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Reformation Hier steht er nun - doch es war anders

Am 31. Oktober 1517 gab Martin Luther seine 95 Thesen bekannt. Über die Umstände gibt es sagenhafte Geschichten bis heute.

Martin Luther - Denkmal
Das Denkmal für den Kirchenreformator Martin Luther (1483-1546) in Eisenach, Foto: dpa

Seit Jahren bereits ging es um den Ablass, auch die Luther-Offensive von 1517 war eine Anti-Ablass-Kampagne. Wobei bereits Philipp Melanchthon, seit 1518 mit einer Griechischprofessur in Wittenberg betraut, ausdrücklich festhielt, dass Luther „keineswegs die Ablässe selbst verwarf, sondern nur ihren maßvollen Gebrauch forderte“. Von dem im Jahr 1518 21-Jährigen, dem Weggefährten und Parteigänger Luthers, der im Gegensatz zu anderen an der Seite Luthers blieb, weil er es neben ihm auch aushielt, so dass dieser Melanchthon zum zweiten Mann der lutherischen Reformation wurde – von Melanchthon stammt der Satz: „Er schlug sie (die Thesen) am Vortag von Allerheiligen 1517 an der Kirche an, die an das Schloss von Wittenberg grenzt.“

Es so zu erzählen geschah, natürlich, in gutem Glauben, wobei der Chronist nicht den Hammer schwingen ließ, noch nicht. Zu Luthers Zeiten existierte diese Lesart nicht, sie wurde von Melanchthon erst nach dem Tod des Reformators in Umlauf gebracht, 1564, aus der Erinnerung, und nicht etwa als Augenzeuge, denn im Jahr 1517 hielt sich Melanchthon noch nicht in Wittenberg auf. Auch Luther selbst hat die Sache anders dargestellt, seine eigene Geschichte wesentlich weniger dramatisch.

Luther, so ist es gerne erzählt worden, hatte lange zugesehen, wie der Erzbischof von Magdeburg und Mainz, der junge Hohenzollernprinz Albrecht von Brandenburg, eine Ablasskampagne startete, deren Erträge zum einen in den Neubau des Petersdoms flossen, zum anderen die Schulden tilgen sollten, die Albrecht bei den Fuggern in Augsburg aufgenommen hatte, um seine rechtswidrigen Ambitionen auf Ämterhäufung, auf zwei Bischofstühle zu finanzieren. Was nicht nur von einem Luther in der Weltferne von Wittenberg an Gerüchten über pompöse Auftritte und gespreiztes Gehabe aufgeschnappt werden konnte, reichte aus, um sich abgestoßen zu fühlen.

Sich abgestoßen fühlen, das galt für viele. Einen Eindruck davon vermittelte Ricarda Huch in ihrem 1937 äußerst mutigen Luther-Buch. Heute weiß man, dass Luthers Landesherr, Friedrich III., den Ablassverkauf in seinem Territorium verweigerte; gleichwohl ließen sich auch Wittenbergs Gläubige Ablassbriefe ausstellen. Zudem war die Schlosskirche selbst mit Mitteln aus dem Ablass finanziert worden. Beachtlich die Quote, die durch einen Besuch der 1503 eingeweihten Kirche in Aussicht gestellt wurde. Jeder Besuch sollte mit 100 Tagen Nachlass im Fegefeuer zu Buche schlagen. Solche Deals blieben nicht verborgen, ebenso wenig die pompöse Reliquienkultsammlung des Landesherrn, unter den 19 013 Partikeln solche Raritäten wie die Brotkrumen vom letzten Abendmahl Jesu sowie die Muttermilch der Jungfrau Maria.

Eine komplexe Gemengelage in der Stadt – und aufgewühlt die Stimmung rund um Wittenberg, wo der Dominikanermönch Johannes Tetzel eine aggressive Ablasskampagne betrieb. „Ablassagenten“ nennt sie der große Lutherbiograf Heinz Schilling, durchaus mit Verachtung. Denen war zwar der Zutritt zu den Territorien des Kurfürsten verweigert, aber es existierte so etwas wie ein Grenzverkehr, um etwa im benachbarten Brandenburg Ablasszertifikate zu ergattern. Wo doch die Prediger nicht nur die Vergebung vergangener Sünden versprachen, sondern, nachdem der Groschen in den Kasten gefallen war, einen Freibrief für zukünftige Sünden.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Martin Luther

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