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Philosophie Das stark verzerrte Bild von der Philosophie

Thomas Grundmann, neuer Präsident der Gesellschaft für Analytische Philosophie, spricht im FR-Interview über Verständigungsschwierigkeiten und verzerrte Wahrnehmungen zwischen Philosophie und Öffentlichkeit.

Die Athener Philosophen-Schule: Das Fresko des Malers Raffael entstand von 1510/11 in den Stanzen des Vatikans. Hinten in der Mitte vor dem hellen Durchgang Platon (l.) und Aristoteles. Foto: imago/Leemage

Herr Grundmann, die analytische Philosophie hatte in Deutschland lange einen schweren Stand, woran lag das?
Ganz richtig. Das ist zunächst verblüffend, weil die Ursprünge der analytischen Philosophie ja im deutschsprachigen Raum liegen. Gottlob Frege, Ludwig Wittgenstein und Rudolf Carnap hatten den allergrößten Einfluss auf die spätere Entwicklung der analytischen Philosophie. Wichtige analytische Philosophen wie zum Beispiel Carnap und Hans Reichenbach sind jedoch während der Nazi-Herrschaft in die USA emigriert. Im Nachkriegsdeutschland war die hermeneutische Philosophie Gadamers und Heideggers dann über lange Zeit vorherrschend. Die frühe analytische Philosophie hatte sich zudem fast ausschließlich mit der Analyse der Sprache beschäftigt und damit wichtige Kernfragen der traditionellen Philosophie ausgeklammert. Das konnte natürlich nicht alle philosophischen Bedürfnisse zufriedenstellen.

Haben sich die deutschen Professoren zu lange nur mit der Philosophie von Platon bis Heidegger befasst?
Die Geschichte der Philosophie ist sicher ein wichtiger Teil der Philosophie. Vor allem dann, wenn sie in den Klassikern Argumente freilegt, die auch heute noch relevant sind. Aber es ist richtig, dass im Nachkriegsdeutschland an vielen Orten die Philosophiegeschichte lange mit der Philosophie einfach gleichgesetzt wurde. Ausnahmen waren Göttingen, Heidelberg und München. Die direkte Beschäftigung mit philosophischen Sachfragen geriet damit völlig aus dem Blick. Als ich vor gut zehn Jahren in Köln Professor wurde, rieb sich mancher die Augen, als ich sagte, dass ich weder über Aristoteles noch Kant forschen würde, sondern über Fragen wie „Was ist Wissen?“ oder „Kann man ohne Sinneserfahrung Wissen erwerben?“

Warum hat die analytische Philosophie nun an Attraktivität gewonnen?
Ich muss vielleicht voranschicken, dass sich die analytische Philosophie in den vergangenen dreißig Jahren stark verändert hat. Das alte Dogma, dass Philosophie ausschließlich in einer Analyse der Sprache und logischen Formalisierungen besteht, ist praktisch verschwunden. Und fast kein analytischer Philosoph glaubt heute noch, dass Wittgenstein Recht hatte, als er sagte, dass alle philosophischen Probleme auf sprachlichen Missverständnissen beruhen. Für das Selbstverständnis der analytischen Philosophie heute sind vor allem zwei Dinge wichtig: erstens die Orientierung an Sachfragen und zweitens ihre Wissenschaftlichkeit. Dazu gehört eine gewisse Arbeitsteilung, ein zum Teil hohes Maß an Spezialisierung und die Idee wissenschaftlichen Fortschritts. Die analytische Philosophie steht dafür, dass wir durch seriöse Methoden Antworten auf unsere philosophischen Grundfragen geben können, ohne einfach nur zu wiederholen oder immer an das anzuknüpfen, was die großen Philosophen der Vergangenheit dazu gesagt haben. Dass diese Einstellung attraktiv ist, sollte sich von selbst verstehen.

