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Philosophie Wirklichkeit Von der Idee einer Welterklärung

Was ist der Unterschied zwischen einem Satz über einen Gegenstand und dem Gegenstand selbst? Ein Gespräch mit dem Philosophen Markus Gabriel, der auf der phil.Cologne auftritt

Woraus besteht ein Tisch, also auch ein Billardtisch? Aus Elementarteilchen? Natürlich, alles besteht aus Elementarteilchen. Aber kann man es so ausdrücken? Denn Teilchen sind nicht real, sondern Modelle. Foto: REUTERS

Herr Gabriel, Sie widmen sich auf der phil.Cologne gemeinsam mit Ranga Yogeshwar der Frage, was man braucht, um die Welt zu erklären. Aber wie soll das möglich sein, wenn es die Welt, wie Sie es in Ihrem Buch erklären, gar nicht gibt?
Ganz genau. In der Idee einer Welterklärung liegt schon ein Fehler. Wir müssen das Ganze von vorneherein umerklären und sagen, worum es eigentlich gehen soll, wenn wir nach einer Welterklärung fragen. Worum es meines Erachtens darin gehen soll, ist lediglich die Frage, welche Sätze wahr sind. Wir denken immer, dass bestimmte Sätze viel wahrer sind als andere. Wir würden denken, es ist doch wahr, dass ein Blitz ein physikalisches und elektromagnetisches Phänomen ist und nicht irgendetwas, das Zeus gesendet hat. Das ist die Idee der Welterklärung, dass wir bestimmte Sätze privilegieren und dabei tendenziell solche, die naturwissenschaftlich belegbar sind. Und das halte ich für einen Fehler, die Idee, dass es im allgemeinen bestimmte Sätze gibt, die wahrer sind als andere.

Die Tradition der Philosophie sieht es etwas anders. Dort wird gesagt, dass erstens Sätze von sich aus einleuchten und dadurch wahrer sind als andere und zweitens aus ihnen dann Folgerungen gezogen werden. Beides würden Sie zurückweisen. Worauf stützt sich die Evidenz Ihrer Aussagen?
Meine Evidenz stützt sich darauf, dass die Philosophie eine Wissenschaft ist, die untersucht, auf welche Weise bestimmte Begriffe zusammenhängen. Das heißt, wenn ich einen bestimmten philosophischen Satz begründe, frage ich mich, woraus dieser Satz folgt und was aus diesem Satz selbst wiederum folgt und was das für die Philosophie bedeutet. Die Philosophie experimentiert also mit Folgerungsbeziehungen von Sätzen und behauptet nichts weiter, außer dass diese Folgerungsbeziehungen bestehen.

Das philosophische Geschehen spielt sich nur unter Sätzen ab? Wie kommt man da raus zur Wirklichkeit?
Wir kommen deswegen heraus, weil wir unsere Sätze immer wieder in dem verankern können, was die Phänomenologen unsere Lebenswelt nennen. Also in demjenigen, was eigentlich nicht bestritten werden sollte. Natürlich kann man alles bestreiten, es gibt immer ein Bestreitungsmanöver. Aber wir wollen nicht bestreiten, dass man etwa Kinder nicht töten sollte oder dass Bonn nördlich von Koblenz liegt und es manchmal regnet. Wir müssen unsere theoretischen Folgerungsbeziehungen verankern dürfen in Sätzen, die wir normalerweise nicht bestreiten würden – außer wir sind wahnsinnig oder betreiben gerade eine bestimmte Form von Wissenschaft. Wenn wir abgedreht sind, glauben wir, dass die Wirklichkeit fundamental aus Strings besteht oder das Universum ein mathematisches Hologramm ist.

Dann werden ja doch gewisse Sätze privilegiert.
Ja, aber die Privilegierung dieser Sätze ist eher pragmatisch notwendig. Wir müssen sie privilegieren, weil wir gar nicht anders können. Unser Ausgangspunkt sind immer nur wir selbst. Es ist der Standpunkt von Wesen, denen es letztlich immer nur um Gewaltvermeidung geht. Letztlich gibt es in meiner Konzeption immer einen ethischen Impuls, selbst in der theoretischen Philosophie: Gewaltvermeidung.

Wir wollen ein bisschen philosophieren und Leser, die sich noch nicht hiermit auskennen, in diese Welt mitnehmen und daher fragen, was alles existiert. Dinge existieren, aber auch die Sätze, über die wir gesprochen haben? Existieren Sätze in der Welt genauso wie wir als leiblich verfasste Wesen?
Ja, das würde ich unbedingt sagen. Wir als Phänotypen einer bestimmten biologischen Spezies homo sapiens sind etwas, was in unserer Lebenswelt nur unter anderem existiert. Ich glaube, dass objektiv bestehende Tatsachen die Form von Sätzen haben. Im Grunde genommen bewegen wir uns in einem objektiv existierenden Raum von Sätzen und sind nicht nur leibliche Wesen in der Raumzeit.

