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Portikus Ein Fluss, ein Lied, die Vergangenheit

Arin Rungjangs poetische Filminstallation „Bengawan Solo“ im Frankfurter Portikus.

Es ist dunkel im Frankfurter Portikus, rechts und links laufen Videoprojektionen, die einzelne Musiker zeigen und eine Sängerin. Die Musik klingt folkloristisch, die Kleidung ist traditionell, die Frau singt „Bengawan Solo“. An der Frontwand laufen Texte in Weiß auf Schwarz. Zitate von Menschen, die Anekdoten aus ihrem Leben erzählen. Geschichten, die mit dem Lied „Bengawan Solo“ – es ist ein altes indonesisches Volkslied – in einem Zusammenhang stehen.

So erfährt man, dass das Lied vom Fluss Solo handelt, dem längsten auf der indonesischen Insel Java (Bengawan bedeutet Fluss). Komponiert wurde es bereits 1940 von Gesang Martohartono auf einer Bambusflöte. Auch die Japaner, die Indonesien damals besetzt hielten, liebten den Song, der sich nach dem Krieg in ihrer Heimat und schließlich überall in Asien verbreitete. Der Künstler Arin Rungjang, ein Thailänder, dessen Arbeit im Portikus zu sehen ist, stieß auf „Begawan Solo“ in dem Film „In the Mood for Love“ von Wong Kar Wai, in dem es von der Sängerin Rebecca Pan auf Englisch interpretiert wird; bei ihr lautet der Titel „By the River of Love“.

Die Texte, die über die Leinwand laufen, kombinieren die Erinnerungen zweier Menschen – des Künstlers und der Sängerin Rachel Saraswati, deren Gesang zu sehen und hören ist, mit historischen Fakten über den Fluss. So ist das Stück für Arin Rungjang eng mit einem frühen sexuellen Erlebnis verknüpft – eine Erinnerung, die ihn bis heute prägt und quält: Seit seiner Kindheit ist er in einen ehemaligen Klassenkameraden verliebt. Die sinnliche Erfahrung, die er mit ihm machte, lässt ihn bis heute – diverse Liebhaber später – nicht los.

Bei seinen Recherchen stieß Rungjang auch auf die Geschichte von Anneke Grönloh, einer Sängerin mit indonesischen und niederländischen Wurzeln, die ihre Kindheit in einem japanischen Konzentrationslager in Niederländisch-Ostindien verbracht hat, weil ihr Vater dort interniert war. Nach dem Krieg zog sie mit ihren Eltern in die Niederlande, wo sie ihre Erinnerungen in einer eigenen Version von „Bengawan Solo“ verarbeitete. Unter japanischen Soldaten war das Lied damals – wie gesagt – sehr beliebt.

Und er stieß auf eine Geschichte, die von der massenhaften Ermordung von Kommunisten und chinesischstämmigen Bürgern durch das Militär handelt. Davon, dass zahlreiche Leichen während des Massakers zwischen 1965 und 1966 in diesen Fluss geworfen wurden.

Die Erinnerungen der Sängerin Rachel Saraswati wiederum handeln von ihrem Vater, einem von vielen verehrten Dichter und Schauspieler, der die Familie verlassen hat und in dessen Bibliothek sie sich später einmal mit einem Liebhaber vergnügt hat.

In all seinen Werken nähert sich Rungjang historischen Themen mithilfe von faktenbasierter Recherche und mündlichen Erzählungen. Auch seine Arbeiten für die documenta 14 im vergangenen Jahr, in denen es um die demokratische Revolution in Bangkok 1932 und den Volksaufstand 1973 ebenso ging wie um den Studentenaufstand in Athen 1973, basierten auf mündlichen Berichten und Archivmaterialien, die die Vielschichtigkeit und die subjektive Darstellung und Interpretation von Vergangenheit zum Thema haben.

Dass Geschichte und Geschichten keine fest zementierten Gewissheiten sind, hat man natürlich längst gewusst, aber Arin Rungjang hat es einem mit seiner Filminstallation noch einmal auf poetische Weise sehr anschaulich ins Gedächtnis gerufen.

Portikus , Frankfurt: bis 2. September. www.portikus.de

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