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Philosophie Geschichte wird gemacht

Die Französische Revolution entthronte vor mehr als 200 Jahren auch die Vorstellung vom unentrinnbaren Schicksal und göttlicher Vorsehung. Damit begann auch ein Streit: Wer macht seither Geschichte?

26.03.2017 16:07
Matthias Hoesch
Erstürmung der Bastille
Im westfranzösischen Lavaré wird die Erstürmung der Bastille gefeiert. Zuletzt wird der Pappe-Nachbau in Flammen aufgehen. Foto: afp

Unsere Zukunft erscheint in vielerlei Hinsicht als unsicher. Ungelöste Probleme in Konfliktgebieten, der rasante Bedeutungsgewinn des Populismus in der ganzen Welt oder langfristig die drohende Klimakatastrophe sind nur einige unter vielen Ursachen für unseren Argwohn gegenüber dem, was auf uns zukommt. Welchen Lauf die Geschichte der Menschheit nehmen wird und wie man ihn bestmöglich beeinflussen kann, ist offen.

Was genau aber hieße es, den Lauf der Geschichte bewusst zu gestalten? Und inwieweit kann das überhaupt möglich sein? Haben wir nicht zuweilen den Eindruck, dass die Geschichte von ihren eigenen Gesetzen bestimmt wird, die wir allenfalls rückblickend verstehen können? Werden die verschiedenen globalen Systeme – etwa das Finanzsystem oder das System internationaler Machtpolitik – nicht durch bestimmte Handlungslogiken determiniert, die einer sinnvollen Gestaltung der Geschichte gerade entgegenstehen? Ist es vielleicht sogar gefährlich, wenn Einzelne sich vornehmen, geschichtsträchtige Entscheidungen zu fällen?

Zum Verständnis dieser Fragen kann ein Rückblick hilfreich sein, also ein Blick in die Geschichte der Geschichtsvorstellungen. Ein erstes Ergebnis ist angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der wir heute über die Geschichte reden, erstaunlich: Dass Geschichte etwas Menschengemachtes ist und nicht nur erlittenes Schicksal, diese Vorstellung ist nämlich gerade erst 250 Jahre alt. Übersieht man das überlieferte Material, anhand dessen Wissenschaftler das Geschichtsverständnis verschiedener Zeiten zu rekonstruieren versuchen – also Textzeugnisse von Philosophen, Dichtern und Politkern –, so zeigt sich, dass die vorangegangenen zweieinhalb Jahrtausende europäischer Geistesgeschichte von zwei ganz anderen Vorstellungen dominiert werden.

Nach dem zyklischen Modell, das insbesondere mit dem antiken Griechenland verbunden wird, gibt es keine echten Veränderungen in der Geschichte. Unter immer gleichen Rahmenbedingungen laufen strukturell immer die gleichen Ereignisse ab, nur in wechselnden Kombinationen. Was neu entsteht, ist mit Sicherheit dem Verfall gewidmet und macht Raum für Ähnliches, was selbst wiederum bald wieder verschwinden wird.

Erst in der christlichen Theologie der Spätantike entwickelt sich die Vorstellung, dass sich verschiedene Phasen der Geschichte fundamental unterscheiden, dass Geschichte also „fortschreitet“ und nicht in der ewigen Wiederholung gleichartiger Kreisläufe besteht. Im christlichen Modell ist Geschichte von der göttlichen Vorsehung auf ein festes Ziel ausgerichtet, und Menschen können den Lauf der Geschichte nicht selber ändern, sondern sie handeln immer im Rahmen der vorgesehenen Bahnen. Höchstens rückblickend lässt sich verstehen, in welcher Weise ein Ereignis dem göttlichen Heilsplan dient – solche Deutungsmuster finden wir etwa beim Kirchenlehrer Augustinus (354 bis 430). Die Geschichte ist das von der Vorsehung bestimmte Schicksal, das den Menschen zustößt, wie auch immer sie ihm zu entkommen versuchen.

In der Forschung gehen viele davon aus, dass solche Geschichtsvorstellungen das Bewusstsein und damit auch das Verhalten der Menschen stark prägen. Menschen handeln anders, wenn sie es nicht für möglich halten, dass ihre Handlungen den Lauf der Geschichte beeinflussen. Kurz gesagt: Wer Geschichte nicht für gestaltbar hält, der kann Geschichte auch nicht gestalten. Andersherum prägen historische Erfahrungen die Geschichtsvorstellungen. Solange Menschen die Erfahrung machen, dass Geschichte „mit den Menschen geschieht“, solange hält sich auch das geschichtstheologische Modell.

