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Polen Die jüngere polnische Teilung

Die Wahl von Andrzej Duda zum neuen Präsidenten Polens zeigt, wie sehr die Bevölkerung nicht nur wirtschaftlich, sondern gesellschaftlich gespalten ist. Der Autor Artur Becker blickt zurück.

28.05.2015 13:49
Artur Becker
Es ist ein Jazz-Konzert. das an einem Abend in der Altstadt von Warschau eine polnische Gesellschaft zusammenbringt, durch die im Alltag ein Riss geht. Foto: rtr

Im Jahr 1996 kam es zu einem folgenschweren Freundschaftsbruch, der sich als symptomatisch und wegweisend für die nächsten zwanzig Jahre in der polnischen Gesellschaft erweisen sollte. Der Exilschriftsteller Gustaw Herling-Grudzinski (1919 – 2000), der in seiner Wahlheimat Neapel bis zu seinem Tode gelebt hatte, und der zweite große Emigrant, Jerzy Giedroyc, der berühmte polnische Kultura-Verleger aus Paris, trennten sich nach mehr als vierzig Jahren.

Herling-Grudzinski, der Autor von „Inny swiat“ (deutsch: Welt ohne Erbarmen), worin er seine Gulag-Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg beschreibt, konnte seinem Pariser Freund und Verleger nicht verzeihen, dass jener nach 1989 mit den ehemaligen Kommunisten wie zum Beispiel mit Aleksander Kwasniewski, der zwischen 1995 und 2005 Staatspräsident der sogenannten III. Republik Polen gewesen war, Frieden geschlossen hatte. Am empfindlichsten fühlte sich aber Herling-Grudzinski dort getroffen, wo jeder Schriftsteller verwundbar ist: Der Kultura-Verleger hatte nämlich sein neues Manuskript zensiert. Es ging um Herling-Grudzinskis Fortsetzung seiner berühmten italienischen Aufzeichnungen: „Tagebuch bei Nacht geschrieben“. Darin entwickelte der Emigrant aus Neapel an einer Stelle eine Art „Dekalog“ der politischen Fehler Polens nach 1989, der Giedroyc eben nicht gefiel. Aber worum ging es dem Autor in seinem „Dekalog“?

Herling-Grudzinski war Antikommunist, und seine Haltung entsprach der des Sokrates: Er war ein Mann mit Prinzipien. Schließlich hatte er im Gulag einen moralischen Auftrag von seinen Mithäftlingen bekommen: Sollte er die Gefangenschaft überleben, baten sie ihn, „die ganze Wahrheit“ aufzuschreiben. Das tat er lange vor Solschenizyn. 1951 kam sein herausragender Lagerbericht „Welt ohne Erbarmen“ zunächst in London heraus, übersetzt aus dem Polnischen, die deutsche Übersetzung folgte dann 1953, im selben Jahr das polnische Original ebenso in England.

Das Paktieren mit den Exkommunisten nach der Wende, die im Polnischen als „Transformation“ bezeichnet wird, kam für diesen Autor nicht in Frage. Und da nach dem besagten Bruch der „Dekalog“ aus seinem „Italienischen Tagebuch“ plötzlich heimatlos wurde, machte sich der Exilant aus Neapel auf die Suche nach einem neuen Verlag, und er wurde bei Rzeczpospolita (Die Republik), heute der zweitgrößten Tageszeitung in Polen, mit offenen Armen empfangen.

Seine Haltung zum Umgang mit dem kommunistischen Erbe war unmissverständlich, und so schreibt er in seinem letzten Buch „Der kürzeste Führer durch meine eigene Person“ von 2000: „Als Soldat wurde ich in Italien Zeuge des Zusammenbruchs des Faschismus. Die Italiener führten die Phase sogenannter Épuration (französisch für „Säuberung“, d. Red.) ein, die den Übergang vom Faschismus in ein neues politisches demokratisches System markierte, und ich war überzeugt, dass etwas Ähnliches in Polen geschehen müsse. Viele Schwierigkeiten, die es heute in Polen gibt, bestehen darin, dass man dies nicht gemacht hat. Die Polen haben ihre Épuration ganz einfach übergangen, und erst jetzt spricht man von der Notwendigkeit der Dekommunisierung und Lustration (der Entfernung von politisch belasteten Mitarbeitern, die Red.), doch solche Dinge führt man unverzüglich durch.“

In der Tat haben die Polen es versäumt, eine Épuration, wie einer ihrer besten Essayisten schreibt, durchzuführen, obwohl es dafür nach 1990 einige gute Chancen gegeben hatte, vor allem 1992, als die Regierung von Jan Olszewski und dessen Innenminister Antoni Macierewicz den umstrittenen „Lustrationsbeschluss“ erließen: Herling-Grudzinskis Wunsch nach der unverzüglichen „Dekommunisierung“ hatte man zu der Zeit zwar immer noch nicht erfüllt, aber mit dem Beschluss, prominente Politiker zu durchleuchten, war zumindest der erste Schritt zu einer möglichen Épuration gemacht worden. Doch es kam wieder einmal alles anders, als man gedacht hatte.

