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Reformation Martin Luther, kein Sommermärchen

Bittere Bilanzen: Das Reformationsjubiläum schafft weniger Interesse als von den Veranstaltern erhofft. Woran liegt's?

Luther-Statue
Aktion zur Erinnerung an die Reichspogromnacht, 2016: Judenfeind Luther in Hannover mit verschlossenen Augen. Foto: epd

Es ist Reformationsjubiläumsjahr, und wer lediglich den Zahlen vertraut, wird es als Flop wahrnehmen. Nur ein paar Beispiele: Gut 140.000 Besucher wurden zum zentralen Großereignis im Reformationsjahr, dem Kirchentag in Berlin, erwartet, lediglich 106 000 kauften ein Dauerticket. In Wittenberg, dem zweiten Veranstaltungsort dieses als „Sommermärchen“ angekündigten Super-Events, rechnete man zum Abschlussgottesdienst mit 200.000 Gästen, es kamen allenfalls 120.000.

Noch enttäuschender für die Veranstalter verliefen die sogenannten „Kirchentage auf dem Weg“, mit dem die Reformation an historischen Stätten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gefeiert werden sollte. In Leipzig ging man ursprünglich von gut 50.000 Gästen aus, es kamen nicht mehr als 15.000. Und selbst die so umfangreich beworbene Sonderausstellung „Der Luthereffekt“ im Berliner Gropiusbau hat, wie die FAZ bezeichnenderweise in ihrem Wirtschaftsteil kürzlich vermeldete, lediglich 30.000 zahlende Kunden angezogen. Zur Wartburg, wo mit „Luther und die Deutschen“ eine weitere Sonderausstellung eingerichtet ist, kamen bislang zwar weitaus mehr Menschen, aber die Wartburg ist generell beliebtes Ausflugsziel. In den vielen kleineren Ausstellungsorten, die es an fast jeder Luther-Stätte gibt, ist man dagegen vornehmlich ernüchtert: Es interessieren sich weitaus weniger als erhofft.

Es geht dabei ja auch um Geld. Gut 50 Millionen Euro beträgt der Etat, den das kirchliche Organisationsbüro in Wittenberg für seine vielen Projekte zur Verfügung hat. Sachsen-Anhalt stellte zudem rund 100 Millionen Euro bereit, die Bundesregierung über 40 Millionen. Dazu kommen umfangreiche Infrastruktur- und Restaurierungskosten. Schon wird vielerorts mit einiger Bangigkeit gefragt, wer am Ende die Ausgaben tragen soll, wenn die erwarteten Einnahmen ausbleiben.

Zahlen allein sagen zwar nicht viel, aber sie stehen für konkrete Erfahrungen. Zum Programm des Leipziger „Kirchentags auf dem Weg“ gehörte etwa eine Bibelarbeit mit Ministerpräsident Stanislaw Tillich; man hielt einen großen Raum bereit – am Ende saß Tillich mit einem Dutzend Menschen im Stuhlkreis beisammen. Auch das gehört zur Wahrheit des Reformationsjubiläums: Die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) – Hauptverantwortliche für das Reformationsjahr, die gerade die „Kirchentage auf dem Weg“ mitunter gegen den Willen der Landeskirchen durchsetzte – wollte das Jubiläum „in der Freude über die geistlichen Gaben der Reformation“ feiern. Die Freude ist jetzt allseits eher getrübt. Das Reformationsjubiläum als Reinfall.

Das hat verschiedene, auch einander widersprechende Gründe. Ein gewichtiger ist, dass die Kirche die Reformation zwar als „gesamteuropäisches und weltgeschichtliches Ereignis“ zu loben versteht, aber theologisch nicht zu erklären vermag, was Reformation und Protestantismus im 21. Jahrhundert überhaupt bedeuten sollen. Die Programmschrift „Rechtfertigung und Freiheit“, erschienen vor drei Jahren, wurde gerade von Theologen scharf angegriffen und als weitgehend substanzlos charakterisiert. Sehr zu Recht leider.

