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Reformation Hier steht er nun - doch es war anders

Am 31. Oktober 1517 gab Martin Luther seine 95 Thesen bekannt. Über die Umstände gibt es sagenhafte Geschichten bis heute.

Martin Luther - Denkmal
Das Denkmal für den Kirchenreformator Martin Luther (1483-1546) in Eisenach, Foto: dpa

Entschuldigung, aber vielleicht doch noch mal ein Wort über Wittenberg, als es losging. Denn aller Anfang führte nach Wittenberg, und alle Wege auch. Das ist ein Grund, noch mal genauer hinzuschauen, was da war, warum es am Tag vor Allerheiligen, 500 Jahre her, nicht bloß anfing, vielmehr so richtig aufging, ähnlich Hefe, kaum war das Produkt auf dem Markt. In diesem Fall bestand es aus 95 Thesen, die auf einen großen Bogen Papier passten. Ihr Tenor: Hier veröffentlichen wir, hier tun wir kund, wir geben nicht nur zu bedenken, hier klagen wir auch an. Der Autor, der unzählige Male wir sagte, konnte nicht anders. Eine Kommunion von Bekenntnis und Beschuldigung. Dann unterzeichnete er erstmals als Dr. Martin Ludher.

Der 31. Oktober 1517 gilt als der Tag, an dem ein Augustinermönch aus Wittenberg mit seinem Anschlag an der Schlosskirche einer Kleinstadt in Deutschland die Welt verändert hat. Die Legende machte daraus einen Mann mit einem Hammer in der Hand, die bisherige Kirche auf ihre Verfehlungen festnagelnd, ausdrücklich im Namen Christi. Allein die Geschichte, wie die Thesen in Umlauf gebracht wurden, ist eine ganz eigene Geschichte. Jeder Hammerschlag, so die protestantische Erzählung, ein Pfahl im Fleische Roms. Jeder Hammerschlag, auch das eine unter Lutheranern beliebte Lesart, ein Sargnagel für das römische Papsttum. Ja, kein religiöser Aufruhr ohne Legende. Nein, keine Legende ohne Blut, auch böses Blut.

Mal ganz ruhig, empfehlen Historiker. Unter denen es keinen gibt, der das Auftreten des Protestanten nicht als unerschrocken bezeichnet hat. Nur, so lauten die Einwände, was heißt das? War er eher ein Kraftmensch, dieser Dr. Luther, oder doch so etwas wie ein Mutriese? Groß war er bestimmt noch nicht, noch längst keine Größe, wo doch Größe – jedenfalls Bekanntheit, Ruhm, Prestige, all das, etwas gewesen wäre, was ihn beschützt hätte. Nichts davon.

Kein bisschen war der Mann beschützt, denn wer „kannte denn“, fragte der Lutherforscher Heiko A. Oberman, „den Doctor Ludher aus Wittenberg, als es losging im Oktober 1517?“ Man kann den Tübinger Theologen Oberman nicht mehr interviewen, denn er starb 2001, aber man kann (und sollte unbedingt) sein Luther-Standardwerk konsultieren, so dass vollkommen klar wird, dass dieser Luther, der noch Luder hieß oder Ludher, allenfalls bekannt war unter seinesgleichen, unter Theologen, als Doktor der Theologie unter Universitätsprofessoren. Keine Frage, ein Mann, ein Generalvikar hielt wohl große Stücke auf ihn. Aber welcher Generalvikar war das?

Keine Frage auch, dass sein Widersacher, der etwa gleichaltrige Eck, der zu Luthers Zeiten berühmte, der berüchtigte Johannes Eck, im Gegensatz zu ihm eine Nummer war. Eck war dem Dr. aus Wittenberg nicht nur theologisch überlegen. Er steckte, wenn es ums polemische Handgemenge ging, den Luther in den Sack, auch später, vier Jahre nach der Veröffentlichung der Thesen, 1521, beim weltberühmten Reichstag von Worms. Eck ging aus dem Disput rhetorisch als Sieger hervor, Luther historisch, denn so wollte es die Legende.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Martin Luther

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