Es gibt wohl kaum einen Professor für Philosophie in Deutschland, der nicht auch grundlegende Kenntnisse der analytischen Philosophie haben dürfte. Wird so die alte kontinentaleuropäische Philosophie verdrängt?
Ich halte die sogenannte Kontroverse zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie für eine Gespensterdiskussion. Wenn man die analytische Philosophie richtig versteht, dann führt sie nur konsequent das weiter, was traditionelle kontinentaleuropäische Philosophen wie Descartes, Kant oder Husserl auch getan haben, nämlich sich auf wissenschaftliche Weise mit philosophischen Sachfragen auseinanderzusetzen. Dass diese Art des Philosophierens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem in England und den USA praktiziert wurde, ist mehr oder weniger zufällig.

In Freiburg entzündete sich ein Streit um den Lehrstuhl, auf dem Heidegger und Husserl saßen. Er sollte in eine Juniorprofessur für analytische Philosophie umgewidmet werden. Ist das Zeichen einer Angriffslust auf die lange Zeit dominante Philosophie in Deutschland in der Weise: So, jetzt kommen wir und zeigen, wo es langgeht?
Ich halte es für sehr unglücklich, dass es über die Strukturentwicklung des Freiburger Instituts eine breite öffentliche, zum Teil hysterisch geführte Debatte gegeben hat. Das ist zunächst einmal eine interne Angelegenheit der Freiburger Kollegen und Kolleginnen. Die Details kenne ich nicht. Man darf auf keinen Fall vergessen, dass auch in Zukunft in Freiburg der Schwerpunkt der Husserl- und Heideggerforschung trotz der Umwidmung weiter stark vertreten sein wird. Die Maßnahme hat höchstens eine lange währende Abschottung des Instituts durch eine thematische Verbreiterung etwas aufgebrochen. Aber, wie gesagt, das ist Sache der Freiburger und ihrer Universitätsleitung.

Sie sind der neue Präsident der GAP, Gesellschaft für Analytische Philosophie. Wo werden Sie Ihre Schwerpunkte setzen?
Die Gesellschaft für Analytische Philosophie hat gerade ihren 25. Geburtstag gefeiert. In der Gründungszeit musste die Gesellschaft tatsächlich für die Gleichberechtigung der analytischen Philosophie in Deutschland und bei der Besetzung von Lehrstühlen kämpfen. Heute ist Normalität eingekehrt. Die GAP ist neben der Deutschen Gesellschaft für Philosophie eine der beiden großen unabhängigen Fachgesellschaften, zwischen denen es einige fruchtbare Kooperationen gibt. Während meiner Präsidentschaft möchte ich vor allem zwei „heiße Eisen“ anfassen. Erstens gibt es ein massives Vermittlungsproblem zwischen der akademischen Philosophie und der Öffentlichkeit. Während die akademische Philosophie heute regelrecht aufblüht, vor Kraft und guten Ideen nur so strotzt, kommt davon so gut wie nichts in der Öffentlichkeit an. Schuld daran sind nicht nur kompliziert formulierende Philosophen. Philosophie ist auch eine Ware geworden, an der viele verdienen wollen, denen es sehr gelegen kommt, wenn der „Tod der akademischen Philosophie“ beschworen wird. In meiner Amtszeit möchte ich der verzerrten öffentlichen Wahrnehmung der akademischen Philosophie entschieden entgegenwirken. Zweitens möchte ich mich dafür einsetzen, dass sich die analytische Philosophie noch stärker mit aktuellen gesellschaftspolitischen Problemen beschäftigt. Ein Beispiel: in der aktuellen Flüchtlingsdebatte haben sich Philosophen bislang auffallend zurückgehalten. Die GAP hat jetzt einen hochdotierten Preis zur Frage „Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?“ ausgeschrieben. So soll eine öffentliche philosophische Diskussion dieses Themas angeregt werden. Eine stärkere Einmischung analytischer Philosophen in andere aktuelle Fragen wäre ebenfalls wünschenswert.

Wo steht die analytische Philosophie in Deutschland heute?
In den letzten zwanzig Jahren hat sich in Deutschland in dieser Hinsicht sehr viel geändert. An vielen deutschen Universitäten kann man eine solide Ausbildung in analytischer Philosophie bekommen. In meiner Tübinger Studentenzeit musste ich mich noch gemeinsam mit interessierten Freunden außerhalb der Lehrveranstaltungen in die Klassiker der analytischen Philosophie einarbeiten. Viele Lehrstühle in Deutschland sind heute mit analytischen Philosophen besetzt. Durch einen regen internationalen Austausch ist die nationale Isolation Deutschlands in der Philosophie längst überwunden. So ist es inzwischen keine Ausnahme mehr, wenn deutsche Philosophen und Philosophinnen an den englischen und US-amerikanischen Spitzenuniversitäten ihre Doktorarbeit schreiben oder später dort ihre Karriere machen.; und umgekehrt kommen Forscher und Forscherinnen von dort nach Deutschland, um hier ihre Karriere zu machen.

