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Rechtsextremismus Warum es bequem ist, ein Nazi zu sein

Christian Ernst Weißgerber ist aus der Nazi-Szene ausgestiegen. Mit der FR spricht er über das Aussteigen, über die rassistischen Strategien und die Verbindungen der AfD zur rechtsextremen Szene.

Neonazis
Der Männlichkeitskult ist ein fester Bestandteil der Neonazi-Szene. Foto: imago

Der Besitzer soll ein hessischer AfD-Politiker sein. 
Ja, Andreas Lichert von der AfD hat das Haus 2016 gekauft, und Hans-Thomas Tillschneider, einer der rechtesten Personen der AfD, unterhält dort ein Abgeordnetenbüro. Dann gab es von 2005 bis 2010 eine große „Volkstod“-Kampagne der Neonazis, also die Deutschen sterben aus und so weiter. Hauptinitiator und einer der wichtigsten Figuren der ostdeutschen Neonaziszene war Marcel Forstmeier, mittlerweile ist er ein wichtiger Kopf der „Identitären“. Und natürlich bediente sich die AfD schon unter Lucke strukturgleicher Argumente aus der Neonaziszene. 

Lucke wird immer nachgesagt, er sei liberal gewesen. 
Das ist völliger Quatsch. Er hat es strategisch hingenommen, dass von Anfang an die ausländerfeindlichen Strukturen in der AfD Fuß fassen konnten. Lucke sprach immer von „Einzelfällen“, aber wie André Poggenburg und Björn Höcke drauf sind, hat er genau gewusst. Mittlerweile ist meiner Einschätzung nach Höcke die mächtigste Person in der AfD. Ob Leute wie Alice Weidel gemäßigter sind oder nicht, ist egal, denn alle in der AfD nutzen rassistische Strategien, da kann sich niemand rausreden. Ich habe mit Leuten geredet, die aus der AfD ausgestiegen sind, die sagen, die Macht des völkisch-nationalistischen Flügels werde völlig unterschätzt. 

Wie lassen sich die Strategien der AfD beschreiben? Was macht sie so erfolgreich?
Das wäre einmal die Label-Kosmetik-Strategie, das heißt, sie benutzen strukturell rassistische Argumente, lassen sie aber anders klingen. Da das zu Recht skandalisiert wird, können sie eine immer weiter laufende Skandalschleife konstruieren. Beispiel Frauke Petry und ihr Schießbefehl. Sie sagt es, darauf wird Beatrix von Storch in eine Talkshow eingeladen, rudert etwas zurück, um schließlich noch einen draufzusetzen. So sind gleich beide in den Medien präsent. Eine andere erfolgreiche Strategie ist die totale Emotionalisierung der Debatte. Es geht nie um Inhalte, sondern nur um Bedrohungskulissen, sei es um das Aussterben der Deutschen oder eine angebliche Islamisierung. In den Parlamenten kommt die AfD immer zu ihren Hauptthemen zurück, da sie nur zu wenigen Punkten etwas zu sagen hat, und das sind lediglich die Flüchtlingspolitik, Islamfeindlichkeit sowie Homophobie und Sexismus. Die Strategie hier ist der Whataboutism, also Themenwechsel mithilfe von Themenverschiebung. Genau genommen will die AfD mit formaldemokratischen Mitteln die Demokratie abschaffen.

Strategien, die bei den sogenannten Abgehängten offenbar funktionieren.
Sicher muss der Staat tatsächliche Veränderungen leisten für diejenigen, die sich liegengelassen fühlen. Andererseits müssen auch die Leute selbst überlegen, warum sie rassistisch agieren und eine rassistische Partei wählen. Warum ihre Situation so ist, wie sie zu sein scheint. Sie müssen ja nicht rassistisch sein, niemand muss Nazi sein. Aber viele wollen das offenbar und haben ihre Freude daran. Und deshalb muss man denen auch ganz klar sagen, dass es weder sinnvoll noch gewünscht ist. 

Interview: Katja Thorwarth

Hinweis: Eine frühere Version dieses Interviews enthielt eine Äußerung über die Aussteigerorganisation Exit, die sich nicht belegen lässt. Wir haben diese Passage entfernt.

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