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Rechtspopulismus „Alte Ideen werden wieder salonfähig“

„Die national-populistischen Parteien haben viel mehr mit dem Faschismus der 30er Jahre als mit der Parteienlandschaft von heute zu tun“, sagt der Historiker Philipp Blom im Interview.

Pegida in Dresden
Pegida-Veranstaltung in Dresden: Rechtspopulisten machen den Nationalismus wieder salonfähig. Foto: rtr

Herr Blom, in Ihrem Buch „Der taumelnde Kontinent“ beschreiben Sie, wie Europa in den Ersten Weltkrieg stürzte. Wie ist es in der Gegenwart, befinden wir uns erneut in einem Taumel?
Natürlich ist einiges am taumeln, die Frage ist, wie sehr. Es ist ganz sinnvoll, sich zu erinnern, dass auch 1914 niemand gedacht hätte, dass gerade die große Katastrophe vor der Tür steht. Es hat sich nicht von Grund auf um eine böse Verschwörung gehandelt, die zum Krieg führte, sondern eine Verkettung von Selbstüberschätzung, Inkonsequenz, Bequemlichkeit und Misstrauen. Das heißt nicht, dass schon morgen eine Katastrophe ausbricht, sondern dass wir uns bewusst sein müssen, dass die stabilen Verhältnisse, in denen wir zu leben glauben, möglicherweise nicht so stabil sind.

Das gilt ja auch für Deutschland, wo man sich wundert, wie schnell es politisch instabil werden kann.
Das hat mich nicht so erschüttert wie vielleicht andere. Dass in Deutschland sonst immer Koalitionen fast automatisch und fast schmerzfrei entstanden sind und es jetzt auf einmal nicht so ist – auch wenn dies eine Situation ist, in der der deutschen Kanzlerin in Europa und in der Welt eine große Bedeutung zukommt – scheint mir eher ein Zeichen für eine funktionierende Demokratie zu sein, in der nun einmal Koalitionen ausverhandelt werden müssen. Und in der nicht immer alles automatisch geht. Das empfinde ich nicht als so weltbewegend. Das ist keine Verfassungskrise, sondern eine Koalitionsverhandlung. 

Die Globalisierung der Kapitalströme war vor 1914 so stark wie heute. Sehen Sie Parallelen zur damaligen Zeit?
Es gibt viele Dinge, die einen daran erinnern und auch Parallelen. Allerdings muss man zunächst sagen: Parallelen sind immer etwas sehr Verführerisches, selten aber etwas Erkenntnisförderndes. Die Gemengelage ist zu einer anderen Zeit eigentlich immer eine andere. Wenn es Parallelen gibt, kann man aus ihnen nur wenige Schlüsse ziehen. Wir haben in unserer Gesellschaft die gleiche soziale Ungleichheit wie vor 1914 erreicht. Damit verknüpft sind auch viele der Gefahren, die nach dem Ersten Weltkrieg zum Faschismus geführt haben. Da die Gegenwart aber stärker globalisiert und dadurch volatiler geworden ist, gibt es im Vergleich zu damals nun einmal nicht nur die Akteure in der westlichen Welt, sondern auch anderswo, die das Geschehen beeinflussen können. Denken wir nur an die Klimakatastrophe, die eine noch andere Dynamik hereinbringen wird. 

Wenn wir uns die 20er Jahre ansehen: Gibt es für uns Gefahren in Richtung des Faschismus?
Das ist nicht so sehr eine Frage von historischen Parallelen, sondern von sozialen Strukturen. In der Nachkriegszeit war es in Europa aus dem Trauma des Zweiten Weltkrieges heraus eine absolute Priorität, eine große soziale Ungleichheit zu vermeiden, relativ transparente und dynamische Gesellschaften zu schaffen, in denen man durch Bildung und Arbeit aufsteigen konnte, sich international zu vernetzen und sich nicht national zurückzusetzen. Frieden immer als besser anzusehen als Krieg. Drei Generationen danach scheint dieses Trauma die Politik nicht mehr zu bestimmen. Das hat verschiedene Konsequenzen. 

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