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RAF Sie wollten sich spüren, sie wollten töten

Vor 40 Jahren ermordete die RAF den Bankier Jürgen Ponto. Die Linke ging den Legenden der Terroristen in die Falle.

Jürgen Ponto ermordet
Die von Polizisten abgesperrte Einfahrt zum Haus Jürgen Pontos. Foto: dpa

Am 30. Juli 1977 um 17.10 Uhr stehen die Mitglieder der terroristischen Roten Armee Fraktion, Susanne Albrecht, Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt, in Oberursel vor dem Gartentor der Villa des Vorstandssprechers der Dresdner Bank, Jürgen Ponto. Sie werden eingelassen.

Ponto begrüßt Susanne Albrecht, die Schwester seines Patenkindes, und ihre Begleitung, blickt auf die schon fast verwelkten Heckenrosen in Susanne Albrechts Hand, nimmt sie ihr ab. „Ach, da wollen wir mal eine Vase holen“, sagt er. Christian Klar folgt ihm, zieht einen Colt und erklärt Ponto, jetzt werde er entführt. Ponto packt Klars Arm und drückt ihn nach oben. Klar drückt ab.

Mohnhaupt stürzt herein, fünfmal schießt sie auf Ponto. Zwei Kugeln treffen ihn aus nächster Nähe in den Kopf. Soweit die Darstellung von Butz Peters in seinem Buch „1977 – RAF gegen Bundesrepublik“. In den Anmerkungen zitiert er differierende Schilderungen des Tathergangs.

RAF ermordet Buback und Schleyer

Am 7. April des Jahres hatte die RAF Generalbundesanwalt Siegfried Buback ermordet. Am 5. September entführten die Terroristen den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Am 18. Oktober ermordeten sie ihn. In der Nacht zum 18. Oktober begehen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Gefängnis Stuttgart-Stammheim Selbstmord. Dem vorausgegangen war die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ durch palästinensische Terroristen. Am 18. Oktober stürmte eine Einheit der GSG-9 in Mogadischu das Flugzeug. 

Ponto, Schleyer und die Landshut sollten entführt werden, um die RAF-Gefangenen freizupressen. Als das nicht gelang, brachten sie sich um und ließen die Version verbreiten, staatliche Stellen hätten die Gefangenen umgebracht. Die RAF war nur noch dazu da, die Gefangenen zu befreien. Dazu wurden völlig unsinnige Geschichten vom gerade stattfindenden „Massenmord an politischen Gefangenen“ in der linken Szene verbreitet. Das ist dann der sogenannte deutsche Herbst, die bleierne Zeit. 

Wer 1977 so sieht, der geht der RAF und ihrer Kriegserklärung in die Falle. Das taten damals auch viele Vertreter des Staates, die die Bundesbürger „an den Anblick mit Maschinengewehren bewaffneten Polizisten gewöhnen wollten“, wie man sie aus Spanien kannte. Dort hatten allerdings im Juni das erste Mal nach 41 Jahren wieder freie Wahlen stattgefunden. Am ersten Januar 1977 war in Prag die Bürgerrechtsbewegung Charta 77 gegründet worden.

Im August erschienen Rudolf Bahros Überlegungen zu einem anderen Sozialismus. Der DDR-Bürger wurde festgenommen. Im November sprach der ägyptische Staatspräsident Anwar as-Sadat im israelischen Parlament. Am 31. Januar eröffnete das Centre Pompidou in Paris, am 26. April das Studio 54 in New York. Im Dezember wurde der Film „Saturday Night Fever“ mit John Travolta uraufgeführt. Disko und Terrorismus gehören zur selben Epoche.

Als Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt Jürgen Ponto ermordeten, telefonierte seine Ehefrau Ignes im Nebenzimmer mit ihrer Schwester, Renate von Moltke, einer Schwägerin des Widerstandskämpfers gegen das NS-Regime, Helmuth James Graf von Moltke. „Nach 32 Jahren erlebte meine Tante nun als stumme Zeugin, wie wieder ein Schwager von anderen Terroristen hingerichtet wurde“, schreibt Jürgen Pontos Tochter Corinna in einem der eindrücklichsten Bücher zum deutschen Terrorismus: Julia Albrecht, Corinna Ponto: „Patentöchter: Im Schatten der RAF – ein Dialog“.

Albrecht, Klar und Mohnhaupt leben noch

Dem heutigen Leser fällt an diesem Satz sofort auf, dass die Ermordung Jürgen Pontos inzwischen weiter zurückliegt als damals die NS-Zeit. Wir haben den deutschen Terrorismus weggedrückt. Er hat mit uns nichts zu tun. Allerdings: Susanne Albrecht, geboren 1951, Christian Klar, geboren 1952, und Brigitte Mohnhaupt, geboren 1949, leben noch. Zur Klärung der von ihnen begangenen Taten haben sie wenig bis nichts beigetragen. Selbst Worte des Bedauerns sind kaum zu erhalten.

Niemand ist damals aus Versehen bei der RAF gelandet. Es gab an jedem Ort in Deutschland eine Vielzahl von Gruppen, in denen man sich gegen alles, das einem nicht passte, engagieren konnte. Wer in die RAF wollte, der wollte es, weil er töten wollte. Der politische Mord war die Raison d’être der RAF. Man wird begreifen müssen, dass, so abschreckend das damals wie heute für die meisten war, es doch damals wie heute Menschen gab, für die genau das den Reiz ausmachte. So sehr, dass alles andere für sie nebensächlich wurde. 

Was hatte die Befreiung Andreas Baaders mit der der Menschheit zu tun? Wer sich die Frage nach dem Sinn der RAF-Tätigkeit so stellte, der hatte sie schon beantwortet. In Göttingen, in Berlin, in Frankfurt und Freiburg, in Hamburg, Münster und Heidelberg. 

Ponto-Mörder hatten kein Kalkül

Der Blick auf die Terroristen von damals könnte uns helfen, die von heute klarer zu sehen. Die angeblichen Kampfziele – damals die Abschaffung des „Schweinesystems“, heute der Sturz des Westens – waren und sind vorgeschützt. In Wahrheit wird ein Kampf um die Deutungsherrschaft im eigenen Lager geführt. Aber nicht einmal darum geht es dem Terroristen. Dass er dafür sein Leben einsetzt, das ist der entscheidende Kick.

Er ist es nicht für die Führung des IS, so wenig wie er es für das Ministerium der Staatssicherheit der DDR war, als es die La Belle-Attentäter unterstützte. Aber die Ponto-Mörder und die vielen anderen deutschen Terroristen hatten kein wirkliches Kalkül. Sie wollten sich spüren und ihre Macht über andere, über die Welt. Wie Mohammed Atta oder Osama bin Laden.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier RAF

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