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Rassismus-Opfer „Der Rassist ist zum Scheitern verurteilt“

Ein Gespräch mit dem Rassismus-Opfer Olivier Ndjimbi-Tshiende, der als Pfarrer in Zorneding rassistischen Angriffen ausgesetzt war.

Olivier Ndjimbi-Tshiende
Im März 2016 protestierten Bürger gegen die gegen Olivier Ndjimbi-Tshiende gerichteten Morddrohungen. Foto: epd

Herr Professor Ndjimbi-Tshiende, Sie verarbeiten Ihre Erfahrungen aus den vergangenen Jahren in einem Buch mit dem Titel „Wenn Gott schwarz wäre… Mein Glaube ist bunt“. Gilt das auch für Ihr Bild von der Gesellschaft?
Durchaus. Mein Ansatz ist aber kein sozialer, sondern ein religiöser. Ich habe mich gefragt: Wie sollen wir Menschen nach dem Willen Gottes zusammenleben? Auf der Suche nach Antworten bin ich auf einen interessanten Zusammenhang zwischen Theologie und Paläo-Anthropologie gestoßen, zwischen Schöpfungserzählung und menschlicher Stammesgeschichte.

Erklären Sie die Verbindung!
Am Anfang der Bibel, im Buch Genesis, sagt Gott: „Lasst uns Menschen machen nach unserem Abbild, uns ähnlich.“ Die prähistorische Forschung zur Entstehung des Menschen hat ergeben, dass die ersten Vertreter der Spezies Homo sapiens in Afrika gelebt haben. Welche Hautfarbe hatten also diese ersten Menschen? Doch wohl schwarz. Wenn man das nun mit der biblischen Aussage zusammendenkt, dass Gott diesen Menschen als sein Abbild geschaffen hat: Welche Farbe muss man dann Gott zuschreiben? Doch auch keine andere als schwarz!

Zumindest solange es nur schwarze Menschen gab. Jesus, der Sohn Gottes, der vor 2000 Jahren in Palästina lebte, war schon nicht mehr schwarz.
Richtig. Das ist eine andere Geschichte, auf die ich nicht eigens eingehe. Ich komme vielmehr zu dem Ergebnis: Gott ist bunt.

So bunt wie die Menschheit?
Gott ist wie ein Chamäleon. Er nimmt immer die Farbe dessen an, der gerade vor ihm steht. Was ich mit all diesen Metaphern eigentlich sagen will, ist dieses: Der Glaube an einen Gott, der die Menschen – alle Menschen – liebt, erweist jede Form von Rassismus als sinnlos, hilflos und auch machtlos. Der Rassist ist zum Scheitern verurteilt: Indem er andere Menschen bekämpft, die Abbild Gottes sind wie er, bekämpft er Gott und letztlich sich selbst.

In Ihrem Fall waren die Rassisten weder hilf- noch machtlos. Vor mehr als einem Jahr sind Sie dem Druck fremdenfeindlicher Attacken gewichen und haben Ihr Pfarramt aufgegeben.
Das war eine handgreifliche Macht, ja. Aber ich bin überzeugt, dass die Kraft der Liebe und des Geistes letztlich stärker ist.

Wie ist es Ihnen seit Ihrem Abschied aus der Pfarrgemeinde im bayerischen Zorneding ergangen?
Die ganze Sache hat sich beruhigt. Ich fühle mich in Eichstätt sehr wohl an der Universität, zumal es mich die ganze Zeit in diese Sphäre gezogen hat. Einen Fuß in der Seelsorge zu haben, einen zweiten in der Wissenschaft – das war das, was ich ursprünglich wollte. Rassistische Anfeindungen oder Diskriminierungen habe ich persönlich seither nicht mehr erlebt.

Aber Sie haben sicher gehört, dass der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland die türkischstämmige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, am liebsten nach Anatolien „entsorgen“ würde? Das klingt nicht viel anders als das, was Sie zu hören bekommen haben.
Es sieht so aus, als ob diese Leute unbelehrbar wären. Es ist total unvernünftig, was Herr Gauland sagt. Er muss seine Vernunft ausgeschaltet haben, sonst würde er nicht so reden können. Einen Menschen entsorgen? Dürfte man das dann – aus irgendeinem Grund – auch mit ihm machen?

Wie sehen Sie die Versuche der EU und auch Deutschlands, die Zuwanderung insbesondere aus Ihrem Herkunftskontinent Afrika zu stoppen.
Migration ist ein Urphänomen der Menschheitsgeschichte. Sie wird sich nicht aufhalten, sondern höchstens verringern lassen. Dazu müssen die Güter der Erde dringend gerechter verteilt und verwaltet werden. Dann schwindet das Wohlstandsgefälle und damit der Druck der weltweiten Wanderbewegungen.

„Gerechter verteilen und verwalten“ – heißt das in der Konsequenz, wir müssen unser Wohlstandsniveau senken?
Das ist nicht meine Vorstellung. Es geht nicht auch nicht darum, dass die Menschen aus Afrika kommen und den Menschen hier ihren Wohlstand „stehlen“. Es geht darum, ihnen in ihrer Heimat ein besseres Leben zu ermöglichen – gemäß dem alten Spruch des Konfuzius, „gib einem Mann einen Fisch, und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen, und du ernährst ihn für sein Leben“. Niemand verlässt seine Heimat, der sich zuhause wohlfühlt, Arbeit hat und genug zum Leben. In der Konsequenz heißt das: Technik- und Wissenschaftstransfer in die Länder Afrikas, und ein Ende des Waffenhandels, der kriegerische Auseinandersetzungen ermöglicht, verlängert und verschlimmert.

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