Wie sehen Sie die Rolle der analytischen Philosophen in der Öffentlichkeit und in den Medien?
Ich hatte bereits angesprochen, dass es in der breiteren Öffentlichkeit ein stark verzerrtes Bild der akademischen Philosophie gibt. Die analytische Philosophie leidet darunter ganz besonders. Es besteht immer noch das Vorurteil, dass die analytische Philosophie eine Mischung aus theoretischer Sprachwissenschaft und gehobener Logelei ist und ansonsten alle weiterführende philosophische Grundfragen als sinnlos zurückweist. Nichts könnte im Jahr 2015 weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Gibt es noch so etwas wie eine nationale Philosophie wie den deutschen Idealismus, der ja als einer der Höhepunkte deutschen Geistesleben galt – oder hat es so etwas in Wirklichkeit nie gegeben?
Die Idee einer nationalen Philosophie widerspricht zutiefst dem Geist der Philosophie. Dahinter steckt wohl der Gedanke, dass Philosophien nur ein Ausdruck kulturell geprägter Weltanschauungen sind. Doch Philosophen haben immer schon beansprucht, mit guten Gründen für die Wahrheit ihrer Theorien zu argumentieren; und mit Bezug auf die Wahrheit verbietet sich jede Art von Relativierung. Auch die nationalsprachliche Abschottung von philosophischen Debatten widerspricht dem Geist eines grenzenlosen wissenschaftlichen Austausches.

Wittgenstein vertrat die Ansicht, dass man philosophische Probleme nur dann verstehen könne, wenn man weiß, durch welche Fehlanwendung von Sprache sie überhaupt erzeugt werden. Ist analytische Philosophie nur die Unterscheidung von sinnvollen und unsinnigen Sätzen?
Es gehört zu den großen Verdiensten der frühen analytischen Philosophie, darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass manche philosophischen Problemstellungen auf einem sprachlichen Missverständnis beruhen. Doch darin erschöpft sich die Philosophie eben nicht. Heute haben das die analytischen Philosophen längst begriffen. Ganz selbstverständlich erforschen sie wieder die Fragen nach der Existenz Gottes, der Freiheit unseres Willens oder der materialistischen Erklärbarkeit des menschlichen Geistes. Sogar existenzphilosophische Fragen nach der Bedeutung unserer Sterblichkeit und dem Sinn des Lebens werden von der analytischen Existenzphilosophie behandelt. Auch dazu bietet die analytische Philosophie heute weiterführende Antworten an. Analytische Philosophie beruht eben nicht mehr auf einer thematischen Fixierung auf die Sprache, sondern auf einer wissenschaftlichen Methode.

Welches ist das Feld, auf dem die Philosophie ihre Untersuchungen anstellt? Gibt es nur Empirie, also Erfahrungswissenschaft, und die Analyse von Begriffen?
Das war die Auffassung der Logischen Empiristen, einer anderen Schule der frühen analytischen Philosophie. Danach konnten Philosophen, wenn sie keine empirischen Wissenschaftler werden wollten, nur sprachliche Begriffe untersuchen. Die analytische Philosophie hat jedoch schon lange die engen Fesseln des Logischen Empirismus abgestreift. Analytische Philosophen interessieren sich, wie alle anderen Philosophen auch, primär für Sachfragen und nicht für unsere Sätze über die Dinge oder Begriffe. Wie wissenschaftliche, seriöse Antworten hier ohne empirische Grundlagen möglich sein sollen, ist eine spannende Frage. Die analytische Philosophie bietet dafür eine Reihe von vielversprechenden Antworten an. Modellbildungen, Gedankenexperimente und vernünftige Einsichten spielen dabei eine wichtige Rolle.

Interview: Michael Hesse

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