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Reformation Wie kommt das Fegefeuer in die Lutherbibel?

Das Übersetzungswerk des Reformators strahlte auch weit ins katholische Deutschland aus.

Cranach-Altar
Martin Luther mit einer Bibel: Detail aus dem Flügelaltar der Stadtkirche in Weimar, der 1552 von Lucas Cranach d.Ä.. begonnen wurde. Foto: epd

Leser, die sich durch die „gantze Heilige Schrifft“ bis zu der Stelle auf Seite 1194 durchgekämpft hatten, dürften so heftig den Kopf geschüttelt haben, dass die mächtige Allongeperücke ins Rutschen kam. Man möge Irrlehrer „mit Forcht“ aus dem Fegefeuer holen, empfiehlt da ganz hinten in der Bibel ein später Apostel namens Judas seiner urchristlichen Gemeinde. 

Fegefeuer? Davon wollte Bibelübersetzer Martin Luther eigentlich nichts wissen. Die Vorreinigung sündiger Seelen vor der Aufnahme in den Himmel war sogar ein wichtiger Streitpunkt zwischen dem Reformator und der römischen Orthodoxie gewesen. Dass die Verstorbenen nach katholischer Lehre – je nach Sündenkonto – erst eine gewisse Zeit im „Purgatorium“ zu verbringen hatten, nutzten zu Luthers Zeit findige Händler dazu, Lebenden gegen Entgelt einen Nachlass an Fegefeuerzeit zu versprechen. „Sobald der Gulden im Becken klingt / Im Hui die Seel im Himmel springt“: Mit dem Slogan hatte der Dominikanerpater Johann Tetzel viel Geld eingenommen. Aber er hatte mit seinen Geschäften auch den Augustiner Martin Luther zu seinen 95 Thesen provoziert und damit die Reformation ausgelöst. 

Wie also kommt das Fegefeuer in die Lutherbibel? Durch die „Bosheit“ eines katholischen Setzers, vermutete der Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze. Ein Satzfehler muss es wirklich gewesen sein: Tatsächlich weisen elf von zwölf erhaltenen Exemplaren einer Ausgabe des Jahres 1670 die tückische Stelle auf, wie der Bibel-Experte Eberhard Zwink herausgefunden hat, nur eines wurde offenbar nachträglich korrigiert. Absicht oder Versehen? „Ich weiß es nicht“, bekennt Zwink. Möglich sei aber, dass tatsächlich nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges ein katholischer Setzer im evangelischen Nürnberg gelandet war und das Fegefeuer in die evangelische Bibel geschmuggelt hatte. 

Eine der schönsten Lutherbibeln gibt es in Wien

Ob Absicht oder nicht, der Fehler wurde im Konfessionsstreit genützt. Die „Papisten“, so Pastor Goeze, kauften die fehlerhaften Bibeln „mit schwerem Gelde“ auf, um brave Protestanten zu täuschen. Erst fragten sie listig: Glaubst du an das Fegefeuer? Kam als Antwort ein klares lutherisches Nein, zeigte der Katholik triumphierend auf die Stelle in der Lutherbibel. Ganz ähnlich, meinte Goeze, hätten sie es schon ein halbes Jahrhundert zuvor angestellt, als ein Setzer aus dem „ewigen“ ein „neues“ Evangelium gemacht hatte. Ebenfalls eine kompromittierende Formulierung: Luther nämlich wollte gerade nichts „Neues“ geschaffen haben, sondern zum alten Glauben zurückgekehrt sein. 

Der argwöhnische Pastor Goeze lebte ein volles Jahrhundert nach dem Eklat mit dem Fegefeuer; überdies genießt er durch seinen Streit mit Lessing, dem toleranten Dichter des „Nathan“, einen Nachruhm als sturer Fundamentalist. Beides macht ihn zu keinem glaubwürdigen Zeugen. 
Indirekt zeigt die Anekdote aber, dass es um Luthers Übersetzung eben nicht besonders viel zu streiten gab. Selbst zu Zeiten heftiger Glaubenskriege ging es zwischen evangelischer und katholischer Kirche immer nur um einzelne neuralgische Stellen. Als Salzhändler aus dem evangelischen Ortenburg in Bayern Lutherbibeln zu den verfolgten Protestanten in Österreich schmuggelten, reichte ein neuer Einband, um die Grenzer in die Irre zu führen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Martin Luther

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