergen und ihre Opfer. Uns wird nämlich schon nach wenigen Tagen eines bewusst: Wir sind in Chile und gleichzeitig – mit dem anderen Fuß – in Myanmar. Dieses Doppelleben verdanken wir Di, der ständig einen Satz wiederholt: „In Myanmar ist das alles anders …“ Und trotz dieser Doppelung und der Vergleiche fällt es Di schwer zu akzeptieren, dass eine Rechnung kaum aufgehen kann: Das Grauen hat jedes Mal einen konkreten Namen, da jeder Mensch dem Bösen individuell begegnet und mit ihm fertig werden muss – auf seine eigene, einzigartige Art und Weise –, und deshalb gehe es leider nicht immer um das gleiche Grauen, wie Di behauptet, das man überall, an jedem Ort dieser Erde, zu Gesicht bekommen könne: auf den Killing Fields oder in der Villa Grimaldi, einem der vielen Foltergefängnisse Santiagos zu Zeiten der Pinochet-Diktatur.

Carmen Berenguer – Grande Madame der chilenischen Dichtung

Zum Glück gibt es Zeugnisse der Zeitzeugen, die jedem Zweifler den Wind aus den Segeln nehmen können. Die zweiundsiebzigjährige Dichterin und Feministin Carmen Berenguer erzählt uns einige grausige Geschichten, die sich in Chile während der Pinochet-Zeit täglich abspielten, obwohl auf den Straßen das Leben scheinbar in ihren gewohnten Bahnen verlief, als hätte es den Putsch von 1973 niemals gegeben.

Anfang der Achtzigerjahre gehörte Carmen zu der Boheme Santiago de Chiles. Dichter, Künstler und Oppositionelle trafen sich regelmäßig in einer privaten Wohnung einer Mietskaserne, um zu diskutieren, ihre neusten Arbeiten zu präsentieren und Partys zu feiern. An diese Zeit können sich auch Carmens Kollegen und Wegbegleiter Rodrigo Naranjo, der Philosoph aus Santiago, und Jesús Sepúlveda, ein heute in den USA lebender Lyriker, gut erinnern, obwohl sie damals junge Spunde gewesen sind. Und bei einem Glas Rotwein erzählt Carmen davon, dass sie erst nach dem Beginn der Transformation des politischen Systems in Chile 1989 begriffen habe, wie allgegenwärtig und nah beieinander das Grauen und die Gefahr, gefangengenommen oder getötet zu werden, im Diktaturalltag gewesen seien, obwohl man es oft gar nicht gemerkt habe. Im selben Haus, in dem sie sich mit ihren Freunden regelmäßig getroffen habe, habe es eine Wohnung gegeben, in der die Geheimpolizei Menschen gefoltert und getötet habe, praktisch eine Etage tiefer.

Die 2008 mit Premio Iberoamericano de Poesía Pablo Neruda, dem in Lateinamerika wichtigsten Preis für spanischsprachige Dichtung, ausgezeichnete Carmen Berenguer ist unsere Nachbarin; sie wohnt wie wir in der Nähe der bei den Touristen beliebten Kneipenmeile, der Constitucìon-Straße. Damit ist sie auch eine Nachbarin von Neruda, dessen in ein Museum verwandelte Villa La Chascona für 7000 Pesos (etwa 9.50 Euro) Eintritt und vor dem Diner in einem der zahlreichen und naheliegenden Restaurants in der Constitucìon besucht werden kann. La Chascona, die Neruda mit seiner dritten Frau Matilde Urrutia bewohnt hatte, wurde in den ersten Tagen des Pinochet-Putsches devastiert. Neruda besaß noch zwei weitere Häuser: die Meeresvilla in Isla Negra, der wilden Küstenregion, und die Villa La Sebastiana in Valparaíso – beide Domizile sind heute ebenso Museen und in Zentralchile beliebte Ausflugsorte, wobei man als Besucher der drei Domizile schon darüber staunt, wie bombastisch und barockverliebt einer der größten Dichter Lateinamerikas gewohnt hatte, bedenkt man, dass er ein leidenschaftlicher Kommunist und Anhänger Salvador Allendes gewesen war.

Aber Carmen fasziniert nicht nur als eine Grande Madame der chilenischen Dichtung, die es liebt, junge Dichter um sich zu scharen, natürlich als ihr königliches Gefolge, das sie überall begleitet. Di und ich lesen eines Abends auf ihre Einladung hin im alten Schriftstellerhaus, La casa del escritor: Carmen moderiert. Doch eigentlich lässt sie nur unsere Gedichte in der spanischen Übersetzung von ihren Jüngern vorlesen. Ihre bloße Anwesenheit reicht vollkommen, um dem Abend die nötige poetische Würde zu verleihen. Ihr langes schwarzes Haar mit den grauen Strähnen, das von überwundener Krankheit gezeichnete Gesicht und der Stolz auf all die Freunde, die ihre Ideale weder während der Diktatur noch nach der Transformation 1990 verraten haben, fügen sich zu einem Porträt zusammen, das sofort gemalt werden will – am besten im Stil von Joni Mitchell: farbenprächtig, melancholisch und edelmütig.

