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RAF in der DDR „Ich bin jetzt wie mein Vater, der SS-Mann“

Das ehemalige RAF-Mitglied Silke Maier-Witt erzählt auf einer Berliner Veranstaltung von ihrem Leben als Terroristin und ihrem Stasi-unterstützten Unterschlüpfen im Osten.

Silke Maier-Witt war einst Teil der RAF. Foto: ERMAL META (AFP)

Ich werde es versuchen!“ Es ist der letzte Satz, den die einstige Terroristin der Rote Armee-Fraktion (RAF), Silke Maier-Witt, am Mittwochabend im DDR-Museum in Berlin in einer Diskussion sagt. Darüber habe sie den ganzen Abend nachgedacht, fügt sie hinzu im Gespräch mit den beiden Buchautoren Frank Wilhelm („RAF im Osten“) und Butz Peters („1977 RAF gegen die Bundesrepublik“). Sie will versuchen, mit der Familie des am 18. Oktober 1977 von der RAF ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer Kontakt aufzunehmen.

Der Versuch wird der 67-Jährigen schwerfallen. Sie hat nach eigener Angabe niemanden getötet, leistete aber bei der Schleyer-Entführung und anderen Aktionen Späh- und Zubringerdienste. Sie übermittelte der französischen Zeitung „Libération“ das RAF-Bekennerschreiben über Schleyers Ermordung. Es beginnt mit dem infamen Satz: „Wir haben nach 43 Tagen Hanns-Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet.“ Sie könne heute nicht verstehen, wie sie sich zu diesem Satz habe hergeben können.

Die Studentin der Medizin und Psychologie in Hamburg tritt am 7. April 1977 der RAF bei, dem Tag der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback, wird eine „Illegale“. Am 19. November zwei Jahre später, als bei einem Banküberfall in Zürich mit Beteiligung von Christian Klar eine Kundin erschossen wird, kritisiert sie deren Tod. „Ich sah an den Gesichtern der anderen, dass sie mir diese Kritik übelnahmen.“ Dieser Mord leitet ihr Ende bei der RAF ein. Sie will raus und wird ausgeschlossen: Sie gilt als nicht mehr zuverlässig. Selbst zu sagen, dass sie gehen will, traut sie sich nicht. Als sie 1990 während ihrer Vernehmung erfährt, das die Tote Jüdin war, denkt sie: „Jetzt bin ich wie mein Vater, der SS-Mann.“ Sie nimmt an, dass er an Judenmorden beteiligt war.

Im August 1980 beginnt für Maier-Witt – und sieben weitere kampfesmüde RAF-Angehörige, zwei folgen 1982 – das Kapitel Unterschlupf DDR. Es geht vom DDR-Flughafen Schönefeld nicht ins afrikanische Mosambik oder Angola, sondern über Wien und Prag wieder nach Berlin. Sie gesteht: Von der DDR habe sie keine Ahnung gehabt, sie habe anerkannt, dass die DDR die Befreiungsbewegungen unterstützte; sonst habe sie das Thema nicht interessiert. Auf die Frage, ob es in der DDR besser gewesen sei, sagt sie: „Besser als im Knast auf jeden Fall.“

Über das „Objekt 74“, das Forsthaus an der Spree, in das die DDR-Staatssicherheit die Aussteiger zuerst brachte, geht Maier-Witt schnell hinweg. Man habe viel tun müssen, den neuen Lebenslauf lernen, mit „Betreuern“ sprechen, gefälschte Pässe annehmen. „Den Namen ‚Angelika Gerlach‘ habe ich mir selbst gegeben!“

Nach acht Wochen werden sie auf die DDR verteilt, mit Wohnung und Arbeitsplatz. Alle arbeiten auch für die Stasi, es gibt aber nicht die übliche Verpflichtung. Maier-Witt kommt nach Hoyerswerda (Oberlausitz). Susanne Albrecht, am 30. Juli Türöffner beim Mord an dem Dresdner Bank-Chef Jürgen Ponto, nach Cottbus. Maier-Witt lässt sich zur Krankenschwester ausbilden. Die Zusammenarbeit mit der Stasi begründet sie so: Sie habe so Susanne Albrecht häufiger besuchen können. Sie soll ihrem Umfeld erklären, sie sei aus Überzeugung in die DDR gekommen. „Das glaubt mir kaum einer.“

1983 wird sie „aus Sicherheitsgründen“ nach Erfurt umgesiedelt, studiert in Weimar. Ein DDR-Übersiedler meldet 1985 der West-Polizei, er wisse, wie die auf Fahndungsplakaten Gesuchte jetzt heiße, wo sie arbeite und lebe. Der Sowjetgeheimdienst KGB erfährt es und warnt die DDR. Wieder muss sie ihre Sachen packen und wird als „Sylvia Beyer“, geboren in Moskau, in Ost-Berlin versteckt, zieht 1987 nach Neubrandenburg, arbeitet dort beim VEB Pharma. Die Stasi meint, wegen ihrer Nase sei sie leicht erkennbar, also lässt sie sich operieren.

Fing in der DDR ein neues Leben an? „Nein, auch wenn ich 1989 bei Demonstrationen war.“ Das neue Leben beginnt erst an nach Festnahme, Urteil und Haft: zehn Jahre, nach fünf begnadigt. Von 2000 bis 2005 arbeitet sie als Friedensfachkraft im Kosovo, dann organisiert sie die Aktion „Urlaub vom Krieg“ für albanische und serbische Kosovo-Jugendliche.

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