Was ist aber dann der Unterschied zwischen einem Satz über einen Gegenstand und dem Gegenstand selbst?
Das ist nur ein funktionaler Unterschied. Denn wir können ja auch Sätze über Sätze formulieren. Sätze befassen sich nicht nur mit Gegenständen, die keine Sätze sind, das ist nur eine Klasse von Sätzen. Manche Sätze sagen: Es regnet. Oder: Die Katze sitzt auf der Matratze. Andere Sätze sagen: Der Satz, dass die Katze auf der Matratze sitzt, ist wahr. Dass Sätze über Gegenstände sprechen, die keine Sätze sind, ist eigentlich ohne jede Bedeutung.

Etwas konkreter, bitte!
Man denkt immer, das sei so wichtig, weil wir doch die Wirklichkeit besprechen. Und man denkt, die Wirklichkeit bestehe nur aus Gegenständen da draußen und nun kommen diese Sätze und versuchen, diese Gegenstände abzuspiegeln. Das halte ich deswegen schon für verfehlt, weil es unterstellt, dass unsere Sätze nicht da draußen sind. Und das ist der erste große Irrtum, den man vermeiden sollte.

Die Auffassung, dass nur Gegenstände und ihre Eigenschaften „da draußen“ an sich existieren, kann man als Metaphysik bezeichnen. Sind Sie ein Metaphysik-Feind?
Ich bin ein Metaphysik-Kritiker. Wenn man Metaphysik kritisiert, heißt das oft, wir stecken in unseren menschlichen Bezügen fest und können die Wirklichkeit an sich nicht erkennen. Auf diese Weise würde ich Metaphysik nicht kritisieren. Ich würde sagen, die Idee der Wirklichkeit an sich ist leer. Da ist an der Stelle nichts. Das heißt aber nicht, dass wir an dieser Stelle in unserer Gedankenwelt eingeschlossen wären. Wir sind schon da draußen. Aber sind wir so, wie unsere wahren Sätze es aussagen.

Kant sagt, es muss etwas Dawider sein, damit wir unsere Vorstellungen nicht aufs Geratewohl miteinander kombinieren.
Was Dawider ist, kann ich Ihnen sagen: Mein Stift, mein Schreibtisch, das Glas Wasser darauf. Kant würde sagen, das Dawider, die Gegenstände, die Dinge an sich, können wir nicht benennen, sondern nur die Art und Weise, wie sie uns affizieren. Kant hat so eine merkwürdige pseudo-naturwissenschaftliche Vorstellung davon, wie diese Affektion vonstatten geht. Ich würde sagen, dass es verschiedene Ebenen gibt. Wenn ich auf das Glas blicke, kann ich es durch die quantenmechanischen Vorgänge, die eine Rolle in der Wahrnehmung spielen, wodurch ein Prozess in meinem visuellen Kortex ausgelöst wird. Am Ende steht das Bild eines Glases vor mir. Die andere Beschreibung ist einfach, dass da vorne ein Glas steht. Beide Beschreibungen sind wahr. Man kann nicht sagen, die Erklärung von Kräften, Photonen und visuellen Kortizes seien profunder als die Erklärung, dass da vorne ein Glas steht.

Sie lehren den sogenannten Neuen Realismus. Was ist das?
Kant würde mich als transzendentalen Realisten bezeichnen. Ich definiere in meinem Buch „Warum es die Welt nicht gibt“ den Neuen Realismus als die These, dass wir Dinge an sich und Tatsachen an sich erkennen können. Und dass zweitens Dinge an sich und Tatsachen an sich nicht zu einem einzigen Bereich gehören, dass es also viele Bereiche von Dingen und Tatsachen an sich gibt. Empirischer Realist bin ich sowieso, das ist jeder.

Wenn Sie ein transzendentaler Realist sind, philosophieren Sie bestimmt auch über transzendente Realitäten, etwa Gott, Freiheit oder Unsterblichkeit – oder?
Freiheit halte ich in meinem neuen im Herbst erscheinenden Buch „Ich ist nicht Gehirn“ für ganz unproblematisch und nicht transzendent. Erstens ist kein Determinismus wahr und zwar bin ich jemand, der glaubt, dass auch im Falle, wenn alles durchgängig bestimmt wäre, die Freiheit nicht bedroht wäre.

Und das allerhöchste Wesen?
Das ist ein anderer Fall. Bei Gott, darauf hat Hegel schon insistiert, will man zunächst wissen, was das Wort bedeutet. Also, was fragt man sich eigentlich, wenn man sich fragt, ob es Gott gibt. Wenn man sich fragt, ob es jemanden gibt, der so eine Art geistige Finger hat und damit im Universum herumrührt, so dass Zellen lebendig werden oder der Big Bang, der Urknall ausgelöst wird, dann würde ich sagen, dass es so jemanden nicht gibt. Das scheint ganz offensichtlich und das wissen wir auch. Wenn man aber unter Gott etwas anderes versteht, was eine gute Theologie oder theologisch inspirierte Philosophen vorstellt, dann kann man darüber noch reden. Wenn man unter Gott wie Fichte nur die moralische Weltordnung versteht, also das Gefühl, dass unsere moralischen Begriffe objektiv sind, dann gibt es Gott.