Gaston Salvatore – der Venezianer aus Chile

Eines Abends frage ich Carmen, ob sie Gaston Salvatore, geboren in Val-paraíso, gekannt habe, den angeheirateten Neffen von Salvador Allende, den Dramatiker, die enigmatische Gestalt der westdeutschen Studentenbewegung der Sechzigerjahre, den Freund von Rudi Dutschke und Hans Magnus Enzensberger? Nein, sie habe ihn nicht gekannt. Aber ich, antworte ich.

Ich muss Carmen erklären, wer Gaston überhaupt gewesen ist. Den Chilenen fällt es manchmal schwer zu verstehen, dass sich ihre Landsleute, die ins Exil geflohen sind, auch als Opfer der Pinochet-Diktatur gefühlt haben. Der Fall Gaston Salvatore ist allerdings etwas komplizierter.

Er kam in die BRD bereits 1965, um an der FU ein Studium aufzunehmen. 1967 demonstrierte er gemeinsam mit Dutschke und Tausend anderen gegen den Fritz-Teufel-Prozess. Dann geriet er selbst in die Mühlen der bundesrepublikanischen Justiz und wurde 1969 zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Er floh zwar vor dem Gefängnis nach Chile, kehrte jedoch in die damals spießig-muffige Bundesrepublik wieder zurück.

In Venedig, wo Gaston nach seinem Bruch mit der roten Studentenrevolte, aber auch mit Deutschland bis zu seinem Tod im Jahre 2015 gelebt hatte, waren wir uns immer wieder begegnet. Jedes Gespräch mit ihm ähnelte einem Boxkampf. Er stellte eine Gretchenfrage nach der anderen, er provozierte bis aufs Blut, man brauchte starke Nerven und viel Geduld. Bestand man die harte Prüfung irgendwann, das eigentümliche Kreuzverhör, wurde man in sein Herz geschlossen und bei ihm zu Hause in Dorsoduro, einem der schönsten Stadtviertel Venedigs, herzlich empfangen. Den Pinochet-Putsch hätte Gaston mit Sicherheit nicht überlebt, wäre er in Chile geblieben.

Rodrigo Naranjo – Unter der Haut des Neoliberalismus

Unsere Karawane der Poesie zieht weiter. Im Museo de la solidaridad Salvador Allende treffen wir die junge Künstlerin Mariana Najmanovich. Ihre gelungenen Gemäldezyklen La Colonia und Funny Games II entführen uns wieder in die Zeit der Diktatur, des Terrors und der Vernichtung: Diese Themen scheinen so gut wie jeden chilenischen Künstler zu bewegen, unabhängig davon, ob er Alfredo Jaar heißt, der sich seit Jahrzehnten auch im Ausland großer Popularität erfreut, wie es der Dokumentarfilm JAAR el lamento de las imágenes von Paula Rodríguez Sickert zeigt, oder erst am Anfang seiner Karriere steht.

Chile mag ja, wie man es uns manchmal gern weismachen will, ein Land des Wirtschaftswunders sein, das viele Arbeitsmigranten zum Beispiel aus Kolumbien anziehe, doch unter der Haut des Neoliberalismus und der Globalisierung gärt die kollektive Unruhe der Künstler, Dichter und Philosophen.

Und wenn Rodrigo Naranjo, ein überzeugter Sozialist, auf dem Balkon meines Apartments im 21. Stockwerk sitzt, an seinem Rotwein nippt, eine Liebeserklärung nach der anderen an Santiago de Chile und seine Heimat macht und den sozialistischen Kampf gegen den Neoliberalismus beschwört, wird mir ein wenig warm ums Herz: Seine jungenhafte Naivität, die er sich bewahren konnte, gefällt mir, zumal er sich nach zwei, drei Gläsern Pisco – wobei er sich dann das Lachen nicht verkneifen kann – als einen Bewunderer der Komantschen outet, natürlich im Geiste des Widerstandes gegen die soziale Ungerechtigkeit des kapitalistischen Systems, das in seiner Heimat prächtig gedeiht und von dem westeuropäischen Sozialstaat weit entfernt ist.

Wir reden oft über die Offene Gesellschaft Karl Poppers und ob sie in die heutige postdiktatorische Welt Chiles Einzug gehalten habe. Rodrigo ist skeptisch, in den Achtzigern war er ein radikaler Trotzkist und Revoluzzer. Sein Vater wurde zwischen 1978 und 1979 von den Henkern der Geheimpolizei gefoltert, Rodrigos Freundin hatte viele Jahre im Gefängnis gesessen – mit anderen Worten: ein ganz normales Schicksal vieler Chilenen. Er erinnert sich auch mit Schrecken an die Helikopter, die ständig über der chilenischen Hauptstadt flogen, um, wie er erzählt, Verdächtige aus der Luft aufzuspüren und Angst zu verbreiten. Gehörten sie einst zu der berüchtigten Caravana de la Muerte (Karawane des Todes), die 1973 unter dem Kommando des Generalmajors Sergio Arellano Stark auf ihren Hubschrauberflügen von Süd nach Nord die Bevölkerung terrorisiert hat? Fragen über Fragen.

Rodrigo liest jedenfalls nicht nur philosophische und politische Texte. Er liebt auch die Dichtung und ganz besonders den Dichter César Vallejo, der ihm wichtiger ist als der gute alte Onkel Neruda, der Freund des Volkes, wie er spöttisch sagt. Ich begreife auch, warum er Vallejo schätzt: Rodrigo interessiert sich für die dunkle Seite des Mondes unserer Existenz, und Vallejos Dichtung ist düster, durchdrungen vom ontologischen Schmerz, avantgardistisch, ja – prophetisch. Vallejo starb 1938, aber ähnlich wie in der Dichtung von Czeslaw Milosz, einem anderen Katastrophisten, ging es in seinem Werk um die Vorahnung der nahenden Katastrophe, welche die Menschheit in Hiroshima und Auschwitz ereilen sollte.

Ist Rodrigo ein Optimist?, frage ich mich immer wieder. An der Universidad Metropolitana de Ciencias de la Educación UMC in Santiago hatte er seinerzeit über Walter Benjamin geforscht – vielleicht ist Rodrigo bloß ein Kulturpessimist?

Auf jeden Fall scheint er kein angenehmer Zeitgenosse für die chilenischen Universitäten zu sein – wobei einige von ihnen unter der Obhut der katholischen Kirche stehen –, weil er ein kritischer, rebellischer und subversiver Geist ist. Rodrigos politische Haltung eines Sozialisten und Skeptikers wird vielen Rektoren ein Dorn im Auge sein … Immerhin hatte er einige Jahre in den USA gelehrt, was schon als eine Leistung betrachtet werden kann, bedenkt man, wie prüde und misstrauisch die Amerikaner eben auch auf dem Campus sein können: Eine Verbrüderung mit Studenten kann für den Hochschullehrer oft unangenehme Folgen haben. Im Übrigen: Universidad de Chile in Santiago ist eine der größten und ältesten in Lateinamerika, und der erste Rektor war Ignacy Domeyko, der polnische Geologe und Mineraloge, der bis heute in Chile eine Berühmtheit ist und wie ein Held gefeiert wird – das weiß auch Rodrigo, obwohl ihm ganz andere Helden seinen Lebensweg beleuchten.

Der Kampf der Mapuche, der Kautschuk aus Kongo

Rodrigo zeigt uns eines Nachmittags seine Bücher. Eines davon ist ein dicker Wälzer. Er hatte Zeugnisse in Form von Briefen, Interviews und Texten von politischen Häftlingen aus aller Herren Länder gesammelt und kommentiert. Wir reden deshalb rasch über den Kolonialismus: Für mich, der ich das erste Mal in meinem Leben Lateinamerika besuche, ist dieses Thema – hautnah erlebt – Neuland, aber nicht für Indra, die in Südafrika mit schwarzen Künstlern und Autoren zusammenarbeitet; nicht für Rodrigo, der uns von den zahlreichen und nicht aufhören wollenden Konflikten zwischen den Mapuche, dem indigenen Volk seiner Heimat, und der chilenischen Regierung erzählt; nicht für Di, dessen Land bis 1945 zu Britisch-Indien gehört hat und erst 1948 unabhängig wurde.

Indra, die eine leidenschaftliche Empirikerin ist und vom Kolonialismus mehr versteht als viele Theoretiker und Spezialisten auf diesem Gebiet, zeigt uns schließlich einen Videofilm, den sie 2010 während der von ihr produzierten Tanztheateraufführung in Soweto gedreht hat: Das Stück heißt Tempered Souls und handelt von der Sklaverei. Itumeleng Mokgope, der Choreograf und Tänzer in dieser Produktion, sagt in einem Interview: „Im 19. Jahrhundert wurden Afrikaner in der belgischen Kolonie Kongo gezwungen, in den Kautschukplantagen zu arbeiten. Wer immer sich dagegen wehrte, dem wurden die beiden Hände abgeschlagen. In den Reifen steckt auch dieses Erbe der Sklaverei.“ Mokgopes Tanz mit den Reifen in Tempered Souls ist ein Aufschrei gegen das Vergessen und Verdrängen der Geschichte der Sklaverei in Afrika, ja, letztendlich ein Aufschrei nicht nur gegen die Brutalität der ehemaligen Kolonialisten, sondern gegen den Rassismus, der immer noch auf der ganzen Welt zu finden ist.

Rodrigo gibt zu bedenken, dass die Mapuche bis heute die Chilenen als Kolonialisten und Eroberer ansehen würden, und Indra kommt dann auf solche Klischees zu sprechen, die in unseren weiß-europäischen Köpfen am stärkstem verankert sind: Soweto würden die meisten Weißen, die zu Besuch nach Johannesburg kämen, meiden wie die Pest – aus Angst vor Raub und Gewalt. Dabei habe sie schon etliche Kunstprojekte in Soweto durchgeführt wie zum Beispiel das besagte Tanztheaterstück Tempered Souls. Doch die Stereotype der Europäer würden manchmal auch ganz seltsame Formen annehmen, eben auch in unserer Zeit, sagt Indra. Bei uns im Westen, speziell in Deutschland, würde man sich für weiße Autoren aus Südafrika, obwohl sie gute Bücher schrieben, kaum interessieren – ein Autor aus Afrika müsse schwarz sein, dann sei er für den Buchmarkt interessant.

Rodrigo schließt unser Gespräch über den Kolonialismus mit einer unglaublichen Geschichte ab: über einen jungen Mapuche, der Pinochet schmalzige, Bewunderung für den General ausdrückende Briefe geschrieben habe und eine Art Maskottchen des Diktators gewesen sei. Rodrigo sagt nicht ohne Ironie, der Kleine sei sehr begabt gewesen – wie Oskar Matzerath …

Und ich staune im nächsten Moment über romantische Klischees, die sich diesmal in meinem Kopf einnisten: Jedes Mal, wenn ich von meinem Balkon aus im 21. Stockwerk die Anden anschaue, male ich mir aus, wie sich die Mapuche in den Bergen verstecken und für den nächsten Kampf gegen die Kolonialisten vorbereiten.