Macierewicz veröffentlichte eine Liste mit Namen hochrangiger Staatsbeamter und Politiker, die angeblich mit dem Staatssicherheitsdienst zusammengearbeitet hätten, dem Ministerpräsidenten Jan Olszewski wurde allerdings wegen seines Protests gegen die Idee der Übernahme von ehemaligen sowjetischen Basen in Polen durch polnisch-russische Konsortien ein Misstrauensvotum ausgesprochen, und er musste zurücktreten. Und auf der ominösen Liste von Macierewicz befanden sich in der Tat einige illustre Namen, zum Beispiel derjenige von Lech Walesa, dem Solidarnosc-Helden, Friedensnobelpreisträger und damaligen Staatspräsidenten.

Dass Gustaw Herling-Grudzinski, ein Soldat, der bei Monte Cassino gegen die Nazis gekämpft hatte, bei „Rzeczpospolita“ mit offenen Armen empfangen wurde, ist leicht zu verstehen. Diese Zeitung steht in der Opposition zu „Gazeta Wyborcza“, der größten polnischen Tageszeitung, deren Chefredakteur ja Adam Mi-chnik ist, der ehemalige Dissident und Oppositioneller im Sozialismus. Bei beiden Zeitungen stoßen nämlich zwei Welten aufeinander: „Rzeczpospolita“, ein liberal-konservatives Blatt, meint, für das unverfälschte und dekommunisierte Polen zu kämpfen, während „Gazeta Wyborcza“, eine Schöpfung des „Runden Tisches“ von 1989, liberal mit linkem Impetus und antipopulistisch aufzutreten pflegt. Der Chefredakteur Michnik, der ein hervorragender Essayist ist, wird von seinen Gegnern oft als der Hauptverhinderer der Dekommunisierung kritisiert.

1992 begann also der Riss, der heute quer durch die polnische Gesellschaft geht und viele Familien teilt: Der Onkel ist zum Beispiel ein Patriot und Antikommunist, und sein Neffe hat sich vor Kurzem als Homosexueller geoutet und will aus seinen liberalen Ansichten und Sympathien für eine schnellere Säkularisierung im Land kein Geheimnis mehr machen: Er muss sich deshalb radikalisieren, und schon kommt es zum Krach mit seinem Onkel.

Es ist nun auch kein Wunder, dass es 2001 zu der Entstehung der rechtskonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwosc, kurz: PiS) kam, schließlich wollten manche Politiker mit ehemaligen Agenten und Kommunisten nichts mehr zu tun haben. Und als 2008 die beiden Historiker Slawomir Cenckiewicz und Piotr Gontarczyk ein Buch über Lech Walesas angebliche Zusammenarbeit mit dem Staatssicherheitsdienst veröffentlichten, ging dieser Riss weiter und tiefer quer durchs Land. Bolek solle das Pseudonym Walesas in den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts gewesen sein. Nach dieser Veröffentlichung folgten in den Medien diverse Gegenmaßnahmen, die der ehemalige Staatspräsident ergriff, um zu beweisen, dass er eine weiße Weste habe. Außerdem fühlte er sich von den Zwillingen Jaroslaw und Lech Kaczynski, seinen einstigen Lieblingen und den Erfindern der PiS-Partei, verraten, da sie rasch zu seinen Gegnern wurden.

Ein ganz anderer Riss entstand in den polnischen Familien durch die seit 1989 im Eiltempo fortschreitende Säkularisierung der postkommunistischen Gesellschaft an der Weichsel. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus hatte die katholische Kirche keinen Feind mehr und musste sozusagen zu ihren alten Aufgaben zurückkehren. Das fiel ihr schwer, und nun galt es, sich politisch neu zu definieren. Die nationalkonservativen Kräfte innerhalb des Klerus orientierten sich natürlich in eine ähnliche Richtung wie die Gebrüder Kaczynski und später ihre rechtskonservative Partei PiS, und dieser Flügel der Kirche, der schon immer geschäftstüchtig war, verstand es auch gut, die Medien für sich ideologisch und merkantil zu nutzen: das Radio und Fernsehen.

Doch allmählich kristallisierte sich für die Kirche ein neues Feindbild heraus: der säkularisierte Pole, der liberal, atheistisch und westorientiert war. Dieser neue Typus las „Gazeta Wyborcza“ und wollte mit den irrationalen, hyperpatriotischen und messianisch veranlagten Beschützern des Vaterlandes und der polnischen Muttergottes Maria nichts zu tun haben. Andere Geistliche, wie zum Beispiel Adam Boniecki, konzentrierten sich dagegen auf theologische, ethische und ökumenische Fragen und schrieben weiterhin ihre intellektuellen und an die offene Gesellschaft gerichteten Essays, u. a. für die angesehene katholische Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“. Aber selbst in der Kirche kam es zu einer Spaltung: Auf der einen Seite fanden sich die Patrioten, Träger der Wahrheit und Vertreter der römisch-katholisch-nationalen Eschatologie mit urpolnischen Devotionalien, auf der anderen standen die intellektuellen und kritischen Priester, die im geschriebenen Wort nach einem intimen und geistig-geistlichen Zugang zu den Gläubigen suchten.

