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Polen „Wenig mehr als Pornographie“

Berlin erlebt unter dubiosen Umständen die Aufführung des polnischen Propagandafilms „Smolensk“. Der Film hat den Absturz der Präsidentenmaschine im April 2010 zum Thema.

09.01.2017 13:41
Philipp Fritz
Gedenken in Polen an die Opfer des Flugzeugabsturzes: Jetzt wurde der Propagandafilm „Smolensk“ in Berlin aufgeführt. Foto: REUTERS

Abrupte, irritierende Schnitte, eine nahezu unerträgliche Filmmusik und Dialoge, bei denen der Gemütszustand des Zuschauers irgendwo zwischen Fremdscham und Gelächter changiert: Die Rede ist nicht etwa von einem improvisierten B-Movie, sondern von dem Propagandafilm „Smolensk“, der den Absturz der polnischen Präsidentenmaschine im April 2010 zum Thema hat. Damals kamen Präsident Lech Kaczynski, dessen Frau Maria und 94 weitere Angehörige der politischen Elite des Landes ums Leben.

Diese Katastrophe hält Polen nach wie vor in Atem. Sie spaltet die Gesellschaft in diejenigen, die an ein Unglück glauben – Untersuchungsberichte sprechen von dichtem Nebel und menschlichem Versagen –, und diejenigen, die meinen, die Ursache für die nahe dem russischen Smolensk abgestürzte Tupolew sei eine Verschwörung der Russen und „innerer Feinde“ Polens, namentlich des ehemaligen Premierministers Donald Tusk, heute EU-Ratspräsident, und der alten Eliten der liberal-konservativen Partei PO (Bürgerplattform).

Der Film „Smolensk“ basiert nun auf dieser zweiten Interpretation der Ereignisse. Ihr hängen weite Teile der Mitglieder der regierenden, nationalkonservativen Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) an, allen voran Jaroslaw Kaczynski, Zwillingsbruder des verstorbenen Präsidenten und Parteichef. Auch in Berlin hat die Verschwörungstheorie offenbar ihren Vertreter – und zwar den Botschafter der Republik Polen, Andrzej Przylebski. Dieser hatte am 7. November 2016 zur Deutschlandpremiere des mit Hilfe von Crowdfunding finanzierten Films ins Kino Delphi geladen; die 800 Einladungen waren bereits verschickt, als das Lichtspielhaus die Vorführung kurzfristig absagte. Eine Blamage vor allem für die Botschaft.

Gekapert von Satirikern

Am vergangenen Freitagabend wurde das Machwerk des Regisseurs Antoni Krauze nun doch gezeigt, im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte. Allerdings wurde die Veranstaltung nicht von der polnischen Botschaft organisiert, sondern von den Betreibern des Schank- und Kulturraums „Club der Polnischen Versager“, bekannt für satirische Aktionen. Bereits vor der Vorführung am Freitag gab es in Polen eine Vielzahl von Berichten über das vermeintliche Schelmenstück des „Clubs“.

In rechten und regierungsnahen Medien versuchte man, ein liberal-linkes polnisches Exilmilieu als vom deutschen Kapital gesteuert zu diffamieren. Denn wie könne es sein, dass die Botschaft nichts auf die Beine stelle, dafür aber so ein wilder Haufen? „Wir wollten den Film einfach sich selbst entlarven lassen“, sagt Adam Gusowski vom „Club“ dazu. „Keineswegs wollten wir den polnischen Botschafter bloßstellen.“

Die Vorführung war ausverkauft; mehr als 500 Besucher drängten sich im Kinosaal, einige mussten auf dem Boden Platz nehmen, andere kamen gar nicht mehr rein. Dass der Flugzeugabsturz von 2010 eine nationale Katastrophe unfassbaren Ausmaßes sei, stellte Gusowski vor der Vorstellung klar und bat darum, den Film ruhig und konzentriert anzuschauen. Die Vorführung wurde hin und wieder unterbrochen von lautem Auflachen, auch wurde Wodka getrunken. Angesichts des Katastrophenthemas und derart vieler Opfer mag dies pietätlos erscheinen. Der Kunsthistoriker Olszowka wertete das jedoch als notwendigen Befreiungsschrei. „Smolensk“ sei künstlerisch vollkommen wertlos, die 120 Minuten seien nur schwer erträglich, sagte er: „Der Film ist wenig mehr als Pornographie“.

Tatsächlich ist „Smolensk“ der mit Abstand schlechteste polnische Film der vergangenen Jahre. Bei seiner Aufführung in Berlin anwesend waren auch mehrere polnische Fernsehteams. Ein Journalist berichtete nach der Vorstellung, dass sich Besucher darüber Handynotizen gemacht hätten, wer im Publikum gesessen habe. Eine Zuschauerin erinnerte die Stimmung an die UB-Zeit: Das Urzad Bezpieczenstwa war die polnische Entsprechung zur Stasi. Am Samstag erschienen in der polnischen Presse mehrere Beiträge zur Vorstellung, die meisten kritisch bis anklagend.

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