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Protestantismus Das Kind des Pfarrers

Mehr Friedrich Schleiermacher als Dr. Martin Luther: Skizzenhafte Bemerkungen zu einer protestantischen Frankfurter Herkunft.

Ausstellung
„Taufvisite im evangelischen Pfarrhaus“, gemalt 1828 von Johann Baptist Pflug. Foto: epd

In früheren Jahren hätte ich gerne behauptet, ich entstammte der Tradition der Arbeiterbewegung; schon mit 16 fieberte ich ja mit den (ausbleibenden) Erfolgen der SPD bei Bundestagswahlen und empfand mich später als dezidierten Linken. In Wirklichkeit wurde ich erwachsen in einem deutschen Pfarrhaus, wofür ich mich lange Zeit etwas genierte.

Für Gottfried Benn war das deutsche Pfarrhaus Brutstätte von Genies; er dachte dabei wohl an Nietzsche und sich selbst. Die Pfarrhäuser in meiner damaligen Umgebung wirkten auf mich überwiegend bieder und wenig inspirierend. Bei etlichen Schulkameraden aus dem Professorenmilieu schien mir mehr Nimbus zu begegnen. Erst recht bei einigen Jugendfreunden aus den Geldfamilien des Frankfurter Westends.

Ein wenig genant war mir meine Herkunft sicher auch, weil ich mich schon früh für „ungläubig“ halten musste. Ich kann mich noch sehr genau an meine „Bekehrung“ zum Atheisten (oder lieber weniger vollmundig: zum Agnostiker) erinnern, sozusagen ein umgedrehtes „Damaskus“. Ich war acht Jahre alt und gelehrt worden, täglich vor dem Einschlafen zu beten (einen Vers oder, besser, ein kurzes freies Gebet). Eines Tages wagte ich ein Experiment und ließ das Abendgebet aus. Ich erlebte, dass ich in der folgenden Nacht nicht schlechter schlummerte als sonst.

So erließ ich mir das Beten auch für den nächsten und alle folgenden Tage, ohne dass darob der Himmel einstürzte. Im Gegenteil, mich durchströmte allmählich ein Glücksgefühl, weil ich nun ein Geheimnis gegenüber meinen Eltern und ihrer Sphäre hatte und gut hüten musste. In der Gymnasiastenzeit lernte ich Benns von Heinrich Mann entlehnte Formel „Nihilismus, ein Glücksgefühl“ kennen und fühlte sie nach. Nun ja, als so hochtrabend gerierte sich die Abkehr von Lutherstall und Christentum bald nicht mehr, und mit den wieder zunehmenden guten Erinnerungen an das Pfarrhaus kamen auch theologische und vor allem religionswissenschaftliche Interessen – im unverminderten, gleichsam psychologisch motivierten Staunen über die Wirkmacht, die Religion über die von der Realität des Todes gezeichneten Menschen allgemein hat.

Ein fast gleichaltriger deutscher Pfarrerssohn, der Dichter F. C. Delius (Autor einer so amüsanten wie tiefgründigen aktuellen Luther-Streitschrift), der sich offenbar später vom lutherischen Glauben trennte als ich, deutet brennende Gewissensbisse in der Pubertät an. Dergleichen kannte ich nicht, obwohl es in jener Zeit Konflikte anderer Art genügend gab (sie hingen zum Beispiel mit meiner schon im fünften Schuljahr einsetzenden Kinosucht zusammen). Einmal verspürte ich eine große geistige Nähe zu meinem Vater, als er mir auf einer Taunuswanderung von der Hohemark zur Saalburg bekannte, nicht an die Erbsünde zu glauben, ein auch für das Luthertum zentrales augustinisches Dogma.

Daraus konnte ich keineswegs den Schluss ziehen, dass mein Vater ein Pro-forma-Prediger war, wie ich sie oft kennenlernte, gerade auch in den Reihen orthodox erscheinender Pastoren. Denen mochte es ein Leichtes sein, lehramtsfromm Inhalte zu vermitteln, deren mentale oder intellektuelle Durchdringung ihnen herzlich wurscht war. Für meinen Vater schien mir bezeichnend, dass er mit seinem Glauben „rang“ – Metaphern wie ringen oder kämpfen spielten in seinem darauf gerichteten Wortschatz eine große Rolle. Ich glaubte auch zu bemerken, dass seine Theologie eigentümlich schwankend zwischen Pietismus und Liberalität in Spannung gehalten war. So lag bei ihm eine (vielleicht von seiner Mutter ererbte) naive Frömmigkeit mit der versierten Aufgeklärtheit des Bibelphilologen in Fehde.

