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Reformation Nicht uneingeschränkt feiern

Spätmittelalterliche Rückbesinnung oder Beginn der Neuzeit: Über die Wirkungen der Reformationsgeschichte wird kontrovers gestritten. Aus guten Gründen.

„Versöhnte Einheit“
Das Wandgemälde „Versöhnte Einheit“ versammelt in der Kirche Alt-Staaken (Berlin) sehr unterschiedliche Reformatoren. Foto: epd

Es gibt ja niemanden, der die Weltwirkungen der Reformation bestreiten würde. Das moderne Staatsverständnis, die Vorstellungen von Individualisierung, das Wirtschaftsleben, der Kapitalismus selbst: Es sähe alles anders aus, hätte es keine Reformation gegeben. Insofern stimmt es, wenn Frank-Walter Steinmeier, damals noch Außenminister, aus Anlass der großen Luther-Schau „Here I stand ...“ in den USA behauptet hat, Deutschland und die moderne Gesellschaft verdankten „Luther und den anderen Reformatoren die entscheidenden Impulse für unser heutiges Verständnis von Freiheit, Bildung und gesellschaftlichem Zusammenleben“. Impulse, ja. Aber welche und in welche Richtung gehen sie?

Weltwirkung der Reformation

„Die Reformation“, so meinte Friedrich der Große, „war ein Segen für die Welt und besonders für den Fortschritt des menschlichen Geistes.“ Den Segen konnte Heinrich Denifle, Dominikanermönch und Leiter des Vatikanischen Geheimarchivs, in seiner vor gut hundert Jahren erschienenen, sehr polemischen, aber auch sehr einflussreichen Luther-Biografie nicht erkennen. Für ihn war Luther nicht nur ein Fälscher, Säufer und Lügner, sondern der Verursacher einer religiösen Bewegung, die den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt zerstört habe. Denifles Motto konnte nur lauten: „Los von Luther, zurück zur Kirche.“

Es gibt kein Zurück, es gibt allerdings auch keinen Anlass, die Reformationsgeschichte einzig unter Segensvorzeichen zu setzen. Dennoch werden gerade solche Gegenüberstellungen bis heute bedient, nicht nur von der Tourismusindustrie, die ohnehin gern auf Schwarz-Weiß-Malerei setzt, sondern auch von den Kirchen.

Die Evangelische Kirche hat durch den einstigen Berliner Bischof Wolfgang Huber zu Beginn der sogenannten Reformationsdekade eine „Kirche der Freiheit“ ausgerufen – und damit unter der Hand nicht nur eine katholische Kirche der Unfreiheit konstruiert, sondern die Reformation ins Korsett der Heilsgeschichte gezwängt. Als ob einzig auf reformatorischen Wegen die Freiheit des Glaubens zu erringen sei. Der katholische Kardinal Kurt Koch wiederum glaubt, die Reformation könne erst dann als gelungen gelten, wenn „die Einheit der universalen Kirche wiederhergestellt“ sei – wenn die (unselige) Reformation rückgängig gemacht ist.

Aber nicht nur zum protestantischen und katholischen Selbstverständnis gehört nach wie vor das Absetzen von konkurrierenden Deutungen. Gerade auch unter religionsfernen (oder feindlichen) Betrachtungen wird ein Verständnis von Identität bedient, das auf das Festmachen von Unterschieden zielt: Wir gegen die Anderen, wir im Unterschied zu euch. Eine der weitreichendsten Wirkungen der Reformationsgeschichte ist in der Durchsetzung solchen Denkens zu finden. Dazu gehört die Vorstellung, dass alles, was die eigene Identität ausmacht, gleichsam von innen, von uns selbst kommt – und dass alles, was sie gefährdet, von außen einbricht. Man könnte sich dabei sogar gut auf Luther und seinen Glaubensbegriff beziehen. Denn zum wahren Glauben ist er seiner Selbsterzählung nach durch ein Bekehrungserlebnis gekommen – danach habe er sich „völlig neugeboren“ gefühlt und sei „durch geöffnete Tore in das Paradies eingetreten“.

Das Paradies des neuen evangelischen Glaubens aber war lange vor Martin Luther bereitet: Die Reformation wuchs und entstand vor dem Hintergrund eines umfassenden reformatorischen Klimas. Luthers Lektüre von Augustinus und die Unterweisungen durch seinen Beichtvater Johann von Staupitz geben davon eindrücklich Auskunft. Reformation heißt Umkehr und bei Luther vor allem ein Zurück zu den Wurzeln des katholischen Glaubens. Insofern war sie eine konservative Bewegung, was übrigens eine der Bedingungen ihres Erfolgs wurde.

