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Rechtsextremismus Warum es bequem ist, ein Nazi zu sein

Christian Ernst Weißgerber ist aus der Nazi-Szene ausgestiegen. Mit der FR spricht er über das Aussteigen, über die rassistischen Strategien und die Verbindungen der AfD zur rechtsextremen Szene.

Neonazis
Der Männlichkeitskult ist ein fester Bestandteil der Neonazi-Szene. Foto: imago

Herr Weißgerber, mit 16 Jahren waren Sie in der Neonazi-Szene aktiv. Weshalb?
In meiner Jugend war ich ziemlich fasziniert von der Politik des deutschen Nationalsozialismus und von den Nachläufern, was in den 90er Jahren hauptsächlich Skinheads und Nazi-Kameradschaften waren. In der Souveränität und der Männlichkeit, auch in meinem Deutschsein sah ich das einzige, was mir nicht genommen werden konnte. „Die Blutsbande zu meinen Ahnen“, solche Sachen hatte ich im Kopf. Das hat sich mit etwa 16 insofern manifestiert, als ich aktiv Kontakt zur Neonaziszene gesucht habe. 

Hat Sie die Szene nicht abgeschreckt? 
Nein. Die meisten Leute haben eine gewisse stereotype Vorstellung davon im Kopf, was Nazis sind, wie sie funktionieren, wie sie aussehen. Doch das durchbrechen viele Leute in der Szene ziemlich einfach. Sie haben Haare auf dem Kopf, tragen normale Schuhe, sind rhetorisch bewandert, weshalb das Stereotyp nicht funktioniert. Außerdem haben die wenigsten wirklich Ahnung, was der Clou an der Nazipolitik ist. Die meisten denken, Nazis hetzen nur gegen Ausländer. Das stimmt im gewissen Maße schon, es geht aber nicht gegen Ausländer als einzelne Personen, sondern um Vorstellungen von Bevölkerungspolitik, um Rassenhygiene. Sie denken in viel größeren Zusammenhängen, weshalb es auch kein Problem ist, mit türkischstämmigen Faschisten oder Palästinensern zusammenzuarbeiten. Der Islam ist nie der große Feind des Nationalsozialismus gewesen. 

„Türken klatschen“ ist doch schon verbreitet ...
In der Skinheadszene. Doch die rechte Szene, also der sogenannte Nationale Widerstand, hat eine mosaikähnliche Zusammensetzung. Es hat schon kurz nach 1945 neben den Altnazis neue Formierungen gegeben, die sich später noch weiter aufgeteilt haben. Es entstand die Wikingjugend mit dem Ansatz des Reenactment, also einer Nachahmung von Hitler-Deutschland. Dann gab es den Parteibezug zur NPD, verschiedene Kameradschaften und so weiter. Während die Skinheads Leute verprügeln, sehen andere im Feindbild Ausländer einen strategischen Bezugspunkt für größere nationalistische Politik. Meine Gewalt war auch eher eine sprachliche, keine physische. Gewalt war sogar in den Gruppen, in denen ich etwas zu sagen hatte, verboten, da sie immer ein schlechtes Bild auf die Gruppe wirft und bestimmte Stereotype reproduziert. Da wir damals eine national revolutionäre Bewegung aufbauen wollten, sieht es nicht gut aus, wenn man wegen Gewalt in den Medien steht. 

Das Völkische schließt doch eine „Durchmischung“ verschiedener Kulturen aus. Von daher ist das an eine räumliche Trennung gekoppelt. 
Das finden wir aber auch in den Diskursen der CSU. Die Völkischen nehmen ja an, dass es eine gewisse deutsche Reinkultur gebe, die gegenüber anderen nicht unbedingt überlegen sein muss. Die „Identitären“ oder auch die AfD betonen immer, dass alle Kulturen gleichberechtigt seien, aber an ihrem „angestammten Lebensraum“ bleiben sollten. Für mich waren damals nicht alle hier lebenden Nicht-Deutschen meine Feinde, sie wurden vielmehr für einen größeren Bezugspunkt gebraucht. Die Erzählung lautet, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben, weil das vom politischen Feind, der jüdisch-marxistischen Weltelite oder den Globalisten, so gewollt ist. Die wollten Geld scheffeln und die freien Völker der Welt durch Vermischung knechten. Das wird als Problembeschreibung vorgelegt, und die Lösung ist der Ethnopluralismus. 

Wenn Gauland Boateng nicht als Nachbarn will, dann sagt er das doch, weil er sich kulturell überhebt. Da ist eine Wertigkeit implizit.
Klar, nur habe ich den Ethnopluralismus früher als einen fairen Umgang mit anderen Kulturen begriffen. Für mich hatte das nichts Abwertendes, obwohl es Rassismus ohne Rasse ist. Es gehe ja nur um eine territoriale Aufteilung, wie sie auch im Tierreich herrscht. Aber natürlich argumentieren die AfD und auch Gauland strukturell rassistisch. Das ganze Parteiprogramm der AfD ist davon durchzogen, am stärksten der antimuslimische Rassismus, der den Islam immer als Chiffre benutzt für muslimische Menschen und für alle, die nicht deutsch aussehen oder nicht deutsch sind. 

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