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Regiestudio Frankfurt Realisierte Utopien

Das erste Frankfurter Regiestudio präsentiert sich in den Kammerspielen am Schauspiel Frankfurt mit drei gelungenen Abschluss-Premieren: Alexander Eisenach mit "Das Leben des Joyless Pleasure", Ersan Mondtag mit "Orpheus#" und Johanna Wehner mit "Angst".

Tote dürfen rauchen. Lena Lauzemis, Florian Kleine, Kate Strong in "Orpheus#". Foto: Edi Szekely

Das erste „Regiestudio“, das in dieser Spielzeit wach und die Gelegenheit beim Schopfe packend die Box-Bühne des Schauspiels Frankfurt bespielte, bekam am Wochenende sein eigenes Festival. Die jeweils zwei Inszenierungen, die Alexander Eisenach, Jahrgang 1984, Ersan Mondtag, Jahrgang 1987, und Johanna Wehner, Jahrgang 1981, erarbeitet hatten, waren noch einmal zu sehen, dazu aber auch je eine neue, je knapp einstündige Produktion in den Kammerspielen. Eine basierte auf diskurstheoretischen Überlegungen, eine auf einem mythologischen Stoff, eine auf einer literarischen Vorlage.

Die diskurstheoretisch basierte war die komischste und wie es sich für Diskurstheorie gehört (aber selten der Fall ist) auch die weitreichendste. „Das Leben des Joyless Pleasure“ stellt drei Forschungsreisende vor, in vergnüglich historisierenden Kostümen (Lena Schmid) von vor 1914 und in wirkungsvollem Chiaroscuro. Sie drei sind ihrerseits diskurstheoretisch topfit und per Schiff unterwegs zur „Insel der Nutzlosen“. Die hinreißend energisch und selbstironisch die Szene bestimmende Linda Pöppel, Andreas Uhse als ihr leicht pikierter Mann und Daniel Rothaug als sportiver Aristokrat parodieren die klassische Abenteuerromanreisegesellschaft, parodieren auch den Diskurs über Utopie, Glück und die gesellschaftlichen Bedingungen dafür, in den sie sich gleichwohl mit Leidenschaft und Beharrlichkeit verwickeln.

Zu uns durchdringen

Sie spielen hinter den zur Wand gestellten Säulen von Jens Kilian, auf denen wir sie per Videoübertragung sehen. Auch der literarisch höchst aufgeladene Heizer, Viktor Tremmel, ist zwar anfänglich eine Art Erzählerfigur auf der Bühne, nachher aber ebenfalls im Film zu sehen. Ein guter Film (Video: Oliver Rossol), dessen Dauer gleichwohl irritiert. Aber Eisenach, der „Das Leben des Joyless Pleasure“ zusammen mit Dramaturgin Rebecca Lang schrieb, hat noch eine tolle Pointe zur Hand.

Wie in „Matrix“ brechen die Forschungsreisenden und der ihnen inzwischen in vielfacher Hinsicht verbundener Heizer in unsere Welt durch. Dabei kommen sie aber mit freimütigem Blick in den Zuschauerraum zu dem Schluss, dass dies die „Insel der Nutzlosen“ sein muss. Und während sie beschreiben, was sie sehen, uns, kann man ihnen das nicht verdenken.

Sobald man nämlich kurz vergisst, dass ein Theater ohne Zuschauer keines mehr wäre: Was gibt es Nutzloseres als einen Zuschauer, aber auch: Was gibt es Schöneres, als nutzlos zuzuschauen, wenn andere etwas wirklich Interessantes tun. Ein Theaterbesuch als realisierte Utopie, wer hätte das erwartet?

Ersan Mondtag beeindruckt danach mit einem wesentlichen Tanzstück (denn der Frankfurter Intendanz ist es offenbar ernst damit, dass die Regiestudioteilnehmer einen kleinen, dort aber völligen Freiraum haben) zum Orpheus-und-Eurydike-Stoff.

Spaß, Melancholie und Tod, das herbe Rätsel des Abschieds für immer, die Verzweiflung, für die es keine Worte gibt, all das wird in „Orpheus#“ in kurzen Sequenzen dargestellt, musikgesättigt bis an den Rand zur Süßigkeit, dabei karg und intensiv. Lena Lauzemis, Kate Strong, Christian Erdt und Florian Kleine tragen rote Ganzkörper-Trikots mit aufgemaltem Skelett (Kostüme: Gualtier Maldé), was im Zusammenspiel mit der Micky Maus im Hintergrund (Bühne wiederum Kilian) wie eine modische Eigenwilligkeit wirkt. Aber man begreift rasch, dass das nicht mehr, vielleicht seit Ewigkeiten nicht mehr die Späßchen von Lebenden sind.

Der Einsamkeit der Hades-Bewohner gehört die meiste Zeit, die Tänzerin Kate Strong gibt ihr ebenso nonchalant wie markerschütternd Ausdruck. Etwa als Skelett, das aus dem Rollstuhl fällt und einen Lachanfall bekommt. Das passiert ihr offenbar nicht zum ersten Mal, auch benötigen Tote keinen Rollstuhl mehr. Auch rauchen sie straflos, aber ohne Enthusiasmus. Orpheus, Erdt, ein Schauspieler als wunderbar scheuer, effizienter Tänzer, wird schließlich versuchen, Eurydike, Lauzemis, von hier wegzubringen. Der Tod, Strong, hängt ihm zusätzlich im Schlepptau, die doppelte Last ist eine Katastrophe. Versucht er nicht auch überhaupt eher, beide loszuwerden? Manches mag verrätselt sein, aber alles läuft auf den Moment hinaus, in dem Orpheus sich umdreht und alles aus ist. Lena Lauzemis bleibt zurück, starrt. Weint sie gleich? Lächelt sie gleich? Es ist entsetzlich.

Auch toll: Constanze Becker als erpresste Ehebrecherin

Und nicht leicht ist es zum Abschluss für Johanna Wehners ausgeklügelte Sicht auf „Angst“, die Stefan-Zweig-Novelle, die sie mit Dramaturgin Henrieke Beuthner zusammen fürs Theater bearbeitet hat. Kilians Stelen, erneut auch Videoleinwand, stehen jetzt so, dass sich die Bühne nach hinten verjüngt und die drei Darsteller viele Ein- und Ausgänge haben. Constanze Becker ist Zweigs Ehebrecherin, die an eine Erpresserin gerät, fabelhaft bewegt sie sich nach ihrer Art zwischen nackter Panik und genervter Unlust gegenüber dieser lästigen Situation, in der es um Liebe ja schon gar nicht mehr geht. Lukas Rüppel im improvisierten zu großen Kleid (Kostüme: Laura Krack) spielt als Lacherfolg am späten Abend die Erpresserin, die ja tatsächlich eine vom unerträglichen Gatten, Thomas Huber, engagierte Schauspielerin ist und bei Rüppel zwischendurch versehentlich in den „Nibelungen“ vom Saisonbeginn landet.

Das Heillose der Angst aber führt in eine Auflösung des Textes und in eine albdruckhafte Bilderflut. So gerät zugleich ausgerechnet das Ende eines äußerst individuell bestückten Dreiers etwas sehr ins Allgemeine. Dass die drei Neu- und Abschluss-Produktionen im Spielplan nicht mehr vorgesehen sind: zu schade.

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