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Portugal „Sind alles arme Hütten“

Einblicke in die gelebte Alltagskultur in einem Europa der Regionen: Von Porto aus über den Küstenweg durch das nördliche Portugal.

Portugal
Vila Chã, Nord-Portugal: Gesellschaften können sich nur aus dem Material heraus entwickeln, das sie vorher selbst geschaffen haben, so der Ökonom Wolfgang Streeck. Foto: Wustlich

Ein Bild aus der Mitte der Stadt – Porto 2005. Am Zugang einer Seitengasse eine alte Frau auf den Stufen. Die schwarze Strickjacke, das Schultertuch, halb über den Kopf gezogen, kontrastierend zum Ocker der Hauswand. Eine karierte Schürze, über die Knie gebreitet, darüber ein Tuch mit Blättermustern. Ein gelb ausgeschlagener Korb zwischen den Knien, auf eine schwarze Fischkiste gelagert. Die in den Blick drängende Auslage silbriger Körper – Merluza, der Seehecht, Robalo, der Wolfsbarsch. Dazu Sardinhas in bescheidener Menge. Eine der Fischfrauen, die am Morgen ihr Angebot ausrufen (im Fado heißt es – „Fischfrau Straßenruf, der Zärtlichkeit an meine Tür bringt“).

Eine der Frauen ersteht Sardinen, eine zweite, in Schürze, auf einen Stock gestützt, wartet darauf, die Ware zu begutachten. Drei Frauen. Der Kern der Szene könnte in ein Schwarz-Weiß-Foto der 1950er Jahre versetzt werden. Ein Automat von Coca-Cola, eine Telefonsäule in Edelstahl, der kokette Blick des Campaign girl auf einem Plakat von Triumph schaffen den Kontrast. Das Bild kann nicht aus einer der reichsten Regionen Europas stammen.

Zu Zeiten kamen die Fischfrauen direkt vom Strand, im Morgengrauen, wenn die Boote ihren Fang anlandeten. Der portugiesische Schriftsteller Raul Brandão, dem die Universität von Porto im März 2017 ein Literaturcolloquium zum 150. Geburtstag widmete, liefert in seinem Roman „Die Fischer“ („Os Pescadores“, 1923 – dt. 2001) eine poetische Dokumentation des harten Lebens der Atlantikküste. Denn Porto, die stolze Metropole des portugiesischen Nordens, ist im Zentrum gerade sechs Kilometer von der Küste entfernt. Abseits der Metropole liegen Fischerdörfer und kleine Städte am Meer: Vila Chã, Vila do Conde, Póvoa de Varzim. In der Region sind sie per Metro zu erreichen.

Angemessener ist es, sich den Orten der Küste, den Dörfern und Strandabschnitten auf Etappenwanderungen zu nähern. Mit dem Übersetzen über den mythischen Grenzfluss Rio Minho von Galicien aus kann es beginnen, bewacht vom Kegel des Monte Tecla, dem Castro aus keltischer Zeit. Langsam zieht die Fähre über den Strom, macht an der Brücke von Caminha fest. Die erste Etappe reicht von Moledo bis Vila Praia de Âncora. Die Strecke zum Farol de Montedor, dem nördlichsten Leuchtturm Portugals, folgt auf dem Fuße.

Raul Brandão, der 1921 bereits den Küstenweg nach Süden nahm, hat den Ort hymnisch gewürdigt: „Erst von Montedor aus überblickt man dieses Gemälde voller Bewegung und Licht und gleichzeitig das Panorama, blau in Richtung Norden bis nach Galicien, grün in Richtung Süden bis nach Viana. Montedor ist ein ganz kleiner Ort, erbaut in der Luft der offenen See, mit Tennen von der Größe eines Handtellers und darauf sechs gelben Maiskolben zum Trocknen. Die unermessliche Landschaft wechselt stündlich die Farbe, und das unendliche Meer begleitet diese wunderbare Symphonie in der Ferne.“ Viana do Castelo ist bald erreicht.

Die Annäherung an die Região Norte, eine der Regionen Europas, deren Entwicklung zurückhängt, ist beschaulich, die Randlage des Kontinents spürbar. 2006 lag das regionale BIP je Einwohner, ausgedrückt in Kaufkraftstandards, bei etwa 60 Prozent des EU-Durchschnitts, 2016 bei rund 65 Prozent. Drängt sich der Eindruck auf, durch eine „verlorene Region“ („Die Zeit“) zu wandern? Spürbar ist, dass Teilregionen des Nordens seit langem zu kämpfen haben.

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