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Reich-Ranicki Der Denkmalsturz bleibt aus

Das Ergebnis vorweg: Die Lebensgeschichte Reich-Ranickis muss nicht umgeschrieben werden. - Gerhard Gnauck hat Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre erforscht. Von Martin Lüdke

09.03.2009 00:03
MARTIN LÜDKE
Marcel Reich Ranicki in einer Aufnahme von 1968. Foto: Privat

Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Die Lebensgeschichte Reich-Ranickis muss nicht umgeschrieben werden. Einige Korrekturen, ja, aber keine sensationellen Enthüllungen aus den polnischen Jahren unseres deutschen Literaturpapstes. Der alte Marcel Reich-Ranicki wird nicht für Handlungen an den Pranger gestellt, die der junge Marceli Reich und, später dann, sein Namensnachfolger Marceli Ranicki unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs begangen hat.

Gerhard Gnauck, Polen-Korrespondent der Tageszeitung Die Welt, mit polnischem Großvater einschlägig ausgestattet, ist ein fleißiger Arbeiter. Vermutlich alle erreichbaren polnischen Archive hat er nach Akten von und über Reich-Ranicki durchsucht. Mit vielen noch lebenden Zeitzeugen hat er gesprochen, so auch mit der Tochter der Familie Gawin, bei denen sich die aus dem Ghetto geflohenen Reichs monatelang verstecken konnten. Gnaucks Recherchen bestätigen mehr oder weniger die bisher bekannten Behauptungen über das Wirken des polnischen Offiziers Reich bei der Vertreibung der Deutschen aus Oberschlesien nach dem Krieg und die geheimdienstliche Tätigkeit des jungen Kommunisten Ranicki in Warschau, Berlin und London bis 1950. Gnaucks gründliche Nachforschungen bringen noch einige weitere Details ans Licht, aber doch kaum neue Erkenntnisse.

Dennoch: Einige der Indizien sprechen eine deutliche Sprache. Noch sicherer scheint (mir) allerdings, dass jeder Versuch, Reich-Ranicki heute daraus einen Vorwurf zu stricken, absurd und unverantwortlich ist. Ein deutscher Jude, nur durch Zufall seiner Ermordung durch die Deutschen entgangen, beteiligt sich an der Vertreibung der Deutschen aus Polen. Na und! Ein junger Intellektueller, äußerst knapp den Nazis entkommen, wird nach seiner Befreiung Kommunist. Ja, zum Teufel, was denn sonst? Reich-Ranicki hat vor einigen Jahren sämtliche Vorwürfe wegen seiner Geheimdiensttätigkeit scharf zurückgewiesen: "Nein, ich bedauere nicht, was ich getan habe. Meine ganze Tätigkeit hat niemandem geschadet, wahrscheinlich aber auch niemandem genützt. Ich habe in der Zeit bis 1950 so und nicht anders gehandelt, weil ich damals an den Kommunismus geglaubt habe."

Der Biograph nennt diese Worte "kühn". Ganz unrecht hat er nicht. Denn zweifellos musste Reich-Ranicki anderen Menschen auch schaden. Und zwar: unvermeidlich. Der wirklich Fehler, den Reich-Ranicki beging, lag und liegt in seiner defensiven Haltung dazu. Dieses sein Leben glich auf weiten Strecken einer Gratwanderung, die oft haarscharf an Abgründen vorbeiführte. Mehrfach haben sich die Lebensbedingungen und -grundlagen entscheidend verändert. Keine Biographie kann solche Brüche fugenlos glätten. "Wahrheit" muss hier ein relativer Begriff bleiben. Für den Biographen gilt das so gut wie für den Autobiographen. 1938 wurde der Abiturient Marcel Reich nach Polen deportiert. 1958 kam er nach Deutschland, in die Bundesrepublik zurück. In beiden Fällen hat Reich-Ranicki dazu eine Geschichte erzählt. Im zweiten Fall, bei der Ausreise 1958 aus Polen, hat Gnauck einige Ergänzungen hinzugefügt. Reich kam mit einem ordentlichen Visum in Frankfurt am Main an. Als es ablief, ließ er es sogar noch einmal verlängern. Zur gleichen Zeit, in der er Polen verließ, waren seine Frau und sein Sohn nach London geflogen, ebenfalls ganz offiziell. In den Akten ist der Tatbestand, dass sich die gesamte Familie in den Westen absetzen wird, ausdrücklich vermerkt. Alles geschah also mit Kenntnis der polnischen Behörden.

"Warum diese Flucht gelang, werden wir wohl nie erfahren", kommentiert Gnauck. Einmal in der Bundesrepublik angekommen und als Kritiker etabliert, war Reich-Ranicki (wie er sich fortan nennen sollte), gut beraten, den (ehemaligen) Kommunisten und mehr noch, den Geheimdienstler nicht gleich an die große Glocke zu hängen. Der "große Pole" hatte es ohnehin nicht so leicht, wie das heute erscheinen mag. Wer ihm übel wollte, nannte ihn, wie ausgerechnet der materialistische Literaturwissenschaftler, Ex-Kommunist, DDR-Flüchtling und ebenfalls Jude, Hans Mayer gezielt abschätzig den "Polen".

Dennoch wurde er, nachdem er sich endgültig zum Bleiben entschlossen hatte, u.a. von seinem Freund Andrzej Wirth im Auftrag der Polen noch einige Zeit ausgespäht, wobei die Berichte des Theaterwissenschaftlers Wirth nach Warschau sich so lesen wie die Aussagen des braven Soldaten Schwejk vor der Musterungskommission, nichtssagend schlitzohrig. Die Polen ließen ihn denn auch bald in Ruhe. Dafür ging bei uns noch lange Jahre das Gerücht vom Stalinisten Reich-Ranicki um. Als dann in den neunziger Jahren erste Meldungen und Verdächtigungen über seine polnische Vergangenheit auftauchten, der Sohn seines Freundes Walter Jens hatte sich in dieser Angelegenheit emsig betätigt, schlug Reich-Ranicki keineswegs zimperlich zurück - gegen seinen "Denunzianten", also Tilman Jens. Aggressiv, aber noch immer defensiv. Und noch immer spielte er Art und Ausmaß seiner polnischen Tätigkeiten herunter. Warum nur?

Letztlich geht uns das nicht wirklich etwas an. Auch was Gnauck, der Biograph, an Tatsachen, Belegen, Indizien, Vermutungen heranschafft, was er bestätigt oder auch nur insinuiert, bleibt ziemlich irrelevant angesichts dieser Lebensgeschichte. Interessant wird dieses Buch also nicht durch die eine oder andere Korrektur an Reich-Ranickis Selbstdarstellungen, sondern allein durch die Tatsache, dass man, wie Gnauck sagt, "durch das Prisma dieses Lebens unendlich viel über polnische, jüdische und deutsche Geschichte erfährt". Nämlich noch einmal die ganze polnische Geschichte des jungen Marceli Reich, mit seiner Kindheit in Wloclawek an der Weichsel, seiner Jugend in Berlin, seiner zwangsweisen Rückkehr nach Polen, der Zeit im Ghetto, seiner Hochzeit mit Teofila Langnas, genannt Tosia, seiner Flucht und dem stets gefährdeten (Über-)Leben in einer Kellergrube. Als eines Tages Nachbarn tuschelten, die Gawins hielten Juden versteckt, ging Frau Gawin wie eine Furie auf die Verleumder los und drohte (sic!) die Gestapo einzuschalten. Die Gerüchte verstummten sofort.

Gerhard Gnauck: Wolke und Weide. Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2009, 287 Seiten, 23,90 Euro.

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