Meine Vorstellung sei gar nicht so abwegig, korrigiert mich Rodrigo, die Mapuche würden regelmäßig auf die Straße gehen und demonstrieren – das indigene Volk wolle sein Land zurückhaben, aber die chilenische Verfassung stehe seinem Vorhaben im Wege.

Man möchte wegfahren und auf dem Pazifik verschwinden

Rodrigo zieht sich oft nach Los Molles zurück, an einen stillen Ort am Pazifik, dreieinhalb Autostunden von Santiago de Chile entfernt. Los Molles ist ein altes Fischerdorf und zugleich ein beliebter Badeort. Dort im Haus seiner Tante schreibt er seine Essays und liest Bücher, am liebsten Walter Benjamin und andere deutsche Philosophen wie Heidegger oder Nietzsche. Merkwürdigerweise konzentrieren sich unsere Gespräche nur auf deutsche Philosophen und Dichter – ab und zu taucht noch Michel Foucault auf. Der Rest Europas existiert in unserem Diskurs nicht, nicht einmal das Italien der Renaissance.

In Santiago de Chile mieten wir uns ein Auto und besuchen Rodrigo in seinem Exil am Pazifik.

Nicht alle Chilenen sind begeistert, wenn man die Landschaft ihres Landes bewundert und lobt: die Täler und Hügel mit den Weinstöcken, die Bergspitzen der Anden, die rostfarbenen Flüsse, die an die südafrikanischen Savannen erinnernden Weiten, die Verstecke im Kessel der Berge und Hügel, den unendlichen Ozean und die uralten Felswände und Abhänge der Küste. Vielleicht ist der Grund für ihre Abneigung gegen solche Lobeshymnen der, dass sie sich schon viel zu oft anhören mussten, wie gewaltig und scheinbar unerschöpflich die Schönheit der hiesigen Natur sei. In Anbetracht der Tatsache, dass bis heute nicht genau geklärt worden ist, was mit den sogenannten Desaparecidos, den Verschwundenen, während der Diktatur passiert ist, können wir verstehen, dass ein Chilene die Landschaft seines eigenen Landes als bedrohlich empfinden kann.

Jahr für Jahr gehen Frauen aus der Stadt Calama in die Atacama-Wüste, wo sich die Teleskope der Europäischen Südsternwarte ESO befinden, und suchen nach den Knochen ihrer von den Schergen Pinochets getöteten Ehemänner, Brüder und Väter. In der sandigen und felsigen Landschaft wurden ihre Leichen vor zig Jahren verscharrt. Und manchmal finden die Frauen Knochenreste oder einen Fetzen Kleidung. Aber das ist ihnen zu wenig. In Nostalgía de la Luz, einem poetisch-narrativen Dokumentarfilm von Patricio Guzmán, wird die Geschichte der Frauen aus Calama erzählt, und sie sagen, sie würden erst dann zur Ruhe kommen, wenn ihre Suche erfolgreich abgeschlossen sein werde. Jeder weiß, wie aussichtslos ihre Suche ist, und jeder weiß, dass die Frauen diese niemals aufgeben werden.

In Los Molles kaufen wir Wein und die Panadas, die chilenischen Piroggen. Und dass wir überhaupt noch ein paar Flaschen Wein ergattern können, ist ein Wunder – schließlich dürfen die Kneipiers an Feiertagen keinen Alkohol verkaufen: auch nicht an einem Wahltag. Rodrigo bereitet zusammen mit seinem Sohn, der aus den USA zu Besuch gekommen und einundzwanzig Jahre alt ist, ein klassisches Fleischgericht vor: zarten Lammrücken, der drei Stunden in einem Aluminiumbehälter auf dem Holzgrill schmort.

Auch an diesem Abend setzen wir unser Gespräch mit Rodrigo fort und stellen ihm Fragen, wobei es in den Abendstunden an der Pazifikküste schnell kühl wird, sodass der Holzgrill unaufhörlich arbeiten muss, vor allem zur Freude der Mücken. Unsere Fragen wiederholen sich, aber sie sind dringend, wir wollen wissen, warum es bei solchen Tätern wie zum Beispiel Osvaldo Romo, dem Pinochet-Henker und Agenten der Geheimpolizei DINA, keine Bereitschaft gegeben habe – selbst nicht nach seiner Verurteilung – zur Reue? Wir fragen Rodrigo nach dem Grund für Romos Brutalität und Uneinsichtigkeit, nach dem Ursprung dieser beispiellosen Brutalität, Kälte und Böswilligkeit. Wir denken, wir fragen vergeblich, da im Allgemeinen schwer verständlich ist, warum jemand kein Mitleid empfinden kann – wie soll man eine solche totale Böswilligkeit erklären? Rodrigo zögert jedoch nicht mit seiner Antwort, und sie erstaunt uns, denn sie fällt nüchtern aus.