Seine Predigten hatten einen eher „schöngeistigen“ Anstrich und wichen damit auch ab von der (für mich manchmal geradezu anrüchigen) Bemühung etlicher seiner Kollegen, den bürgerlichen Gottesdienstbesuchern der Wirtschaftswunderjahre bei ihren alltäglichen Problemen (Ehe, Kindererziehung, Berufsstress; Angst vor Herzinfarkt, sittliche Verwilderung angesichts des Willi-Forst-Films „Die Sünderin“ etc.) eine beflissene Lebenshilfe anzubieten. Sicher empfand mein Vater mehr Leidenschaft für universelle Gelehrsamkeit als für „Seelsorge“. Aber er absolvierte pflichtbewusst und regelmäßig die Hausbesuche bei den Alten, Armen und Kranken seiner Gemeinde, und oft beeindruckten mich die Bekümmernis und Hilflosigkeit, die er nach solchen Touren durch das menschliche Elend erkennen ließ im Wissen, mit seinem bisschen Trost kein Schicksal wenden zu können.

Im elterlichen Pfarrhaus war Luther keine besondere Leitfigur wie gewöhnlich sonst in solchen Kreisen (ich entsinne mich an einen Frankfurter Pastor, der keine seiner Predigten vom mehrmals pathetisch knöchern herbeigebellten „Doktorrrr Marrrrtin Lutherrrr“ verschont ließ, oft noch mit dem Adjektiv „unserrrr“ eingeleitet). Geschätzter war bei uns zu Hause Friedrich Schleiermacher, der Weggenosse der deutschen Romantiker und Ahnherr eines liberalen, noch nicht nationalistisch verengten „Kulturprotestantismus“ im 19. Jahrhundert. Mit dem evangelischen Liberalismus hatte es dann freilich seine eigene Bewandtnis. Von heute her betrachtet, war seine auf lange Sicht deutschnationale – und schließlich das „Deutsche Christentum“ als probat den Nationalsozialismus flankierende Ideologie hervorbringende – Karriere eine nahezu naturwüchsige Kulturerscheinung.

Bekanntlich gab es in den Nazijahren fast so etwas wie ein protestantisches deutsches Schisma, indem die Glaubensbewegung der Bekennenden Kirche sich wider die ideologischen Dienstbarkeiten der systemkonformen „Deutschen Christen“ wandte und auf biblisch-lutherischen Positionen beharrte. Nach der Befreiung 1945 erweckten die Vertreter der „Bekennenden Kirche“ den Eindruck, als mutige Glaubenskämpfer generell zum Widerstandspotential gegen das Dritte Reich gehört zu haben. Das war nicht unbedingt der Fall, denn die „Bekennenden“ agierten gemäß der lutherischen Zwei-Reiche-Lehre (also der Trennung zwischen „weltlichem“ und „geistlichem“ Gehorsam) oft nur im kirchlichen Kontext antinazistisch, während sie sich ansonsten durchaus anpassten, etwa in höheren Stellungen in Verwaltung, Justiz und Wehrmacht.

Auch der legendäre Martin Niemöller war zunächst ja kein Hitlergegner. Verdienstvoll genug jedoch die Bemühung um theologische Unbeflecktheit; verständlich und nicht unnütz auch das Bestreben, nach 1945 eine Dominanz gegenüber dem innerkirchlichen Liberalismus zu behaupten. Dieser war jedoch nicht gänzlich durch die Bizarrerien der „Deutschen Christen“ (schmachvoll etwa deren Versuch, Jesus zum „Arier“ umzufälschen) korrumpiert; Paul Tillich etwa, einer der namhaftesten liberalen Theologen seiner Zeit, hatte Hitlerdeutschland verlassen.

Liberale Facetten wies auch Dietrich Bonhoeffer auf, einer der Märtyrer des christlichen Widerstands gegen das Naziregime. Ein sich in theologisch-akademischer Beziehung wenig vordrängender Exponent liberaler Religiosität war Albert Schweitzer, dem auch ich als Jugendlicher in Frankfurt einmal persönlich begegnete. Bekennerische Schuldebatten waren ihm ziemlich schnuppe; entscheidend waren für ihn, nicht sehr lutherisch, gute Werke an den Menschen (und Tieren), die sie brauchten.

