Lade Inhalte...

Psychologie „Das Böse ist gegen das Prinzip des Lebendigen“

Die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh erklärt, warum Mephisto überschätzt wird. Und dass Mörder mitunter ganz freundliche Leute sind. Und was die Erfahrungen aus ihrer Arbeit mit den Vorgängen in Chemnitz zu tun haben.

Mephisto
Was ist das Böse? Klaus Maria Brandauer als Mephisto in in einer Faust-Verfilmung aus dem Jahr 1980. Foto: Imago

Frau Saimeh, was ist das Böse? 
Zunächst ist das ein Begriff, an dem sich viele Disziplinen abarbeiten. Ich betrachte als forensische Psychiaterin nur eine kleine Facette. Doch nach meiner Definition meint der Begriff alles das, was sich gegen das Prinzip des Lebendigen richtet. Die Psychiatrie hat nur bestimmte Beschreibungen persönlichkeitsimmanenter Ressourcen oder Eigenschaften, die jemanden zu einem destruktiven Handeln befähigen. 

Das heißt, dieses Wort spielt bei Ihrer Arbeit keine Rolle? 
Richtig. Das spielt für mich keine Rolle. Die Verhaltensweisen, mit denen ich mich befasse, lassen sich natürlich auch unter einem moralischen Gesichtspunkt betrachten. Wenn beispielsweise jemand seinen Geschäftspartner aus Habgier erschießt, dann könnte man das sicher als eine böse Tat bezeichnen. Aber ich befasse mich nicht damit, das Verhalten von Menschen moralisch oder juristisch einzuordnen, sondern ich betrachte meine Probanden unter einem psychiatrischen Gesichtspunkt, indem ich beschreibe, ob jemand nach landläufiger Auffassung psychisch gesund ist oder ob er schwerstwiegend psychisch gestört ist. Daraus ergeben sich dann die juristischen Implikationen. Meine andere Aufgabe ist die Legalprognose, das heißt, zu beurteilen, wie gefährlich jemand noch ist, wenn er schon verurteilt wurde. 

Sie haben 2012 ein Buch mit dem Titel „Jeder kann zum Mörder werden“ geschrieben. Was muss bis dahin alles geschehen? 
Der Titel hat sich mittlerweile als Fluch erwiesen, weil ich seither immer gefragt werde, ob ich denn auch zum Mörder werden kann. 

Das wäre die nächste Frage gewesen ... 
Bei 100 Leuten im Raum werden nicht alle zum Mörder. In meinem Buch habe ich geschildert, dass es ganz unterschiedliche Zusammenhänge gibt, warum Menschen plötzlich in die Lebenssituation kommen, dass sie einem anderen das Leben nehmen. Da gibt es große Unterschiede hinsichtlich der Befähigung zu gewalttätigem Handeln oder des Ausmaßes psychischer Erkrankung. Speziell Tötungsdelikte haben eine große Bandbreite von Motiven. 

Welche wären das? 
Da haben wir etwa Eifersucht, Neid oder Rachsucht, ebenso wie psychotische Motive oder den Gedanken der Konkurrenzausschaltung. Es gibt tatsächlich viele Gründe, warum man jemanden umbringt. Die Frage ist immer, wie absichtsvoll das ist und wie geplant. Ich beschreibe zum Beispiel den Fall einer jungen Frau, die nicht die psychische Reife hatte, um Mutter zu sein, und ihr Kind im Schrank versteckte und dort nicht versorgte, bis es tot war. Sie hatte gar keine psychischen Ressourcen, sich zu ihrer Mutterrolle zu bekennen. Ein anderer Fall ist ein Serienmord aus reiner Habgier und Eitelkeit. Alte Menschen werden umgebracht, um an ein paar hundert Euro zu kommen. Die Frage ist immer: Wie stehen wir zum Prinzip des Lebendigen. Das hat etwas mit der frühen Bindung zu tun, aber auch etwas mit der genetischen Disposition, wie wir unser Temperament und den Charakter entwickeln. Wir kommen ja nicht als leeres Blatt auf die Welt. 

Neurowissenschaftler sprechen derzeit von dem MAOA-Gen, einem Stimmungsstabilisator, der zum Beispiel bei Gewalttaten aktiviert wird. Was halten Sie von dem Ansatz, das Böse auf genetischer Ebene zu suchen? 
Das ist besonders spannend. Der Fachbegriff heißt Epigenetik. Die Gene können bereits im Mutterleib spezifisch an- und abgeschaltet werden, je nachdem in welcher Umgebung das Kind zur Welt kommt. Wir wissen, wenn die Mutter in der Schwangerschaft Gewalt erfährt, dann werden etwa in den MAOA-Systemen Gene so modifiziert, dass das Kind gewissermaßen auf eine feindselige Umwelt programmiert wird. Das heißt, dass dieser biologische Organismus schon ein Stück weit darauf vorbereitet ist, ob er in einer feindseligen Umgebung aufwächst oder in einer Welt voller Geborgenheit. Dann haben wir de facto Kinder, die aggressiver sind, die sich schlechter beruhigen lassen, die paradox auf Nähe und Zuwendung reagieren, deren Eltern ungeduldig sind und herumbrüllen oder das Kind schütteln. Da verquicken sich ganz engmaschig genetische Prädisposition und frühe Einflüsse. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen