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Re:publica Angela Merkel soll uns auch gut finden

Die Internet-Konferenz Re:publica ist zu Ende. Wieder ging es mal um alles - von #aufschrei und #drosselcom bis hin zu Windows 8. Ein hochselektiver Rückblick

Anne Wizorek, die Initiatorin der Kampagne "#Aufschrei", zieht auf der Re:publica Bilanz. Mit dabei: der weiße Apfel. Foto: dpa/Stephanie Pilick

Was sofort ins Auge sticht: die vielen Apple-Computer hier, selbstverständlich die silber-schönen und überteuerten MacBooks. Überall leuchtet also der weiße Apfel. In pittoresker Industriekulisse, da macht er sich besonders gut. Es ist Montag, die nächsten drei Tage wird die Netzgemeinde der Re:publica im ehemaligen Postbahnhofbeim Gleisdreieck tagen, rot-gelber Backstein, schwarze Stahlträger, geflickter Asphaltboden – und auf hohen Stelzen rattert die U-Bahn übers Areal. Das ist genau der rustikale Schick, in dem sich die jungen Kreativen auf der ganzen Welt heimisch fühlen, ganz gleich, ob sie in einer supertrendigen Werbeagentur oder einem anarchistischen Aktionsbüro arbeiten.

Emsiges Unternehmertum

Aber, oh weh, in diesem Jahr, der siebten Ausgabe der Berliner Internet-Konferenz, hat sich Microsoft mit seinem Betriebssystem Windows 8eingeschlichen. Und zwar als einer der Hauptsponsoren. Kann das sein? Sind das nicht die Bösen? Der Mann am Microsoft-Stand weiß mehr, ein mit allen rhetorischen Wassern gewaschener und auf jeden, wirklich jeden Einwand enorm beweglich reagierender Dampfplauderer. Er preist das neueste Produkt aus seinem Haus – ein Apple-schickes Tablet namens „Surface“– und findet ansonsten, dass man sich nicht vor der Marke mit dem Apfel, deren Nennung er tunlichst vermeidet, verstecken müsse: „Wir haben auch was zu bieten“.

Ganz bestimmt. Unter anderem sogar Humor, unser Propagandist trägt ein blaues T-Shirt, das mit seiner kleinen weißen Pixel-Schrift genau jenen berüchtigten Blue-Screen zeigt, mit dem Microsoft-PCs ihren Dienst quittieren, sprich: abstürzen. Zugegeben, das ist Nerd-Humor, der sich nicht allen Menschen sofort erschließt. Aber mal im Ernst: Apple gehört doch mittlerweile auch zu den Bösen, schließlich lässt der Konzern seine Arbeiter in China bluten. Stimmt, allerdings weist die Tagungsstatistik nach drei Tagen einen Anteil von 66,9 Prozent Apple-Geräte im drahtlosen Netzwerk der Re:publica aus – so geht der digital chic!

Gut und Böse sind vielleicht gar nicht so leicht zu unterscheiden. Der Blogger Sascha Lobo jedenfalls empfiehlt der Versammlung gleich am Montag eine Lockerungsübung: Wenn die Netzgemeinde trotz ihres unbestritten großen Fachwissens über keinen nennenswerten politischen Einfluss verfüge und deswegen bei allen wichtigen netzpolitischen Fragen wie etwa zum Urheberrecht, zum Datenschutz oder zur Netzneutralität übergangen werde, dann müsse man über neue strategische Bündnisse nachdenken. Lobo nennt das „in den sauren Apfel beißen“ und schlägt eine neue Leitfrage vor: „Was würde Angela Merkel überzeugen?“

Das Publikum nimmt’s gelassen. Nein, um Systemopposition geht es den meisten hier ohnehin nicht. In manchem Vortrag wird zwar noch eine romantische Hacker-Idylle beschworen, oh ja, kulturwissenschaftliche Untersuchungen des subversiven Netzwerkers und Cyberpunks… Aber das soll nur für herzerwärmende Betriebstemperaturen sorgen. Ansonsten stellt sich die Re:publica als aparte Mischung aus Talentcampus, Fachkongress sowie Ideen- und Job-Börse dar, auch als Werbeplattform für digitale Dienstleister oder für Innovationsstandorte, etwa in Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen. Alles mit hohem Nutzwert.

Zu den wegen Überfüllung geschlossenen Veranstaltungen am Dienstag gehört Christine Hellers und Jochen Mais engagierte Präsentation „Personal Branding Kampagne – Wie der neue Job dich findet“. Die beiden erzählen von der Mühe und dem Erfolg der selbst organisierten Suche nach einem Arbeitsplatz, und zwar mit Hilfe sozialer Netzwerke. Auch das ist Zukunft: Arbeitnehmer und Arbeitsagentur in Personalunion, das Leben als Ich-AG. Nein, in den digitalen Öffentlichkeiten tummeln sich keineswegs nur asoziale Computer-Nerds. Stattdessen herrscht kontaktfreudiger Unternehmergeist.

Zetsches Turnschuhe

Und man kleidet sich überwiegend ordentlich, bisweilen sogar mit einem hübschen Kleid oder Anzug – in gedeckten Farben. Das führt zu Irritationen. Ebenfalls am Dienstag tritt Dieter Zetsche auf, der Vorstandsvorsitzende von Daimler-Benz, ein weiterer Hauptsponsor. Der Mann betet sein Mantra von ökologischen und intelligenten Verkehrsleitsystemen herunter. Vor allem aber trägt er ein hellblaues Hemd mit offenem Kragen und leicht schlabbrige Turnschuhe. Viele Tagungsbesucher fühlen sich auf einmal „overdressed“, wie sie sogleich auf Twitter vermelden. Soweit ist man also gekommen.

Angela Merkel würde das gefallen. Und gewiss hätte sie auch Verständnis für das Anliegen von Anne Wizorek, die Anfang des Jahres mit dem Twitter-Hashtag „#aufschrei“ eine große Debatte über die alltägliche sexuelle Belästigung von Frauen anstieß: Eine denkwürdige Abschlussveranstaltung am Mittwochabend, bei der vor allem die von Wizorek ausführlich zitierten Hassmails für reichlich Beklemmung im Publikums sorgen. All die anderen ernsten Themen – totale Internetüberwachung, digitaler Schulunterricht und Pisa, empirische Trollforschung, muslimische Bloggerinnen – rücken da in den Hintergrund. Ein Moment der Ruhe.

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