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Philosophie „Schach spielen ist keine Philosophie“

Die Philosophin Agnes Heller über den Sinn des guten Lebens, Karl Marx und gefährliche Philosophie.

Agnes Heller
„Marx war gefährlich, aber nicht gefährlicher als Platon, Aristoteles, Spinoza oder Hegel.“: Die Philosophin Agnes Heller. Foto: dpa

Frau Heller, was hat die Philosophie den Menschen heute noch zu bieten? Viele haben ihren Kompass für das Leben verloren und suchen nach Orientierung.
Philosophie bietet immer dasselbe an: Sinn. Den Sinn des guten Lebens hat die Philosophie seit Sokrates bis zum heutigen Tag angeboten. Aber die Philosophie gibt keinen konkreten Plan für Handlungen und für das Verständnis der konkreten gegenwärtigen Lage. Deshalb sagt man, die Philosophie ist abstrakt. Das Abstrakte bedeutet, dass die Philosophie nicht an eine konkrete Lage gebunden ist, obwohl Hegel sagte, Philosophie ist unsere Zeit in Begriffen gefasst. Aber in unserer Zeit gibt es viele konkrete Probleme. In ihr kann man ganz Verschiedenes in Begriffe fassen. Nietzsche sagte etwas anderes, er sagte, Philosophie ist wesentlich Autobiographie. Beide haben Recht. Philosophen haben verschiedene Biographien, aber Philosophen, die in derselben Zeit leben werden dieselbe Zeit in Begriffen ausdrücken und auffassen, obwohl in verschiedener Weise, weil sie verschiedene Lebenserfahrungen haben.

Gibt es Philosophen, die unsere Zeit in Gedanken fassen können, ist das überhaupt zu leisten?
Es ist die Frage, ob Philosophie überhaupt existiert, das ist die Frage. Es gibt keine Philosophie außer der, die unsere Zeit in Gedanken fasst. Die Frage ist, ob heute noch Philosophie existiert. Sie befindet sich in einer Krisensituation, anders als unsere Welt. Die verschiedenen Tendenzen der Philosophie erkennen einander nicht als Philosophie an. In alten Zeiten, auch im 19. und 20. Jahrhundert gab es unterschiedliche nationale Philosophien, die englische, die deutsche, die italienische, aber die Philosophen haben einander verstanden, miteinander polemisiert. Doch wenn sie miteinander polemisieren, ist das eine Anerkennung der anderen Philosophie. Die anderen kritisieren, verwerfen Theorien, das gab es von Anbeginn an. Heute ist es so, dass es auf der einen Seite die analytische Philosophie gibt, die amerikanisch geprägt ist, wenngleich nicht nur, sondern die mittlerweile auch in Europa verbreitet ist. Sie hat sich die Aufgabe des Rätsellösens gestellt. Aber Rätsel zu lösen, ist eben nicht unsere Zeit in Gedanken gefasst. Auf der anderen Seite haben kontinentale Philosophen unsere Zeit nicht in Begriffe gefasst, weil dies antiquiert ist. Das ist auch in Deutschland so. Wenn es um ein Problem geht, dann geben Philosophen nicht ihre eigene Antwort auf die Probleme, sondern zitieren andere Philosophen, die über das Problem etwas gesagt haben, darüber nachgedacht haben. Sie werden zitiert und auch andere Philosophen, die über diese Philosophen nachgedacht haben.

Fußnote auf Fußnote?
Eine wirkliche Philosophie braucht gar keine Fußnote. Der Philosoph denkt. Er denkt darüber nach, was das Wesen der Frage ist, wie sie zu beantworten ist, das heißt, die Welt in Begriffen zu erfassen. Wenn man so viele Fußnoten hat, ist das immer verdächtig. Schon eine Fußnote ist philosophisch verdächtig. Diese zwei Arten der Philosophie, die herkömmliche  und die analytische, haben miteinander nichts zu tun. Sie erkennen einander nicht an, sie kritisieren sich nicht, sie existieren nicht füreinander. Das ist eine neue Situation in der Philosophie. Noch gibt es einige Denker, die die Zeit in Gedanken erfassen. Aber sie sind nicht zentral in der heutigen Philosophie. Es gibt sie, wie Jürgen Habermas. Andere sind schon gestorben. Das 20. Jahrhundert war ein großes Zeitalter für diese Art von Philosophie, Heidegger, Wittgenstein, Foucault, Derrida. Wer von ihnen hat eine Fußnote geschrieben? Überhaupt keiner. Sie waren bedeutend.

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