Und ein absolutes Tabuthema ist bis heute die Dekommunisierung solcher katholischer Priester, die für den Staatssicherheitsdienst als Agenten oder Informanten gearbeitet haben sollen, obwohl es zu dieser heiklen Geschichte einige provozierende Veröffentlichungen gibt, zum Beispiel aus der Feder des Pfarrers Tadeusz Isakowicz-Zaleski, also ausgerechnet aus den eigenen Reihen.

Doch der eigentliche und schmerzlichste Riss entstand am 10. April 2010, als bei Smolensk die Präsidentenmaschine mit 96 Menschen an Bord abstürzte: Ein großer Teil der politischen Elite Polens war plötzlich ausgelöscht worden. Von da an schien es für viele Polen klar zu sein, wer auf welcher Seite stünde, zumal einige Staatsbeamte, die bei der Smolensker Flugzeugkatastrophe den Tod gefunden hatten, Verfechter der Dekommunisierung gewesen waren. Nach diesem tragischen Datum wurden zahlreiche Verschwörungstheorien in die Welt gesetzt; plötzlich entpuppten sich die „Gespräche am Runden Tisch“ von 1989, die zu den ersten freien Wahlen im selben Jahr geführt hatten, für nationalkonservative Beschützer des Vaterlandes als eine Farce. Man sprach nur noch davon, dass sich ehemalige Oppositionelle mit den Exkommunisten damals nur deshalb zusammengetan hätten, um die Machtverhältnisse im postkommunistischen Polen neu zu gestalten – zu ihrem Vorteil natürlich.

Der ehemalige Ministerpräsident Donald Tusk und der tragisch umgekommene Staatspräsident Lech Kaczynski standen nach diesem „Smolensker Verschwörungsmuster“ auf einmal symbolisch für zwei verschiedene polnische „Heimaten“ und Weltanschauungen: Tusk für den Verrat und Kaczynski für das wahre freie Polen, das keine Marionette Russlands und anderer Großmächte sein wolle.

Dieser schmerzliche Riss quer durch die polnische Gesellschaft ist so gut wie in allen Familien zu finden. Rationale und dem Atheismus verpflichtete Ansichten werden genauso stark vertreten und verteidigt wie die patriotischen und rechtskonservativen, und überall ist dieser ideologische Kampf in der Gesellschaft Polens zu sehen.

Der Westen hatte für die Säkularisierung und Herausbildung einer offenen Gesellschaft alle Zeit der Welt gehabt – Polen nicht, und man sollte als Zaungast über die dynamischen Prozesse und Neuorientierungen in diesem Land nicht übereilt urteilen. Besorgniserregend ist jedoch die Tatsache, dass viele Bürger unter den Kämpfen der beiden Anschauungen und Weltmodelle leiden müssen, insbesondere in den sozial schwächeren Schichten Polens: Malkontente Meinungen über die Regierung gehören nämlich dort zum Alltag, ebenso die Resignation und Angst vor der Zukunft.

Gustaw Herling-Grudzinski hatte recht: Das kommunistische Erbe ist für sein Land ein wenig zum Verhängnis geworden. Die Frage muss jetzt natürlich lauten, was Giedroyc von dem Übergang aus dem Sozialismus in ein demokratisches System in seiner Heimat gehalten habe? Der Verleger aus Paris war der Meinung, dass es keine andere Wahl gäbe, als mit der kommunistischen Vergangenheit zu leben, mit den Schatten dieses Systems.

Er drückte Kwasniewski zur Versöhnung die Hand und war glücklich, dass ein Regime zu Ende gegangen war. In gewisser Hinsicht hatte Giedroyc mit seinem friedlichen Entgegenkommen gegenüber den Exkommunisten auch recht. Denn man kann froh und glücklich darüber sein, dass es nach der Wende in polnischen Städten nicht zum Blutvergießen kam: zur Selbstjustiz, was fatale Folgen gehabt hätte.

Seit 1989 hängt Polen nun aber ein wenig in der Luft, denn man hat den Kommunisten weder vergeben noch sie verurteilt. Und nun ist es für Gerichtsprozesse zu spät geworden. Es hat keinen Sinn mehr, alte, kranke und dem Tod geweihte Männer ins Gefängnis zu stecken oder einstige Helden und erfolgreiche Geschäftsleute mit fragwürdiger Vergangenheit in den Medien zu kreuzigen (im Übrigen scheint der Ostrazismus in Europa eine Modekrankheit zu werden, wenn man bedenkt, wie populistische Printmedien mit gefallenen Engeln aus der Politik umgehen und ihren Fall sensationssüchtig fördern), und diejenigen Polen, die in den Achtzigern und Neunzigern geboren wurden, besitzen kein kollektives Gedächtnis der sozialistischen Zeit mehr, sie stehen vor den Träumen und Problemen der Globalisierung und des 21. Jahrhunderts ganz alleine da.

So einfach kann Geschichte sein: und gleichzeitig so grausam lehrreich.

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