Bereits im März war es deshalb zum Krach zwischen dem Vizepräsidenten des EKD-Kirchenamts, Thies Gundlach, und mehreren renommierten Theologen und Kirchenhistorikern gekommen, darunter Friedrich Wilhelm Graf, Thomas Kaufmann und Dorothea Wendebourg. Gundlach warf ihnen eine „grummelige Meckerstimmung“ und „Ignoranz“ gegenüber dem Jubiläum vor. Sie ließen die Kirchenleitungen „bei einer gegenwartsbezogenen Interpretation des Jubiläums allein“ und verbissen sich in Detailfragen. Der Göttinger Historiker Kaufmann antwortete darauf in einer Mail, die von der Tageszeitung „Die Welt“ publik gemacht wurde, in aller Deutlichkeit: „Offenbar ist es Ihnen noch immer nicht vorstellbar, dass man sich zu einem Phänomen wie der Reformation im Horizont gegenwartsverantworteter Theologie nicht anders als differenziert äußern kann und muss.“

Zu dieser Differenzierung gehört, dass die Reformations- keine bloße Luthergeschichte ist. Das betont zwar auch die EKD, aber sie hat sich dennoch einer Marketinglogik ausgeliefert, die mit überholten Klischees auf den Zuspruch der Massen hofft. Es rächt sich jetzt, dass trotz vielfacher Kritik bereits das EKD-Logo des Reformationsjubiläums einzig Luther zeigt. Diese Luther-Fixierung ist historisch und theologisch sowieso nicht zu halten, aber selbst touristisch nicht aufgegangen. Denn längst hat sich auch in der breiten Öffentlichkeit herumgesprochen, dass mit Luther-Lob keine Reformationsgeschichte zu fassen ist. Solches Luther-Verherrlichen ist allenfalls in ironischer, spielerischer Brechung noch möglich – das erklärt den enormen Verkaufserfolg des Playmobil-Luther.

Kritiker, hieß es früh, seien in „Meckerstimmung“

Zu dieser Differenzierung gehört sicher auch, dass die religiöse Landschaft tiefgreifenden Veränderungen ausgesetzt ist, die gerade im Protestantismus deutlich hervortreten. Von einer Volkskirche ist längst nicht mehr auszugehen, an ihre Stelle tritt eine temporäre Weihnachts- oder Hochzeitsreligiosität, zunehmend auch ein konfessionsloses, entkirchlichtes Christentum. Das Reformationsjubiläum war kirchlicherseits der Versuch, volkskirchliche Traditionen zu revitalisieren; er kann als gründlich gescheitert gelten.

Eine Kirche für das 21. Jahrhundert lässt sich ohnehin nur mit klaren theologischen Botschaften finden, die den Konflikt mit touristischen oder zivilreligiösen Interessen nicht scheuen. Die EKD sucht ihr Heil jedoch vornehmlich in der Rolle als Moralagentur oder Lieferant für kulturelle Werte. Gundlach forderte entsprechend von der Wissenschaft, sie hätte zu zeigen, „welche konstruktive Bedeutung“ die Reformation „für das heutige Selbstverständnis nicht nur der Kirchen, sondern auch der Demokratie, der Menschenwürde, der Partizipation und so weiter hat“. Von Glaube, Gott oder Gebet ist dabei gar nicht mehr die Rede. Stattdessen wird die Nähe zum (säkularen) Staat betont, der diese Avancen begreiflicherweise gern aufnimmt.
Der Parlamentarische Staatssekretär Thomas Rachel hat kürzlich in einem Interview die Reformation als „gesamtgesellschaftliche Bildungs-, Freiheits- und Emanzipationsbewegung“ gepriesen, die ein „unverlierbarer Teil unseres geistigen Erbes und unserer kulturellen Identität“ sei. Das hätte die EKD nicht schöner sagen können. Aber abgesehen davon, dass solche platten Behauptungen auch für allerlei andere historische Ereignisse gelten, wird damit ausgeklammert, dass wie jede Freiheits- und Emanzipationsbewegung auch die reformatorische ihre dialektischen Schatten hat. Noch ein Grund, warum die Reformation nicht zur Massenfeier taugt.

Dass die Reformatoren, Luther inklusive, dabei vor allem auf theologische Erneuerung zielten, scheint ohnehin zum bloßen Nebenaspekt geworden zu sein: Gefeiert werden soll eine glattgebürstete Geschichte. Der Abendmahlsbecher, der beim Abschlussgottesdienst des Wittenberger Kirchentags zum Einsatz kam, war so gesehen von hohem symbolischen Wert: Er zeigte kein Kreuz, sondern den Schriftzug „500 Jahre Reformation“ und die Stadtsilhouette. Dafür aber mochten sich weit weniger Menschen in die pralle Sonne auf eine Elbwiese stellen.
Insofern sind die nackten Zahlen doch aufschlussreich: Wie jedes andere Thema in der Event-Gesellschaft sind auch die Reformationsgeschichten irgendwann erschöpft.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Martin Luther

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