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Raphael Gross Der Mann, der Probleme ausstellt

Dass Raphael Gross künftig das Deutsche Historische Museum in Berlin leitet, ist großartig.

Raphael Gross. Foto: dpa

Nach all den Ungeheuerlichkeiten der letzten Tage endlich am Donnerstagabend eine gute Nachricht: Raphael Gross, 49, wird neuer Präsident des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin.

Der aus der Schweiz stammende, jüdische Historiker, der mit einer Arbeit über „Carl Schmitt und die Juden“ 1997 promoviert wurde, hat in seiner Zeit als Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt (2006 bis 2015) zusammen mit seinem Team einige der interessantesten Ausstellungen zur deutsch-jüdischen Geschichte auf die Beine gestellt. „Ignatz Bubis“ hieß eine und war das Porträt des langjährigen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland. „Ausgerechnet Deutschland!“ schilderte die jüdisch-russische Einwanderung in die Bundesrepublik in den 90er Jahren. „Bild dir dein Volk“ beleuchtete Axel Springers Verhältnis zu Juden und zum Staat Israel. Und nicht zu vergessen: „Juden. Geld. Eine Vorstellung“.

Fluchtreflexe sind ihm fremd

Wie man sieht, zeigte Gross genau das, worüber man lieber schweigt. Gross weicht den Problemen nicht aus. Er stellt sie aus. Das ist seine Begabung. Er scheint für sein Wohlbefinden nicht angewiesen zu sein auf gesellschaftliche Zustimmung. Er hat in dieser Hinsicht offenbar gar keinen Fluchtreflex. Und die Ausstellungen in Frankfurt wurden diskutiert. Auch wer sonst nicht ins Jüdische Museum ging, kam, weil er hören wollte, was der deutsche Innenminister zu Kontingentflüchtlingen sagte. Und wer fand, dass Juden und Geld ein heikles Thema war, musste erst recht in die entsprechende Ausstellung.

Natürlich weiß kein Mensch, wie Raphael Gross mit einem so riesigen Apparat wie dem des DHM fertig werden wird. Aber zunächst einmal muss man sagen: Eine bessere Wahl hätte man nicht treffen können. Die Erfahrung, die das Museum mit den Leitern großer Häuser machte, die dann nach Berlin kamen, war doch katastrophal.

Gross ist zurzeit Professor für deutsch-jüdische Geschichte in Leipzig. Ein Versteck, aus dem ihn, ich weiß nicht wer, nach Berlin katapultiert hat. Endlich ein Mann an einem der wichtigsten Orte, an denen über deutsche Geschichte nachgedacht wird, der demonstriert hat: Er versteht sich darauf, verständlich zu machen, welche guten Absichten und mörderischen Gemeinheiten, Gedanken und Gedankenlosigkeiten zusammenwirken, um das auf die Beine zu stellen, was wir Nachgeborenen dann – müde geworden – Geschichte nennen.

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