Er sagt, dass in Chile die Fähigkeit zum Kampf gegen das perfide und brutale System der Militärjunta nicht vorhanden gewesen sei – man hätte sich total auflehnen und in den Krieg gegen die brutalen Schergen ziehen müssen. Und da dies nicht passiert sei, habe sich die Gegenseite stark und in ihrem Tun unantastbar gefühlt. Deshalb habe das Regime keine Skrupel mehr gezeigt und sei immer zügelloser und brutaler geworden, zumal der CIA mit saftigen Geldbeträgen und dem Knowhow Pinochet unterstützt habe – diese Unterstützung habe man als Bestätigung verstanden, dass man nichts Falsches mache. Und auch nach 1990 habe die chilenische Gesellschaft die Fähigkeit nicht besessen, sich gegen den Konsum zu wehren. Er sagte all dies ohne Empathie und mit kaltem Blut. Ich habe noch nie gehört, dass ein Intellektueller über sein eigenes Land ein solch scharfes Urteil abgegeben hat – nicht einmal in Deutschland.

Nach solch einer Antwort möchte man am liebsten in eines der Fischerboote steigen, wegfahren und auf dem Pazifik verschwinden, schießt es mir kurz den Kopf.

Und dann denke ich noch an etwas anderes: America First – Donald Trumps Wahlslogan ist in Wahrheit nichts Neues, weil, wie es Josif Brodsky zu sagen pflegte, die USA ähnlich wie Russland immer als ein Imperium handeln und das imperiale Denken niemals aufgeben würden. In den Siebzigern des letzten Jahrhunderts führten die USA in Lateinamerika die umfangreiche Operation Condor durch. Die Angst vor dem Einzug des sowjetischen Kommunismus und damit vor dem Verlust des amerikanischen Einflusses auf diesem Kontinent war viel zu groß. Ohne die Unterstützung durch den CIA wäre das Regime von Pinochet bestimmt niemals derart effizient und erfolgreich gewesen.

Doch nach dem Attentat in Washington 1976, bei dem nicht nur Allendes Politiker und Diplomat Orlando Letelier umgekommen war, sondern auch seine Assistentin Ronni Karpen Moffitt, eine amerikanische Staatsangehörige, hatte das chilenische Regime selbst für die Amerikaner eine rote Linie überschritten.

Nietzsche aus Deutschland und Nietzsche aus Chile

Wenige Tage später setzen wir in Santiago de Chile unser Gespräch mit Rodrigo fort. Ich kann Rodrigo kaum erklären, warum die polnische Transformation bzw. friedliche Revolution, die im selben Jahr angefangen hatte wie Chiles politische Wende, den Kommunismus für ein gescheiteres System erklärt hatte. Rodrigo ist ein lateinamerikanischer, chilenischer Sozialist und Trotzkist – mit seinem ganzen Herzen –, obgleich ihn Texte von westlichen Linken wie Michel Foucault oder Zygmunt Bauman genauso intensiv beschäftigen wie viele europäische Intellektuelle. Der alte Konflikt zwischen Pablo Neruda und Czeslaw Milosz lebt wieder auf: Nachdem Milosz 1951 als Diplomat im Dienste der Volksrepublik Polen in Paris ins Exil gegangen war, machte ihm der chilenische Dichter den Vorwurf, er sei ein Verräter der sozialistischen Idee.

Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht zerfleischen. Und wir geben uns dabei große Mühe. Aber Indra kommt uns Gott sei Dank zur Hilfe. Natürlich, im Westen müsse man, lächelt sie, links und sozialdemokratisch denken, obgleich im Rahmen der Gesetze und der Demokratie. Wir können wieder lachen und wundern uns über unsere unterschiedlichen Perspektiven auf die Geschichte und die Politik in unseren Heimatländern. Wir finden auch sofort ein weiteres gutes Beispiel dafür, wie unterschiedlich wir unsere Kulturgeschichte betrachten: Auf Indra und mich wirken die Texte von Nietzsche pathetisch, ernsthaft – unerträglich pathetisch, und der Ton seiner Sprache ist oft patriarchal.

Rodrigo muss erneut lachen. Er kann unsere Meinung nicht teilen, er habe Nietzsche auf Spanisch und Englisch gelesen, und seine Texte seien voller Ironie und sogar Sarkasmus – wie bei Kafka.

Enrique Winters „Leertasten“

Unsere Karawane der Poesie zieht weiter. Wir fahren nach Valparaíso, man braucht von Santiago für die Autobahnfahrt lediglich eineinhalb bis zwei Stunden, um die etwa 280.000 Einwohner zählende Hafenstadt am Pazifik zu erreichen.

In Valparaíso, wo Salvador Allende und Augusto Pinochet geboren wurden, treffen wir den jungen Dichter Enrique Winter, einen Freund von Indra. Ich kenne Enrique flüchtig vom Bremer Poetry-on-the-Road-Festival, da er in der Tat viel unterwegs ist, und so taucht er auch immer wieder in Europa auf. Zurzeit lebt er aber in Bogota, wo er an einem Roman über seine polnische Großmutter und ihre Emigrationsgeschichte arbeitet und wo er Creative-Writing-Kurse gibt.

In Valparaíso besitzt Enrique eines dieser typischen Häuser, die pastellfarben gestrichen und mit gewagten Graffitis verschönert sind. Im Wohnzimmer hängen Bilder von seinen polnischen Großeltern, den Auswanderern, doch er hat auch deutsche Wurzeln, was sein Nachname verrät.

Enriques Arbeitszimmer dient ihm auch als seine Schlafstätte, da die anderen Zimmer seines geräumigen Hauses, die zahlreich sind, an Studenten mit Babys vermietet werden – so bleibt das buntscheckige Haus lebendig und jung, und in Enriques Bücherregalen stoße ich auch auf Witold Gombrowicz, den er genauso bewundert wie Jorge Luis Borges. Die wichtigste literarische Erkenntnis meiner Reise nach Lateinamerika ist, dass Witold Gombrowicz hier ein Gott ist, ähnlich wie Pablo Neruda oder eben Borges. Nerudas Canto General kommt hier gleich nach der Bibel, und auf dieser Liste der wichtigsten lateinamerikanischen Bücher und Autoren ist Gombrowicz mit seinen Tagebüchern der Platz unter den ersten Zehn sicher, was mir Enrique empathisch bestätigt.

Valparaíso erinnert ein wenig an San Francisco, nicht nur deshalb, weil viele Häuser auf Hügeln stehen und die Straßen wellenartig und ziemlich steil nach unten, an die Küste, führen. Valparaíso ist ein von Künstlern, Autoren, Musikern und der Boheme beliebter Ort, und als jungfräulicher Besucher, der hier zum ersten Mal weilt, begreift man sofort, dass die Hafenstadt vor allen Dingen aufgrund ihrer malerischen Lage und der gewaltigen Aussicht auf den Ozean und die Bucht, in der Valparaíso liegt, Menschen aus aller Welt anzieht. Enrique fühlt sich hier jedenfalls wie in seinem Element – Santiago de Chile, wo seine polnische vierundneunzigjährige Großmutter und seine Eltern leben, vermisse er gar nicht, sagt er, die Lebensfreude, das Geheimnis unserer Existenz, die Dichtung und neue Aspiration könne er in Valparaíso ganz leicht finden, und ich wundere mich darüber nicht. Die Hafenstadt strahlt Leichtigkeit und Unbedarftheit aus, die es beide in Santiago de Chile nicht gibt. Und die zahlreichen Cafés, Bars, Restaurants, Boutiquen, Buch- und Souvenirläden sind nicht so aufdringlich wie die Konsumtempel, die Einkaufsgalerien, von Santiago.

Enriques Weg zur Dichtung scheint aber kein leichter gewesen zu sein: Von Beruf ist er Anwalt, und er hatte viele Jahre im Büro einer Bank verbracht, bevor er die Poesie und das Reisen für sich entdeckte. Mittlerweile wurden schon einige Bücher aus seiner Feder publiziert, und in Krakau ist 2017 eine Gedichtauswahl in polnischer Übersetzung erschienen: Puste spacje (Leertasten).

Die Schönheit Valparaísos

In Valparaíso lädt uns Enrique zu seinem Creative-Writing-Kurs ein, und wir sprechen über unsere Identitäten: die nationalen, literarischen und metaphysischen Identitäten, für die sich die Kursteilnehmer dringend interessieren.

Mir bleibt von diesem Gespräch ein Satz im Gedächtnis, vor dem ich mich vor allem wegen seiner esoterischen Botschaft verneige, obwohl ich mit Esoterik, speziell in der Lyrik, wenig am Hut habe. Di behauptet, dass die Gedichte, die er schreibe, schon vor seiner Geburt auf der Welt existent gewesen seien, und er habe sie dann später, nach seiner Inkarnation, nur aufgeschrieben.

Indra und ich sind pragmatischer veranlagt, und ich glaube, dass Dichtung vor allem etwas mit unserem Willen zu tun hat: Der Wille als ein Impuls für ein Gedicht oder einen Roman zählt für mich mehr als die Kraft des poetischen Äthers und der Musen, die doch sehr launisch sein können. Manchmal schleicht sich natürlich das Daimonion ein, und dann kriechen die Gedichte oder Prosatexte tatsächlich aus einem dunklen, unbeschreiblichen Raum hervor, in dem alle Ideen brodeln wie in einem Topf. Doch der Wille, etwas zu tun und zu vollenden, ist viel stärker als eine dunkle und unausgesprochene Idee, die noch erst reifen will.

Enrique ist ein beseelter und positiv denkender Zeitgenosse, der den Widrigkeiten des Lebens mit Humor und schelmischem Lächeln begegnet. Die grauenhafte Erfahrung der Schikane und der Todesangst in der Pinochet-Diktatur, die Carmen und Rodrigo hatten machen müssen, wurde ihm erspart, obwohl er 1982 geboren wurde und als Kind ausreichend viel gesehen hatte – von dem, was Kinder lieber niemals sehen sollten. Er lächelt unentwegt und ist eigentlich permanent auf der Flucht, denn Bogota und New York, Deutschland und Polen und irgendwann einmal wieder Chile warten auf ihn und verführen ihn ständig: Ist man an einem Ort angekommen, schon möchte man wieder wegfahren – das ist seine Plage, sein Ansporn.

