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Raub und Restitution Immerzu am Anfang

Eine Berliner Tagung über Raub und Restitution.

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Otto-Müller-Bild aus Littmanns Besitz, derzeit im Jüdischen Museum Berlin. Kunsthalle Emden Foto: Kunsthalle Emden

Ende der 20er Jahre gehörte Ismar Littmann zu den bedeutendsten Kunstsammlern seiner Heimatstadt Breslau. Lag sein Schwerpunkt zunächst auf Werken des 19. Jahrhunderts, so widmete er sich später verstärkt den Malern der Berliner Secession und schließlich den Expressionisten. Allein von Lovis Corinth besaß Littmann 13 Gemälde und 596 Grafiken. 1929 sah er sich durch die Wirtschaftskrise gedrängt, Sammlungsteile zu verkaufen, von denen er Anfang 1933 jedoch einige wieder in seinen Besitz bringen konnte.

Doch bald spitzte sich die Lage für den jüdischen Anwalt dramatisch zu. Er verlor seine Berufszulassung und war antisemitischen Pressionen ausgesetzt. Im September 1934 war Littmann tot. Er hatte sich das Leben genommen. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, bot seine Familie Bilder zur Versteigerung an. Zwei Tage vor der Auktion ließ die Gestapo jedoch zahlreiche Werke beschlagnahmen und übergab sie später der Berliner Nationalgalerie, deren Leiter vier Bilder behielt und den Rest in der Heizanlage des Kronprinzenpalais verbrannte - nicht ohne die künstlerischen Brandopfer zuvor fotografisch zu dokumentieren.

Die Odyssee der Sammlung Littmann war damit nicht beendet. Einige Bilder tauchten nach dem Krieg im Besitz von Henri Nannen auf, der davon ausgehen musste, sie rechtmäßig aus dem Besitz der Nationalgalerie gekauft zu haben. Die Geschichte der Sammlung ist exemplarisch und kein Einzelfall. Die noch sehr junge Wissenschaft der Provenienzforschung bringt nicht selten eine atemberaubende Mischung aus Kunst- und Verbrechensgeschichte hervor. Auf die Jahre des aggressiven und systematischen Kunstraubs der Nazis folgten Verklärung, Vertuschung und Unwissenheit. Nach Kriegsende spielte der Verbleib von verfolgungsbedingt geraubten Kunstwerken lange eine untergeordnete Rolle.

Es ist ein erschreckend junges Jubiläum, aus dessen Anlass Kulturstaatsminister Bernd Neumann und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu einem Symposium in die Berliner Staatsbibliothek mit dem Titel "Verantwortung wahrnehmen" eingeladen hat. Ende 1998 hatten sich Vertreter aus 44 Ländern in Washington in einer gemeinsamen Erklärung darauf geeinigt, während der Zeit des Nationalsozialismus beschlagnahmte Kunstwerke zu identifizieren, deren Vorkriegseigentümer oder Erben ausfindig zu machen und eine "gerechte und faire Lösung" zu finden.

Rechtlich bindend ist diese Erklärung bis heute nicht, doch wurde in den vergangenen Jahren ihre symbolische und moralische Verpflichtung bekräftigt. In seiner Eröffnungsrede unterstrich Kulturstaatsminister Neumann die besondere Rolle Deutschlands für den Bereich der Provenienzforschung und der Rückgabe geraubten Kulturguts. Die Geschichte der geraubten Kunstwerke, so Neumann, sei immer auch die Geschichte von Menschen. Sie verjähre nicht und folglich könne es unter diesen Fragen auch keinen Schlussstrich geben.

Danach sieht es auch nicht aus. Bereits im Vorfeld hatte Georg Heuberger von der Jewish Claims Conference das fehlende Verantwortungsbewusstsein deutscher Museen in Bezug auf NS-Beutekunst kritisiert. "Ich glaube, die Museen in Deutschland haben ihre eigene Geschichte im Dritten Reich nicht wirklich aufgearbeitet", sagte Heuberger. Andererseits beobachte er auf Seiten der Museen einen Herr-im-Haus-Standpunkt, der die Suche nach fairen Lösungen erschwere. Das wiederum mochte Michael Eissenhauer in seiner Funktion als Vorsitzender des Deutschen Museumsbundes nicht gelten lassen. Vielfach sei der Entscheidungsradius von Museumsdirektoren durch die politischen Vorgaben stark eingeschränkt.

So ging es zwei Tage lang hin und her auf der international besetzten Tagung, auf der man sich trotz verschiedener Positionen erstaunlich einig war. Paradox ausgedrückt: Man verständigte sich darauf, in den vergangenen zehn Jahren viel erreicht zu haben und doch immer noch am Anfang zu stehen. Lasst uns endlich anfangen zu forschen, forderte energisch Martin Roth, der Generaldirektor der Dresdener Sammlungen. Der Berliner Kunstanwalt Peter Raue hingegen votierte für ein Kunstrestitutionsgesetz.

Wenn es in den letzten Jahren einen Bewusstseinswandel zu verzeichnen gab, dann besteht er wohl in der Erkenntnis, dass die Situation des permanenten Anfangs nicht vollends überwunden werden wird. Jeder einzelne Fall ist neu zu erzählen, und fast immer fördert er neue Ausmaße des NS-Verbrechens zu Tage.

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