Dass mein Vater „Deutscher Christ“ und Nazi-Mitläufer wurde, war wenig verwunderlich angesichts eines in seiner Generation zwar verarmten, aber traditionell nationalliberalen und ebenso von erfolgreichem Unternehmertum wie konservativen Pastorenschaften (auch hamburgisch-hanseatischen Zuschnitts) gekennzeichneten bürgerlich-mittelständischen Familienumfelds. Er gehörte zu denen, die nach 1945 ehrlich dazulernten, auch dank – oder sollte man sagen: trotz? – einer verordneten Entnazifizierungs-Berufspause von gut einem Jahr, und dem Nationalismus jeglicher Art abschworen (ich bin sicher, dass er auch den Islam in Deutschland heute trotz naheliegender Bedenken nicht als pauschale Gefahr gesehen hätte). Er wurde so etwas wie ein begeisterter linksliberaler Welt-Bürger, zumindest EU-Enthusiast. Das Hinzulernen brauchte etliche Zeit. Noch im Goethejahr 1949 war der als Gast nach Deutschland gekommene Thomas Mann für meine Eltern, anders als für mich, noch keine eindeutig positive Figur.

Zum lutherischen Dogmatiker schwenkte mein Vater indes keineswegs um, und es spricht immerhin für die Toleranz der evangelischen Landeskirchenstrukturen, dass er und ähnlich gesinnte theologische Paradiesvögel sich innerhalb dieser Institution lebenslang halten konnten. Seine Mitarbeit in liberaltheologischen Zirkeln bedeutete ihm viel.

Gerne erinnere ich mich an eine Tagung des Theologenvereins „Freies Christentum“ in Bad Münstereifel (1988), zu der ich meine Eltern chauffierte und an der ich ein paar Stunden als Zaungast teilnahm. Ganz spontan und quasi arglos meldete ich mich ziemlich zu Anfang der Sitzung zu Wort und stellte die kaum mit dem vorgesehenen Thema zusammenhängende Frage, wie „die liberale Theologie heute“ ihre Rolle im Dritten Reich beurteile. Ich war zunehmend verblüfft, was für ein Fass ich damit aufmachte. Mit Verve ging die durchweg aus älteren Herren bestehende Runde auf diese Thematik ein und debattierte stundenlang über nichts anderes. Tatsächlich musste ich mir sagen: Bußfertigkeit ist unter evangelischen Theologen nach wie vor eine hohe moralische und intellektuelle Qualität.

Um 1968 war ich sicher am weitesten weg von kirchlichen Dingen, aber auch da bekam ich einiges von den nicht nur verängstigten, sondern auch verständig-wohlwollenden evangelischen Auseinandersetzungen mit dem antiautoritären Marxismus und Anarchismus mit. Der bald darauf tödlich verunglückte Studentenführer Hans-Jürgen Krahl war einmal in der elterlichen Wohnung zusammen mit dem linken, sozial engagierten Frankfurter Rechtsanwalt Howard Philipps zu Gast, wobei ich einen regen, aber nicht erbitterten Gedankenaustausch miterlebte.

Je älter ich wurde, desto mehr empfand ich Dankbarkeit insbesondere für die frühen Jahre im evangelischen Frankfurter Pfarrhaus (das schon deshalb nicht typisch lutherisch war, weil es statt einer Kinderschar nur einen Einzelspross hervorbrachte). Ja, die unmittelbaren Nachkriegsjahre, eine von seltsamem kulturellen Nomadentum geprägte Zeit, ein produktives Chaos zwischen der zerstörten faschistischen Zwangsordnung und den neuen, sanfteren Geordnetheiten der sich herausbildenwollenden Wirtschaftsaufschwungs-Demokratie.

In dieser spannenden Zwischenzeit schellte es ständig an der Haustür: Bettler und Schwarzhändler suchten uns auf und heim, auch allerlei merkwürdige, zwischen Gaunerhaftigkeit und verkanntem Genie schillernde Individuen – Wanderapostel von schwer bestimmbarer Konfession; Knoblauchprofessoren; ambulante Schauspieler, Klarinettisten und Artisten; sich vermutlich selbst den Doktorhut aufgesetzt habende Lebensberater und Seelenmasseure; Vortragskünstler mit thematisch unergründlichem Bauchladen und so weiter und so fort. Die offiziellen Institutionen und Veranstaltungsorte waren ja kaputt, also wurden Kirchengemeinden zu Anlaufstellen für Performer aller Couleur.

Nur zu gerne ließen sich diese Reisenden dann ins pfarrerliche Domizil zum Abendessen einladen, und es gab da einen Jungen am Tisch, der oft atemlos den mitgeteilten Abenteuern und Angebereien lauschte und Einsicht nahm in die Buntheiten des Lebens. Hautnah Realitäten genießen und Lügenmärchen! Kleine menschliche Komödien und Tragödien en face!
Klar, auch derlei lässt sich dem evangelischen Pfarrhaus gutschreiben.

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