Die Gedichte, die er unterwegs schreibt, sind leichtfüßig: Sie schweben über den Menschen und der Erde, obwohl sie oft die schwierigsten Themen unserer Existenz beleuchten. Und Schönheit ist ihm sehr wichtig – die Schönheit der Poesie und der Frauen, die Schönheit der Verse und des Fernwehs, die Schönheit Valparaísos und der Sehnsucht nach der Kindheit und der polnischen Großmutter: Man findet die Schönheit nicht nur in seinen Gedichten, sondern auch im gewöhnlichen Gespräch mit Enrique im Café oder beim Spaziergang durch seine buntscheckige Stadt, weil er nie schlecht über andere Menschen redet, als würde er den Ratschlag von Jeanne Hersch befolgen, die ihrem Geliebten Milosz geraten hatte, Lästerer dringend zu meiden.

Haben wir irgendwelche Gemeinsamkeiten, Enrique?

Polen und Chile, gibt es irgendwelche Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Ländern? Außer dass die chilenischen und polnischen Dichter in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einige der schönsten Gedichte geschrieben haben, die insbesondere in Amerika gefeiert werden? Ich stelle diese Frage Enrique, und er sagt ja, eine Gemeinsamkeit gebe es – die Erfahrung der Alienation, weil sowohl Chile wie auch Polen Grenzgebiete seien: eben nicht nur im geopolitischen Sinne. Polens pazifischer Ozean heiße Russland. Ich staune über seine Aussage, da etwas Ähnliches auch Rodrigo gesagt hatte. Polen liege an der Grenze, hinter der etwas ganz anderes anfange.

Für die abendliche Lesung in einem Szenebuchladen von Valparaíso zieht sich Di festlich an: Er trägt einen hellblauen Longyi, einen sogenannten Wickelrock. Mit seiner traditionellen Tracht punktet er nicht nur bei Indra und mir, sondern auch beim chilenischen Publikum, und ich höre seiner birmanischen Sprache genauso gerne zu wie die Gäste des kleinen Buchladens – es ist eigentlich ein meditativer Gesang eines Spötters. Und Di liest im Stehen und seine Stirn und seine Augen glänzen, aber seine Gedichte bringen die Menschen zum Lachen, sein Stil ist ironisch und erinnert mich teilweise an die Amerikaner, an Allen Ginsberg und Philip Larkin, dessen Lyrik Enrique ins Spanische übersetzt.

Wir sind zur Lesung mit der Seilbahn gekommen, die Hügel Valparaísos hinunter in die Stadt: Wir lesen zusammen mit zwei jungen Dichtern aus Argentinien und einer älteren Dame aus Valparaíso in einem dunklen Keller, und ich habe das Gefühl, dass wir in die Hölle der Dichtung hinabgestiegen sind.

Etwa eine Woche später kommt Enrique nach Santiago de Chile, um sich zu verabschieden, und wir besuchen seine Großmutter im Altersheim, in einem abgelegenen Viertel dieser monströsen Hauptstadt Chiles. Die Pflegerinnen stammen meistens aus Kolumbien, und Frau Modzelewska-Wyrzykowska, die mir gleich zur Begrüßung sagt, sie vergesse leider in letzter Zeit so gut wie alles, spricht einwandfreies Polnisch, in dem ich keine Fehler entdecken kann. Seit 1945 lebt sie in Chile.

Enrique freut sich wie ein kleiner Junge, dass seine Großmutter endlich jemanden gefunden hat, mit dem sie in ihrer Muttersprache sprechen kann. Sie sagt, sie sei eine Polin, eine echte Polin, sie sei auch eine echte Chilenin, und sie habe sich in Politik nie eingemischt, sie sei jedoch vor dem Krieg geflohen. Ob in Europa immer noch Krieg herrsche? Ich sage, nein der Krieg sei endlich zu Ende gegangen. Wir befinden uns im Jahre 1945. 

Sie spricht auch mit ihrem Enkel auf Polnisch, und im nächsten Moment fragt sie ihn, ob er sich an den kleinen Bahnhof und die Gleise in ihrem Heimatort erinnern könne. Ja, sagt Enrique, er habe diese Frage intuitiv verstanden, und er antwortet auf Spanisch, er sei doch letztes Jahr in Polen gewesen, und den Bahnhof und die Gleise gebe es immer noch.

***

Café El Peral

Für Indra Wussow

 

Enrique Winter Du polnischer deutscher chilenischer Dichter aus Valparaíso

Du Kolonialist der lateinamerikanischen Liebe

In Deinem Café am Ozean der größer ist als das Gedächtnis unserer Großeltern fragst Du mich

Ob ich etwas Außergewöhnliches Einmaliges gesehen habe auf unserem Planeten

In Deiner Stadt Deinem Staat der so stark und gleichzeitig eng ist

Als handelte es sich bloß um einen Hosengürtel

 

In der Tat habe ich viel gesehen

Panzer auf den vor Angst erblassten Straßen

Das brennende Parlament und das letzte Zuknöpfen des Hemdes von Salvador Allende

 

Ja ich habe auch solche Städte und Dörfer gesehen

Wo brennende Hunde in den Armen der Obdachlosen ruhig einschliefen

Die grau geworden waren im unaufhörlichen Traum der Straßen Santiago de Chiles

Wo mit Blut braun gefärbte Flüsse

Von den Anden flohen in die Wüste der Astronomen

Damit kommunistische Winde und Kreuze der Konquistadoren und kapitalistische Märchen

Nicht mehr tobten

 