Das sind wichtige philosophische Gegenstände. Die Faszination an der Philosophie bestand seit jeher darin, dass sie über eine Art Sonderwissen verfügt. Kann die Philosophie, können Sie als Philosoph noch mit der Physik konkurrieren in der Aufklärung der Welt?
Philosophie ist eine unter vielen Wissenschaften. Sie ist eine Wissenschaft, in der es um bestimmte Begriffe geht auf eine bestimmte Weise. Die Physik verzettelt sich wie alle anderen Wissenschaften auch häufig in begrifflicher Verwirrung. In dem Fall kommt der Philosoph und weist darauf hin, was die begrifflichen Verwirrungen sind.

Zum Beispiel?
Es gibt eine tiefe Verwirrung über gewisse Begriffe in der Physik. Immer wenn ich mit Physikern spreche und sie frage, ob Tische aus Elementarteilchen bestehen, bekomme ich unterschiedliche Antworten. Einer könnte mir antworten: Natürlich, alles besteht aus Elementarteilchen. Andere sagen aber, so könne man sich nicht ausdrücken, denn dann müsste man auch berechnen können, wie Tische aus Elementarteilchen bestehen. Das geht aber wegen der Komplexität nicht. Andere wiederum sagen, Teilchen sind nicht real, sondern Modelle, etwa das eines Elektrons. Ein Modell von etwas, das wir gar nicht direkt erkennen können. Meines Erachtens weiß die Physik genauso wenig wie die Germanistik oder Soziologie, was sie eigentlich macht. Ich glaube daher nicht, dass die Physik so toll und zentral ist, wie wir uns das immer vorstellen, auch wenn sie eine großartige Wissenschaft ist.

Andererseits erwarten wir von der Philosophie Klarheit und Richtungsvorgabe in einer Welt, die immer komplizierter zu werden scheint. Was ist gerecht? Wie sollen wir leben? Wann beginnt menschliches Leben? Was ist Würde? Darauf erhoffen wir uns Antworten.
Wir erhalten Antworten aus der Philosophie nur dadurch, dass sie uns zur Klarheit verhilft. Die Philosophie gibt keine Antworten. Man kann soviel Philosophie betreiben, wie man will, man wird jedoch nie eine Antwort auf die Frage erhalten, wann das menschliche Leben anfängt. Das hängt in diesem konkreten Fall damit zusammen, dass unsere Begriffe nicht festgelegt sind. Als wir anfingen, über das menschliche Leben zu reden, wussten wir nicht, dass es überhaupt Zellen gibt. Unser Vokabular trifft nicht darauf zu. Das Umsortieren unseres Vokabulars kann man von der Philosophie lernen. Der Optimismus der Philosophie besteht darin, dass, wenn man darauf setzt, dass alle vernünftig sind, die über einen Gegenstand sprechen, man auch herausfindet, wie die Dinge liegen. Wir können als Philosophen nur das Unvernünftige vom Vernünftigen trennen.

Ist das nicht etwas wenig? Fehlt den Philosophen und auch Ihnen der Mut, so zu philosophieren wie Ihre philosophischen Ahnen im 16., 17. oder 18. Jahrhundert, das heißt konkrete Antworten zu geben?
Ich glaube, dass dort, wo die Philosophie konkret geworden ist, Verwirrung und Unsinn gestiftet wurde. Descartes hat Unsinn bei der Frage geschaffen, wie sich der Geist aufs Gehirn bezieht, irgendwo muss der doch das Gehirn anstoßen. So haben wir also als Problem: die Neurowissenschaft. Sie erklärt uns, dass das Gehirn uns hin und her schubst, ohne dass wir in unserem Tun frei wären. Die ganze Diskussion haben wir nur, weil Descartes meinte, inhaltlich werden zu müssen. Im deutschen Idealismus haben die Denker den Mund ziemlich voll genommen, indem sie inhaltlich werden wollten. Ich meine Fichte, Schelling und Hegel. Man kriegte eine totale Begründung des Nationalismus und Chauvinismus geboten. Wenn Hegel inhaltlich wird, dann sagt er: Inder können nicht denken, weil die Frauen dort zu schön sind. Ganz zu schweigen von Schopenhauer, Nietzsche oder Marx. Ich glaube, da bin ich eher in der sokratischen Linie der Philosophie. Ich verrate also nicht meine Ahnen, denn Sokrates sagt auch, wir sollen erst einmal hinschauen. Das ist die richtige Form des Antwortens für einen Philosophen.

Interview: Michael Hesse

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