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Populismus Es gibt kein Volk

Im Weltanschauungskrieg: Populismus gehört zu den Traditionen europäischen Denkens.

16.11.2016 15:13
Dirk Pilz
Werktag auf dem Münchner Oktoberfest. Foto: epd

Es ist jetzt auffällig viel von Populismus die Rede. Die Wahlerfolge von Trump & Co. werden zwar unterschiedlich gedeutet, je nachdem ob die sozialen oder politischen Ursachen in den Blick kommen. Seltsame Einigkeit herrscht jedoch darüber, dass diese Erfolge einem Populismus geschuldet sind, der als Bezichtigungsbegriff verwendet wird – Populismus ist wie Mundgeruch immer das, was die anderen haben. Entsprechend gehört zu dieser Rhetorik das militärische Vokabular, auch bei jenen, die sich selbst als nicht populistisch wähnen – man müsse auf den „aggressiven Populismus“ mit „Gegenfeuer“ antworten, meinte Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“.

Das bedient die Logik von Weltanschauungskriegen. Der Populismus sei, so die weit verbreitete Annahme dahinter, eine Kriegserklärung an den Liberalismus. Die Demagogie stehe gegen die Demokratie, die postfaktische, gefühlsgeleitete gegen die vernunftbasierte Weltsicht. Und weil mit Trump ein Feind der liberalen Werte den Sieg errungen hat, wird dieser Sieg als Rückschritt wahrgenommen. Das Gebot der Stunde lautet dieser Logik zufolge Kampf gegen den postfaktischen Populismus, um den Liberalismus vor seinem Niedergang zu bewahren.

Wie in jedem Krieg, ist das erste Opfer allerdings auch hier die Wahrheit. Denn zur Wahrheit gehört, dass der Populismus eine Geschichte hat, die nicht in dunkle, unaufgeklärte Gebiete führt, sondern ins helle Herz des europäischen Denkens.

1516 erschien im belgischen Löwen eine kleine Schrift, die man als Gründungsurkunde des modernen Populismus lesen kann: „Utopia“ des Gelehrten, Politikers und Schriftstellers Thomas Morus. Man hat in diesem erstaunlichen Buch alles beisammen, was bis heute in Sachen Populismus bestimmend ist. Zunächst: Der Staat von Utopien, den es vorstellt, ist die Fiktion einer Elite, nämlich die Erzählung eines gewissen Raphael Hythlodeus, die er im Kreise einiger vorgeblich Gebildeter entwickelt. Im ersten Teil des Buches berichtet dieser Raphael nicht nur von seinen Weltreisen mit Americo Vespucci, also den Erfahrungen mit der frühen Globalisierung. Er spricht vor allem von den sozialen und ökonomischen Nöten seines Heimatlandes England, von Korruption, Kriminalität, Verarmung, Krieg.

Der zweite Teil des Buches führt dann eine Erlösungsvision aus dieser hässlichen gesellschaftliche Realität vor: die frei erfundene Insel Utopia, den vorgeblichen Idealstaat. Die Utopie erwächst damit zwar aus der Sozialkritik, dient aber Erlösungsinteressen. Denn zu Utopia gehört nicht nur der kommunistisch anmutende Verzicht auf Besitz und Geld, sondern auch ein streng geregeltes Leben: Alle arbeiten wochentags nur sechs Stunden, der Tagesablauf ist jedoch streng identisch, auch die Kleidung. Alle teilen dieselben Sitten und dieselbe Sprache, zugleich wird unnachgiebig darauf geachtet, „dass keiner müßig herumsitzt, sondern jeder fleißig sein Gewerbe treibt“. Es gibt also „keine Weinstube, keine Bierschänke, nirgendwo ein Freudenhaus, keine Gelegenheit zur Verführung, keinen Schlupfwinkel, keine Lasterhöhle“. Und jeder darf zwar glauben, was er will – die Religion ist strikte Privatsache; doch diese Freiheit ist von der Überzeugung getragen, dass sich die eine Wahrheit in Glaubensfragen unweigerlich durchsetzt, in diesem Fall die des Katholizismus. Die Insel Utopia gleicht einem Gefängnis: Es ist die Vision einer freiheitsvernichtenden Einheitskultur.

In einem Land wie Utopia kann kein vernünftiger Mensch leben wollen – das ist Morus’ Warnung. Denn Monokulturen nehmen immer die Luft zum Atmen, und das gilt – heiklerweise – für liberale wie für antiliberale Gesellschaften.

Unter der Hand hat Morus damit scharf analysiert, was Populismus ist: Er beginnt immer damit, „ein Volk“ zu konstruieren, vom Kamin aus eine angeblich homogene Masse zu erfinden, der einheitliche Sehnsüchte und einheitliche politische Hoffnungen unterstellt werden, die entsprechend einheitlich erfüllt werden sollen. Populismus ist folglich nichts, was „im Volk“ herrscht, sondern etwas, das diesem gleichsam postfaktisch zugeschrieben wird: eine Ideologie von oben, kein Stimmungsbild von unten.

Damit man dies nicht falsch versteht: Der Rassismus ist so real, wie es der Populismus ist. Beide sind aber nicht an den sogenannten Rändern und bei „den Leuten im Volk“ zu Hause, sondern mitten in der Gesellschaft, auch unter Gebildeten. Bildung ist ohnehin nie ein Garant für Menschlichkeit, auch das macht Morus deutlich.

Populismus ist seit seiner Erfindung nichts, auf das die Schwachen und Abgehängten aufgrund fehlender Bildung hereinfallen – er ist eine gezielte Strategie zur Durchsetzung von ideologisch austauschbaren Interessen. Die böse Ironie der Geschichte ist, dass Morus später als Lordkanzler unter Heinrich VIII. selbst zum Populisten wurde, zum teils unflätigen Streiter für seine katholische Wahrheit – und in Martin Luther einen nicht weniger unflätigen populistischen Kämpfer für seine reformatorische Sache fand.

Am im Kern politischen Streit von Morus mit Luther kann man bis heute studieren, dass Populisten den Wahrheitskampf vor allem mit postfaktischen Unterstellungen führen. Das Volk dient dabei lediglich Statthalter für die eigene Interessen. Man sieht daran: Der Populismus ist keine Erfindung der Gegenwart, sondern fester Bestandteil der europäischen Tradition. Er taucht überall dort auf, wo die Weltanschauung zum Kriegsgebiet wird. Die Inhalte sind dabei verschiebbar: Heinrich VIII. ließ seinen einst treuen Wahrheitskämpfer Morus wegen Unbotmäßigkeit köpfen – und die Katholische Kirche wiederum erhob ihn 1935 zum Heiligen, weil er, wie Papst Pius XI. damals betonte, „vom geraden Weg der Wahrheit“ nie abgewichen sei.

Man sieht daran auch: Das Gegenteil von Populismus ist nicht Liberalität, es ist Skeptizismus, eine Haltung des Zweifelns, vor allem jenen gegenüber, die von Volk, von der einen Wahrheit, von Feuer und Gegenfeuer reden. Das hat vor 500 Jahren bereits der Morus-Freund und Luther-Skeptiker Erasmus von Rotterdam betont: Menschlichkeit erweist sich im Konkreten, sie fängt bei jedem Einzelnen an, sie ist täglich neu einzuüben. Auch das gehört gottlob zur europäischen Tradition.

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