Schon deshalb liegt es nahe, die Zeit um die Französische Revolution genauer in den Blick zu nehmen: Dass das Volk sich in der Lage sieht, politisch aktiv zu werden, setzt möglicherweise eine Änderung im Geschichtsbild voraus, und die in der Revolution erlebte Wirkmächtigkeit lässt wiederum einen Nachhall in der theoretischen Wahrnehmung der Geschichte vermuten. Tatsächlich entsteht, wie der Historiker Reinhart Koselleck vor Jahren herausgearbeitet hat, die Formulierung, dass „der Mensch die Geschichte macht“, genau in dieser Zeit, und seit den 1790er Jahren ist sie schlagartig allgegenwärtig.

Die Philosophen Kant, Fichte, Schelling, Hegel und Marx beschäftigen sich mit dem Thema, um nur einige prominente Namen aus dem deutschsprachigen Raum zu nennen. Prägnant formuliert etwa Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775 bis 1854): „Dem Menschen aber ist seine Geschichte nicht vorgezeichnet, er kann und soll seine Geschichte selbst machen.“ Und der Publizist Wilhelm Schulz (1797 bis 1860) bemüht metaphorisch die Stereotypen seiner Zeit: Man könne das „Schicksal nicht bloß weiblich empfangen, sondern männlich erzeugen“.

Dass es zu dieser veränderten Haltung gegenüber der Geschichte kommen konnte, hat eine Reihe von Ursachen, die teils auf die Fortschritte in Wissenschaft und Technik, teils auf politische Bedingungen und teils auf den geistigen Prozess der Infragestellung der christlichen Lehre zurückgehen. Aber das neue Geschichtsbild ist zunächst nicht mit der Behauptung verbunden, Menschen hätten nun ihre Geschicke in der Hand. Im Gegenteil ergänzen die Geschichtstheorien der Aufklärung und der frühen Moderne die Machbarkeits-Idee durch die Vorstellung, dass hinter dem Rücken der Akteure eine übermenschliche Macht dafür sorgt, dass die dem Menschen vorbestimmte Bahn eingehalten wird. Immanuel Kant (1724 bis 1804) bezeichnet dieses Wirken hinter dem Rücken als „Naturabsicht“, bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 bis 1831) ist es die „List der Vernunft“, und bei Schelling sorgt ein philosophischer Gottesbegriff für den nötigen Rückhalt.

Warum dieser Rückgriff auf eine übermenschliche Macht? Grob gesagt, kämpfen alle Denker mit dem Kooperationsproblem, das politisches Handeln prägt: Zwar könnten alle Menschen gemeinsam Geschichte gestalten, aber solange sich die Einzelnen mit ihren divergierenden Plänen in die Quere kommen, kann niemandes Konzept aufgehen. Wenn daher Menschen überhaupt als gestaltende Akteure gedacht werden sollen, schließt Kant, dann nur als Zubringer für einen gesteuerten Gesamtstrom, weil nämlich „die Menschen mit ihren Entwürfen nur von den Teilen ausgehen, und aufs Ganze zwar ihre Ideen, aber nicht ihren Einfluss erstrecken können“.

Im 19. und 20. Jahrhundert gehen die Denklinien dann auseinander: Während eine kritische Richtung die Zukunftshoffnungen der Aufklärung verwirft und in der Geschichte vor allem Kontingenz und das Unverfügbare erblickt, wird die Gestaltbarkeitsidee von anderen umgedeutet in die Vorstellung, dass bestimmte Menschen oder bestimmte Völker Geschichte gestalten können und sollen. Hegels These, dass es „große Männer“ wie Cäsar und Napoleon sind, die Geschichte machen, wird teilweise verhängnisvoll umgedeutet. Die Gestaltbarkeitsidee gilt deshalb plötzlich als totalitäre Ideologie; sie wird als illiberales Gegenmodell zur „Sozialtechnik der kleinen Schritte“ der modernen westlichen Welt dargestellt. Durch diesen verengten Blick verliert sie zu Unrecht auch in der Forschung an Bedeutung.

Unsere Gegenwart steht sicherlich wieder unter veränderten Vorzeichen: Klimaschutz lässt sich nicht nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ erreichen. Migrationsströme verlangen nach koordiniertem und langfristigem globalem Handeln, der Kampf gegen Armut erfordert nachhaltige Reformen des Weltwirtschaftssystems. Wie die großen Probleme unserer Zeit bewältigt werden können, ist eine offene Frage. Zu Recht wehren wir uns aber gegen die Ansprüche Einzelner, auf der globalen politischen Bühne das Geschehen zu dominieren und Geschichte machen zu wollen; als allzu kurzsichtig erscheinen zugleich die populistischen Versuche, Zukunftsgestaltung ohne Rücksicht auf das globale Geschehen als bloße Bewahrung der eigenen Lebensweise zu interpretieren.

Der Blick in die Geschichte zeigt vor allem eines: Die Probleme unserer Zeit können jedenfalls nur dann produktiv bewältigt werden, wenn die beteiligten Akteure sich selbst als potenzielle Mitgestalter der Zukunft erleben und nicht nur als Bewahrer des Althergebrachten oder gar Erfüllungsgehilfen alternativloser Entscheidungen.

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