Über Jahrzehnte wurde an der Reformation vor allem das Neue, Bahnbrechende herausgestellt. Gegenwärtig betont der einflussreiche Kirchenhistoriker Volker Leppin die engen Bindungen an das Spätmittelalter und betrachtet die Reformation entsprechend als allmählichen Transformationsprozess, während sein Göttinger Kollege Thomas Kaufmann darauf besteht, dass die Reformation aus ihrer Vorgeschichte nicht ableitbar sei. Beide verweisen dabei darauf, dass es die Reformation nur im Plural gibt, dass sie ein „Laboratorium der religiösen Möglichkeiten“ (Kaufmann) geschaffen habe, das bis heute weiterwirke.

 Hat die Reformation damit den heutigen Pluralismus auf den Weg gebracht? Hat sie demnach die Marginalisierung des Christentums eingeleitet? Diesen Verdacht hat jüngst der US-amerikanische Forscher Brad S. Gregory einmal mehr nahegelegt (in dem Band „Reformation und Säkularisierung“ etwa).

Für ihn ist die zwar unbeabsichtigte, aber entscheidende Wirkung der Reformation, dass sie die mittelalterlichen Einheitswelt aufgelöst und damit all jene konfessionellen Streitigkeiten in die Welt gebracht habe, die am Ende das Christentum selbst zerreiben.

Pluralismus auf den Weg gebracht?

Damit aber werden vereinfachende Kausalzusammenhänge konstruiert. Wer die destruktive Kraft der Reformationsgeschichte betonen will, kann natürlich problemlos auf die Konfessionskriege oder Luthers Antisemitismus hinweisen. Wer dagegen die konstruktiven Wirkungen herausstellen möchte, kann gleichermaßen problemlos befreiungstheologische Aspekte ins Spiel bringen. Oder man macht es wie der Schriftsteller Friedrich Christian Delius in seiner Streitschrift „Warum Luther die Reformation versemmelt hat“: Er habe sie „vergeigt“, weil er „den Begriff der Sünde und Erbsünde nie in Frage gestellt“ habe und also ein „kreuzbraver Augustiner“ geblieben sei.

Das ist schön scharf geschrieben, allerdings falsch. Denn Luther bezog sich zwar immer wieder auf Augustinus, aber er folgte ihm in entscheidenden Punkten nicht. Zum Sünder wird der Mensch bei Augustinus, wenn er sich allein an irdischen Dingen (Besitz, Sex: solche Sachen) ausrichtet, während für Luther den Sünder kennzeichnet, dass er auf alles auf sich bezieht – hier die Fixierung auf das Irdische, dort Ichgebundenheit.

Da hat man wieder beides: Man kann Luther Wegbereiter für die Geschichte der Individualisierung nehmen – und ihm zugleich sein durchweg negatives, von der Erbsünde geprägtes Menschenbild vorhalten. Mit Moral- oder Fortschrittskategorien lässt sich keine Geschichte begreifen: Auch ein menschenfreundlicher Humanist wie Erasmus von Rotterdam war Antisemit, auch ein gutgemeinter, betont nichtchristlicher Gesellschaftsentwurf wie der Kommunismus hat blutige Geschichte geschrieben. Alle, die Religion ohnehin für überflüssig halten, können sich entsprechend auf die Reformationsgeschichte genauso beziehen wie jene, die gerade in der Religion ihre gesellschaftsbindende Stärke erkennen.

Die tiefen Wirkungen der Reformation sind damit nicht bestritten, aber ihre Geschichte taugt nicht zur Identifikationsfläche. Gerade aus der Reformationsgeschichte ließe sich lernen, dass jede Instrumentalisierung der Vergangenheit Schaden in der Gegenwart anrichtet: Sie lässt sich nicht uneingeschränkt feiern, sie braucht nicht restlos verdammt zu werden. Die Reformation war eine wesentliche Etappe hin zur Moderne – nur ist eben auch diese Moderne weder einzig ein Fortschritt noch bloßer Verfall einstiger Gewissheiten.

Der Historiker Lucian Hölscher betont deshalb zu Recht, dass es keine angemessene Erinnerung gibt, ohne die „katholischen und protestantischen Reformationen gleichberechtigt nebeneinander“ zu stellen. Erinnerung heißt, sowohl die verheerenden wie die befreienden Wirkungen wahrzunehmen. Hölscher verweist als geglücktes Erinnerungsbild auf ein Wandgemälde in der Dorfkirche von Alt-Staaken: Es zeigt unter dem Kreuz Christi so verschiedene Reformatoren wie Kopernikus, Erasmus, Cranach, Müntzer oder den Gründer des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola. Und Luther natürlich auch.

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