Ja ich habe auch den roten Reichtum gesehen

Das Kupfer Deiner Erde Deiner gefallenen sozialistischen Brüder

Und ich habe außerdem gesehen die räuberische Hand von Milton Friedmann

Wie sie Euch bis heute füttert

Obwohl Ihr unverwüstlich seid

Denn Eure Haut ist aus kupferner Luft der Bergewerke

Eure Köpfe und Augen sind rot geworden vom Graben in diesem vulkanischen Sand

 

Ja ich habe in der Tat Dein Chile gesehen verborgen unter den Weinbergen

Und ich habe auch von Eurem Wein gekostet

Nur dass der Kommunismus bei uns nicht richtig klappen wollte

Er hatte die Flanellhemden der Arbeiter in Fetzen gerissen

Jetzt weißt Du es Enrique

Unsere Beine und Ideologien hinken und wir sind in diesem Café bloß Kreditkarten

Eine erkennbare Nummer und kein Ersatzrad der Geschichte

Jetzt weißt Du es Enrique – eines Tages wirst Du Dich wie ich und Deine Brüder

Auf den langen Nach-Hause-Weg begeben

Du wirst verstehen dass es nur eine einzige Brust gibt

Haga Sophia

Birnbaum der Weisheit – el peral.

 

Über die Indianer aus Patagonien und nicht nur

 

1

 

Als ich aus dem hungrigen und geschlossenen Haus in der Faust

Der sowjetischen Atomwaffen

In den Westen kam

Schrieb man das Jahr 1985

Und Bono tanzte auf der Live-Aid-Bühne irischen Kasatschok

Zu der schönen Hymne über den Blutigen Sonntag und dann sah ich und ich glaubte auch daran

Dass ich nicht mehr allein bin und dass Polen schon bald aufhören würde bloß

Eines der chemischen Elemente zu sein 

Im Periodensystem von Marx und Engels in dem man sich nach Belieben

Einen überschaubaren Kosmos zusammensetzen kann

Ohne Horizont ohne Sonnenuntergänge und Aufgänge

Damit die Ideologie ihre Macht ihren gierigen Hunger auf menschliche Seelen nicht verlor

 

Ich begann an die Freiheit zu glauben dass sie überschwappen und bis nach Bartoszyce

An die russische Grenze gelangen würde

Wo ich einst mit meiner Mutter Heidelbeeren gesammelt und Pilze getrocknet hatte

Zum Zeichen der Versöhnung mit unserem Schicksal –

Pustekuchen sang Bono und knutschte mit dem Millionenpublikum

Im Schweiße seines Angesichts und der internationalen Karriere. 

 

2

Aber nicht nur Nostradamus hatte sich geirrt

Nicht nur der heilige Apostel und Evangelist Johannes

Denn die Welt fand kein Ende im traurigen Flächenbrand des Jüngsten Gerichts –

Doch als ich mich nach 32 Jahren seit dem Kasatschok Bonos auf der Live-Aid-Bühne

Durch die sonnigen Straßen Santiago de Chiles zwängte

Wo man den Regen in Plastikflaschen kauft

Erzählte mir Rodrigo Naranjo über die Indianer aus Patagonien und nicht nur –

Der Philosoph und Sozialist der nach einer geleerten Flasche Rotwein

Jedes Mal den Federbusch der Komantschen aufsetzt und Pinochet droht –

 

Weißt du es – sie kennen in ihrer Sprache solche Wörter nicht wie Gott oder Polizei

Sie – die Kawésqar »die Menschen aus Westpatagonien die Meeresmuscheln als Messer benutzen«

Und ihre Nachbarn die Selk’nam, die Aoniken die Haush und die Yámana –

 

Weißt du eigentlich dass ihre Seelen nach der Ausrottung aller Stämme zu Sternen geworden

Und zu den Sternbildern Orion und Kreuz des Südens zurückgehehrt sind

Wo sie wieder in Ruhe Fische fangen und nächtliches Feuer anzünden können

In ihren unsinkbaren Kanus

 

Weißt du es – sie kannten keine einzige Schrift nichts blieb von ihnen erhalten

Gemeißelt in Stein oder auf den Festplatten des Computers

 

Weißt du das – aber dafür malten sie auf ihren nackten

Gegen die Schmerzen der Sterblichen aus England nicht immunen Körpern

Weiße Sterne

Supernovaexplosionen und riesige Hörner der Galaxien mit ihren Schwarzen Löchern

Und sie wussten

Dass sie von fremden Planeten kommen und dass es weder Gott noch seine politische Polizei gibt

 

Sie waren frei bis zu dem Moment des Auftauchens von Perlmuttknöpfen und Seidenkrawatten

Und ihrem schwarzen Buch mit dem goldenen Kreuz auf dem Umschlag.

 

3

 

Wir haben sie mit Stumpf und Stiel ausgerottet – bis zum letzten Stein

Bis zum letzten Tropfen des Pazifiks

Erzählte mir Rodrigo

Nichts ist von ihnen geblieben nur Fotografien und Filme und bestimmt noch dieses Lied

Darüber dass alle Sonntage blutig sind

Sogar bei den Untreuen Ungläubigen Nichtkatholischen Nichtvereinigten

In ein und demselben Denken

 

Ja Rodrigo ich fange an alt zu werden

Ich interessiere mich für Politik und Völkermord

Antwortete ich mit einer tief in der Erde verborgenen Stimme

Das ist aber mein privater Lapislazuli – denn ich habe auch einmal alles verloren.    

 

Gedichte aus dem Poln. übertragen vom Autor. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Chile

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