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Ralph Giordano Ralph Giordano ist tot

Wo immer Ralph Giordano die "braune Brut" witterte, da wetterte er ohne Pardon: Zum Tod des Schriftstellers, Publizisten und streitbaren Zeitgenossen.

Der Publizist Ralph Giordano ist gestorben
Der Schriftsteller Ralph Giordano im Februar 2013 in seiner Wohnung in Köln. Foto: epd

Mein Lieber“ oder einfach nur „Lieber“, so pflegte Ralph Giordano sein Gegenüber anzusprechen. Die Anrede war mehr als nur das altväterliche Relikt einer vergangenen Dialogkultur. Sie war – bei allem Willen Giordanos zur Stilbildung – auch keine Manieriertheit des Literaten und Grandseigneurs mit dem schlohweißen, ungebändigt wehenden Haar und dem schier unvermeidlichen roten Schaltuch. „Lieber“ – darin kam zum Ausdruck, was Ralph Giordano in seinem Reden und Schreiben, in der größten Euphorie und der erbittertsten Polemik stets zuallererst war: ein Menschenfreund und ein großer Humanist. Am Mittwoch starb der 91-Jährige in einer Kölner Klinik an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs.

Die Sorge um den Verlust der Menschlichkeit trieb ihn um, weil er dessen Folgen am eigenen Leib erfahren hatte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der 1923 in Hamburg geborene Sohn einer jüdischen Mutter und eines aus Sizilien stammenden Vaters alsbald Opfer des NS-Rassenwahns. In der Schule drangsaliert, spielte er als Junge mit Selbstmordgedanken. Er wurde von der Gestapo verfolgt und misshandelt, entging aber der Ermordung, weil er sich mit seiner Familie mehrere Jahre lang bis zur Befreiung ihrer Heimatstadt durch die Engländer 1945 in einem Keller verstecken konnte.

Vier Jahrzehnte Jahre später verarbeitete Giordano seine Erinnerungen in der großen, autobiographisch geprägten Familiensaga „Die Bertinis“. Dieses Werk begründete seinen Ruhm als Schriftsteller. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollte Giordano mithelfen, dass dem Nachkriegsdeutschland alle nazistischen Überbleibsel ausgetrieben würden. Von einer zunächst geplanten Emigration hielt ihn die Erkenntnis ab, dass die „braune Brut“ noch nicht ausgestorben sei. Wo immer er sie fortan witterte, da wetterte er ohne Pardon. Die Sprache erkannte er als seine Waffe, die er meisterhaft zu führen wusste. Der Kampf gegen Faschismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus führte Giordano 1946 zeitweilig in die Kommunistische Partei. Die Feinde seiner Feinde schienen ihm notwendig und natürlicherweise die eigenen Freunde zu sein. „Aber dann erkannte ich die Lüge, die Diskrepanz zwischen Wahrheit und Propaganda des Journalismus“, schrieb er später.

1957 trat Giordano aus der Kommunistischen Partei aus. Seine Form der Bewältigung und Aufarbeitung einer als Irrweg erkannten Lebensphase war – das Schreiben. Sein Buch „Die Partei hat immer Recht“ ist eine scharfzüngige Abrechnung mit der stalinistischen Ideologie. Die Häutung wurde so für ihn zur Existenzform.

Die Arbeit als Journalist und Publizist war für ihn zugleich Beruf und Berufung. Giordano begann bei der „Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung“, kam dann zum Norddeutschen Rundfunk und 1964 zum WDR. Bis 1988 drehte er 100 Filme für den Kölner Sender, auf die er ähnlich stolz war wie auf seine 23 Bücher. In seiner Etagenwohnung in Köln-Bayenthal bewahrte er sorgfältig alle Ausgaben und Übersetzungen auf, derer er habhaft werden konnte – eine bibliothekarische Insel der Ordnung in einer Flut von Büchern. Im Wohnzimmer versuchte er, ihrer Herr zu werden, indem er Lektürestapel wie Stalagmiten in die Höhe wachsen ließ.

Freiheit, Selbstbestimmung – Giordano konnte nicht anders, als sich noch in seinen letzten Lebenswochen in die Debatte über assistierte Sterbehilfe einzuschalten. Im eigenen Leben hatte er schon 1984 auf denkbar radikale Weise Position bezogen, als er seiner krebskranken Frau mit aktiver Sterbehilfe zum Tod verhalf.

Zum Judentum hatte Giordano eine eigene, emanzipierte Beziehung. Es bedeutete ihm als Glaubensgemeinschaft nichts, Gott hielt er für eine Projektion, die Religion für „den geistesgeschichtlichen Irrtum der Menschheit“ schlechthin, ohne als atheistischer Missionar auftreten zu wollen. Auch Giordanos letzter großer Kampf, den er gegen den islamischen Fundamentalismus führen wollte und dabei auch den Islam an sich ins Visier nahm, folgte der Intuition, dass hier dem Menschen und seinen Rechten Gewalt angetan werde – im Namen Gottes und der Religion.

Selbst sein viel kritisiertes Verdikt über Frauen mit Burka oder Tschador, die als „menschliche Pinguine“ seinen Sinn für Ästhetik beleidigten, war im Grunde Ausdruck seines elementaren, fuchsteufelswilden Freiheitsdrangs und einer – gar nicht so falschen – Intuition, dass im politisch-gesellschaftlichen Integrationsdiskurs über Versäumnisse und Verweigerungen vorschnell geschwiegen werde. Dem Widerspruch gegen seine Positionen glaubte er, mit umso schärferer, zugespitzter Attacke begegnen zu müssen – so als ob er den von ihm als kalmierend empfundenen Mainstream in seinem Lauf nur mit einem Höchstmaß an Schrillheit bremsen oder aufhalten könne.

Er fühlte sich einerseits von Politikern, Kulturschaffenden und Intellektuellen im Stich gelassen, die er im Kampf gegen Rechts immer an seiner Seite gewusst hatte, von denen er sich aber jetzt mit dem „Totschlagargument“ überzogen sah, er betreibe das Geschäft der Neonazis. In die Enge getrieben fühlte er sich durch die perfiden Versuche der rechtsextremen „Pro Köln“-Propagandisten, ihn als Kronzeugen zu vereinnahmen. Sein Befreiungsschlag fiel gewohnt heftig aus: „Diese Leute würden mich, wenn sie könnten, wie sie wollten, in die Gaskammer stecken.“

Giordano wäre nicht Giordano gewesen, wenn er in seinem Furor gegen Mohammeds Erbe nicht auch wieder auf Distanz zu sich selbst gegangen wäre. In seinem letzten großen Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ sagte er, er sei die Polemiken leid und müsse sich „vielleicht auch da zurücknehmen“. Worum es ihm gehe, seien die Kinder, „die kleine Aishe, der kleine Bassam. Da geht mir das Herz auf, und ich will nur eines, dass es Aishe und Bassam gut geht“. Aber zudem, bekannte er aus Anlass seines 90. Geburtstags, wolle er nicht, dass sein Lebenswerk reduziert werde auf den Konflikt mit dem Islam. „Das kommt überhaupt nicht in Frage.“

Es ist auch nicht so gekommen. Ralph Giordanos Vermächtnis bleibt der Satz, den er selbst formuliert hat: „Die humanitas ist unteilbar. “

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