Lade Inhalte...

Reise-Reportage Die Karawane der Poesie in Chile

Schrifsteller Artur Becker flieht aus der winterlichen Kälte Europas in die Wärme Zentralchiles. Das ist aber nicht der einzige Grund für seine Reise.

Artur Becker
Artur Becker (hinten rechts) mit Indra Wussow, Di Lu Galay (l.) und Enrique Winter in Valparaíso. Foto: Artur Becker privat

Jeden Morgen – ich wohne im 21. Stockwerk eines für Santiago de Chile typischen Hochhauses mit vier Fahrstühlen und hunderten von kleinen Apartments – begrüßt mich der Fluss Río Mapocho, dessen Quelle in den Anden liegt: Seine Strömung sorgt für gewaltigen Lärm, er hat es sehr eilig, wie sich das für einen richtigen Bergfluss gehört, und er wird nicht vom Großstadtverkehr der Schnellstraßen, die an seinen zubetonierten Ufern entlangführen, übertönt. Er ist rotbraun gefärbt, als würde er jeden Tag den rostfarbenen Sand der Anden für die Goldschürfer wegspülen.

Die Hauptstadt Chiles liegt fünfhundert Meter über dem Meeresspiegel in einem Talkessel zu Füßen der heiligen Gebirgskette Lateinamerikas – den Anden. Für den Blutdruck und den Liebhaber des chilenischen Weines ist Santiagos mildes Wetter ausgezeichnet, man hat keine Kopfschmerzen, man fühlt sich jeden Tag wohl, obwohl die Temperaturen im Dezember oder Januar bis auf zweiunddreißig Grad klettern können.

Doch mir tut dieses heiße Wetter gut, ich bin schließlich aus der winterlichen Kälte Europas für einen Monat in die Wärme Zentralchiles geflohen. Das ist aber nicht der einzige Grund für meine weite Reise.

Chiles Dichtung und Geschichte im 20. Jahrhundert beschäftigen und faszinieren mich schon seit meiner Auswanderung nach Westdeutschland im Jahre 1985, was daran liegt, dass ich damals im Kalten Krieg und auch später nach der Wende immer wieder Exilchilenen begegnete, die mir von Pablo Nerudas Dichtung und Pinochets Militärdiktatur erzählten. Meine Faszination für dieses von der Geschichte hart geprüfte Land rührt wahrscheinlich auch daher, dass ich in einer geteilten Gesellschaft voller Widersprüche aufgewachsen bin: in der Volksrepublik Polen; und Chile ist ebenfalls voller Widersprüche. Es geht also um die ewige Frage: Wie kann ein Volk zwei ungleiche Brüder hervorbringen, nämlich einen Sozialisten und einen Faschisten; einen weltberühmten Dichter und einen grausamen, ebenso weltberühmten Diktator?

Und mich verband noch das Fernweh mit Chile, die Sehnsucht nach Patagonien, nach dem Pazifik, nach der Atacama-Wüste mit den Sternen über ihr und nach den Weinbergen und -tälern, die man bei uns aus Italien oder Frankreich kennt.

Ich hatte also keinerlei Bedenken, als ich Indra Wussows, der Kuratorin der Sylt-Foundation, Einladung zu ihrem internationalen und auf mehrere Jahre angelegten Projekt „Transformation und Identität – Trauma und Versöhnung“ erhalten hatte.

Santiago Hundeurin, Zuckerwatte und heiße Backwaren

Schon nach wenigen Tagen in Santiago de Chile wurde mir klar, wie wenig originell meine Vorstellungen von diesem Land waren: vor dem Abflug ans Ende der Welt, wo es hinter dem Horizont des größten Ozeans der Erde nur noch die Osterinsel mit ihren finster in die Ferne schauenden Moai, den riesigen Steinstatuen, gibt; steinerne, düstere Gesichter, die jeder kennt.

Die chilenische Hauptstadt ist ein furchtbarer Moloch wie New York oder London. Es regnet hier nie – zumindest nicht im Sommer. Deshalb muss man mit dem feinen Staub der Straßen und Bürgersteige einen Freundschaftspakt schließen, er wird auf dunklen Flächen sofort sichtbar, er setzt sich überall ab, man muss sich daran schnell gewöhnen. Und man muss auch die herrenlosen Hunde, die die Parks, die Gassen und die Plätze zahlreich bevölkern, ebenso lieben lernen, denn sie verlassen sich voll und ganz auf die Stadtbewohner: Sie überqueren die verkehrsreichen Straßen meist nur dann, wenn sich die Fußgänger endlich in Bewegung setzen – wie die Menschen warten die Hunde auf das Umschalten der Ampel auf Grün, denkt man schnell, steht man vor dem Zebrastreifen.

Die Bäume in den Parks werden jeden Tag gegossen, und überall riecht es leicht süßlich nach Hundeurin, Zuckerwatte und heißen Backwaren. Ein merkwürdiger Geruchmix, der mich an meine sozialistisch-katholische Kindheit in Polen erinnert: So hat manchmal auch unser Sommer in den Straßen der Kleinstädte gerochen, in der Provinz.

Überhaupt scheint mir Santiago de Chile ein seltsamer, aber zugleich sympathischer Ort zu sein, da er mir ziemlich bekannt vorkommt, als wäre ich in dieser Stadt geboren – einer Stadt, in der etwa die Hälfte der Bevölkerung dieses Landes lebt, und bedenkt man, dass Chile mehr als viertausend Kilometer lang ist und damit als Staat über die längste Küste der Welt verfügt, wird einem sofort klar, wie dünn dieser schmale Gürtel Lateinamerikas besiedelt ist.

Ich mag die chilenische Hauptstadt, es ist Liebe auf den ersten Blick: Der Neoliberalismus, d. i. die urbane Welt der amerikanischen Wolkenkratzer und der weltweit gleich aussehenden Einkaufsgalerien (der Konsumtempel unserer Epoche), die europäischen Jugendstilhäuser und solche Gebäude, die bis heute in jedem ehemaligen sozialistischen Staat Osteuropas zu finden sind, bewirken schnell, dass ich mich hier heimisch fühle; ein bisschen wie im Westen und ein bisschen wie in meiner alten Volksrepublik Polen der Achtzigerjahre und der Zeit kurz nach der Wende.

Indra Wussow, mit der ich seit fast zwanzig Jahren befreundet bin, lebt zwar im südafrikanischen Johannesburg, doch sie ist so gut wie überall auf der Welt zu Hause, was sie ihren zahlreichen Reisen im Rahmen ihrer Arbeit als Kuratorin zu verdanken hat: Auch in Chile, das sie schon mehrere Male besucht hat, kommt sie mir wie eine Einheimische vor. Innerhalb weniger Tage macht sie mich und den zweiten Gast der Sylt-Foundation, den jungen Dichter und Rechtsanwalt Di Lu Galay aus Myanmar, mit ihren chilenischen Freunden bekannt: der Ikone der chilenischen Lyrik Carmen Berenguer, dem Philosophen und Autor Rodrigo Naranjo und dem Dichter Enrique Winter.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Chile

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen