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Philosophie Am offenen Herzen der Sprache

Was tut derjenige, der spricht? Die aktuelle Nummer der Zeitschrift für Kulturphilosophie liefert Erkenntnisse.

Die Sprache: schwierig. Nehmen wir diesen einfachen Satz: „Es geht mir schlecht.“ Sie werden ungefähr wissen, was ich meine. Aber eben: nur ungefähr. Helfen weitere Erklärungen? „Es geht besser als gestern, aber schlechter als vergangene Woche.“ Und wenn ich genauere Gründe angebe (hier schmerzt es, dort auch)? Wissen Sie jetzt, was ich mit meinem Satz sagen will? Nicht wirklich. Aber woran liegt das? Weil wir uns nicht kennen? Weil meine Worte nicht taugen? Oder weil sich nicht sagen lässt, was ich sagen will?

Ludwig Wittgenstein, der berühmte Sprachphilosoph, meinte einst: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Aber das stimmt nicht, er hat sich selbst später auch widerlegt. Hinter der Grenze der Sprache liegen Dinge, die sich nicht sagen lassen, so scheint es jedenfalls. Einfacher wird es damit allerdings nicht: Ist die Sprache das Mittel Gedanken auszudrücken oder formieren sich die Gedanken, indem ich sie ausdrücke?

Das ist eine der ältesten philosophischen Fragen überhaupt, mit weitreichenden Folgen. Man erlebt es ja einmal sehr deutlich, was das Sprechen alles anrichtet, siehe nur die Sprachkriege zwischen den USA und Nordkorea derzeit. Wie also sprechen? Und was heißt es überhaupt, etwas zu sagen? Es gibt zwei Wege, dies zu erforschen: die Wissenschaften, inklusive der Philosophie, und die Kunst, die Dichtung besonders. Gern machen sie sich gegenseitig die Kompetenz streitig, unsinnigerweise. Denn es gibt kein Sprechen, das nicht immer auch poetisch, dichterisch wäre, wie es keine Dichtung gibt, die ohne theoretische, wissenschaftliche Annahmen auskäme. Im Grunde wissen das beide Seiten seit je, dennoch ist der Graben zwischen Dichten und Denken noch immer tief.

Deshalb sei die aktuelle Nummer der halbjährlich erscheinenden Zeitschrift für Kulturphilosophie gepriesen. Sie hat gleichermaßen Schriftsteller wie Philosophen gebeten aufzuschreiben, was ihnen die Sprache ist. Der Band liefert keine abschließenden, systematisch ordentlich aufgefädelte Erkenntnisse, wie auch. Aber er bietet Blicke ins offene „Herz der Sprache“, wie der Frankfurter Philosoph Martin Seel hier schreibt. Ein Sammelband als Schatzkästlein für das Sprach-Erkunden.

Mit Marcel Beyer zum Beispiel, dem Büchnerpreisträger und Vogelkundler. Er stellt sich vor, ein Vogel zu sein: „Alles, was ich sagen wollte, könnte ich ebenso gut als Vogel sagen, nur eben auf andere Weise.“ Zugleich aber die „tiefe, unreflektierte Angst: ein Wesen zu sein, das sich nicht der Schrift bedient.“ Oder mit dem Wiener Dichter Franz Josef Czernin: „Was ich vor mir selbst verbergen muss, ist das, was mich anderen gegen meinen Willen zeigt.“ Das Geheimnis der Sprache liegt in ihrem Gebrauch, so oder so. Jeder Satz steht in der Welt – und weist doch über sie hinaus. „Ein Gedicht“, so schreibt hier der Philosoph Michael Hampe, „ist weder eine Theorie noch eine politische Botschaft, obwohl es die Theorien und politischen Botschaften seiner Zeit nicht abschütteln kann.“

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