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Reformation Hier steht er nun - doch es war anders

Am 31. Oktober 1517 gab Martin Luther seine 95 Thesen bekannt. Über die Umstände gibt es sagenhafte Geschichten bis heute.

Martin Luther - Denkmal
Das Denkmal für den Kirchenreformator Martin Luther (1483-1546) in Eisenach, Foto: dpa

„Dann gab Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen bekannt“, formulierte in diesem Jahr wahrhaftig lakonisch die britische Lutherbiografin Lyndal Roper. Tatsächlich erst nach fast einem Jahrhundert kam die Legende von der Thesentür auf. Die Pforte, aus der Mythen ein Fanal gemacht haben, verbrannte 1760 im Siebenjährigen Krieg, eine Nachfolgerin während der antinapoleonischen Kriege 1814. Die heutige Bronzetür stammt aus dem Jahr 1858, aus einer Hochphase der Luthermemoria, als der preußische König, Friedrich Wilhelm IV., einen protestantischen Erinnerungsort stiftete, im Flachrelief eingraviert die 95 Thesen. Luthers Leistung wurde architektonisch nobilitiert, der Wehrturm der Schlosskirche nicht nur schlicht erweitert, durch die Neugotisierung wurde ihm ein Turmhelm aufgesetzt, der bis heute zu einer preußischen Pickelhaube aufschauen lässt. Die Schlosskirche war nie nur ein Gedenkgotteshaus der Reformation, sondern Wallfahrtsstätte, Andachtsort – Kulturkampfstätte für die Kommunion von Reich und Religion. Es war eine Epoche, in der es mit dem Protestantismus in Preußen nicht anfing, aber so richtig losging.

Die Thesentür ist in Wittenberg weiterhin ein Begriff und eine Attraktion. Touristenführer weisen, bitte hier entlang, schnurstracks den Weg. Nicht zu übersehen ist auch, dass ein so prall mit Lutherwissen gespicktes Buch wie das wissenschaftliche „Lutherhandbuch“ Albrecht Beutels den Thesenanschlag auf kaum mehr als einer Drittelseite thematisiert. Natürlich nicht ohne umhin zu kommen, dass es der katholische Theologe Erwin Iserloh war, der 1962 in seinem Buch „Luthers Thesenschlag. Tatsache oder Legende“ die „lutherische Selbstverständigung ganz erheblich verunsicherte“. Seitdem befindet sich die Thesentürlegende in einem schwer angeschlagenen Zustand, ja mehr noch: Seit dieser „glasklaren historischen Argumentation“ kann von einer Tatsache nicht mehr die Rede sein – nur von einer Konstruktion, auf die sich die Nachwelt Luthers hat festnageln lassen.

Aber mal Entschuldigung, sagen gesinnungsfeste Lutheranhänger, die den Glauben an die Legende unter keinen Umständen fahren lassen möchten. Die Erfindung frommt dem Glauben. Und der Zweifel? Ja, gut, der Zweifel brachte Kompromissvorschläge auf. So habe der Thesenanschlag womöglich nicht am 31. Oktober 1517 stattgefunden, aber er habe sich ereignet, er sei nachgeholt worden, etwas später bereits.

Sagenhafte Geschichte. Hier, wo diese Kreise stehen, kann man nicht anders.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Martin Luther

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