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Petra Flemming Malerin Das Bild, das durch die Mauer ging

Eine Erinnerung an die früh verstorbene Leipziger Malerin Petra Flemming – und an ein kleines Komplott 1989: Um einen Besenstiel gewickelt, gelangte eines ihrer Bilder in den Westen.

Die Malerin Petra Flemming (1944-1988). Foto: Nachlass Petra Flemming

Rasches Vergessen ist ja eine vielbeklagte – oder klaglos hingenommene – Begleiterscheinung unserer schnelllebigen Zeit. Wenn aber starke Bilder bleiben, wie im Falle der Leipziger Malerin Petra Flemming (1944-1988), dann kann eine liebevolle Erinnerungs-Ausstellung, zum 70. Geburtstag der jung – an einem Herzinfarkt – Verstorbenen, die Lücke schließen. So wie jetzt die „Unvergessen!“-Schau.

Diese aber eben nicht in Leipzig, wo ihre Bilder entstanden sind und etliche nun im Depot des Museums der Bildenden Künste dahindümpeln müssen, sondern in der Galerie Quellenhof Garbisdorf, einer Idylle im Grünen nahe dem thüringischen Altenburg. Dorthin sind zur Eröffnung über hundert Besucher gekommen, darunter einstige Weggefährten der Malerin, die den weiten Weg aus Leipzig genommen haben.

Ein Zettel an einem Flemming-Gemälde, das der Sohn der Malerin in eine Leipziger Bilderrahmenwerkstatt gebracht hatte, war der Auslöser. Darauf hatte jemand nur „Ausstellung?“ notiert, dazu eine Telefonnummer. Es war die des Garbisdorfer Sammlers und dortigen – ehrenamtlichen – Quellenhof-Galeriegründers Günter Lichtenstein. Das war vor gut einem Jahr. Damals hatte Petra Flemmings Sohn Konrad, Betreuer ihres umfänglichen Bilder-Nachlasses, in der Stadt Leipzig nur Absagen bekommen für den Plan, der Malerin aus der „Leipziger Schule“ (sie studierte bis 1969 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst u.a. bei Tübke) zum „70.“ eine Gedenkschau auszurichten.

Nun zeigt sich, dass der abgelegene historische Gutshof mit seiner lichten Galerie, dieser von Bürgersinn geschaffene Kunstort weitab der aufgeregten, bisweilen auch ignoranten Kunststadt Leipzig, ein Glücksfall ist. Selbst wenn nur eine knappe Auswahl aus dem Nachlass der Rastlosen – 160 Gemälde, 200 Grafiken, Hunderte Zeichnungen – gezeigt werden kann. Etwa die humorigen Bauern-Szenen, die verraten, wie sehr die Malerin einfache Leute und deren Aberwitz mochte.

Und dann wird ihre Affinität zu der in Dresden geborenen, in der Künstlergemeinschaft Worpswede nahe Bremen berühmt gewordenen, aber kurz nach dem Paris-Trip jung gestorbenen Malerin Paula Modersohn-Becker überdeutlich. „Einmal Paris sehen und dann sterben!“ war ein geflügeltes Wort bei Petra Flemming, die sich in etlichen Selbstporträts der bewunderten Paula anverwandelte. Ein Bild ist in der Ausstellung nur als Fotoreproduktion im Katalog anwesend. Fleming malte 1985 „Barkenhoff“, das Refugium von Heinrich Vogeler und der Künstlergemeinschaft, zu der, neben den Modersohns, auch der Dichter Rilke zählte. Im herb-vereinfachenden Mal-Stil ist es eine universale Hommage an Paula Modersohn-Becker. Im Tagebuch hinterließ Flemming nach ihrem plötzlichen Tod die Notiz, dieses Bild müsse nach Worpswede, in der DDR sei es „nicht verwurzelt“.

Der Letzte Wille? Egal.

Der Worpsweder Museumsmann Wolfgang Kaufmann erfuhr von der Existenz des Gemäldes durch einen (von der Autorin auch dieses Textes verfassten) Artikel mit Abbildung in der DDR-Zeitschrift „Für Dich“, jemand hatte ihm das Heft geschickt. Gleicht fuhr er in die DDR; er plante eine Schau mit „Neuen Worpsweder Meistern“. Ein Ankauf – oder die Leihgabe aus Flemmings Nachlass erlaubten die Behörden nicht. Selbst ein Gesuch des Witwers der Malerin beim DDR-Kulturministerium, mit Verweis auf ihren Letzten Willen, schlug fehl.

Was also tun? Es war, trotz der bröckelnden Machtverhältnisse in der DDR, noch immer Kalter Krieg und die Grenzkontrollen nicht weniger scharf. Doch im April 1989 sollte die Worpsweder Schau starten, mit dem Bild. Da half nur ein gewagtes Komplott: Kunstfreunde aus West-Berlin waren bereit, das Bild nach drüben zu lotsen. Samstagnachts, nach einem Theaterbesuch im Osten, schafften die zwei Couragierten das Gemälde, über einen Besenstiel gerollt und in Packpapier verklebt, durch die Grenzkontrolle Friedrichstraße. Auf die Frage des DDR-Zöllners, was das sei, beschied die „Schmugglerin“, dies sei ein selbstgemaltes Bild, ein Geschenk für die Cousine, nur fehle der passende Rahmen, den werde sie erst besorgen. Der Uniformierte nickte gnädig – und winkte durch.

Noch stand die Mauer, aber Petra Flemmings „Barkenhoff“ hing Tage später im Mittelpunkt der Worpsweder Schau; die Vernissage wurde im Westfernsehen übertragen. Es war kaum zu glauben. Noch heute befindet sich das Bild in der Sammlung Kaufmann in Worpswede-Fischerhude, da, wo seine Malerin es haben wollte.

Man kann es sich leicht dazudenken, zu all den von Flemming im Stil der Neuen Sachlichkeit gemalten charismatischen Personen der Zeitgeschichte: vom russischen Avantgardisten Majakowski mit Gefährtin Lilja Brik, von Anne Frank und dem von den Nazis hingerichteten Widerstands-Paar Hans und Hilde Coppi. Auffällig, dass Partnerschaften ein Thema der Malerin waren. Lebte sie doch selbst mit dem Leipziger Bildhauer Gerhard Kurt Müller zusammen, was künstlerische Nähe, aber auch Distanz-Suche bedeutete.

Härte und Schmerz

Sie treffen ins Herz, die kontraststarken Blätter zur Dichtung des 1936 von Franco-Schergen ermordeten linken, homosexuellen Spaniers Garcia Lorca. Klar und streng reduziert bis auf die Grundformen sind Figuren und Landschaften. Die aufwühlende, den Brücke-Künstlern nahe Schwarz-Weiß-Expression entspricht ganz der Wortgewalt, der Imagination des Poeten und ist doch sensibel und fragil.

Petra Flemmings Bildsprache sei, sagt der die Garbisdorfer Ausstellung begleitende Kunsthistoriker Dieter Gleisberg, früher Direktor des Museums der Bildenden Künste Leipzig, „von hieroglyphischer Kraft und Klarheit“. Das passt zu einem ihrer Tagebuchsätze: „Bei mir sind immer auch Härte und Schmerz der Schönheit beigemischt ...“

Wie wahr: Glatte Harmonie und Romantik, gar Sentimentales sucht man vergebens, umso deutlicher werden die Widersprüche, im Großen wie im Alltäglichen, die ungelösten Konflikte, die Ungerechtigkeiten, die oft ins Absurde, Vertrackte führende Allmacht des Staates. 1987 malte sie „Wohin?“ Eine sarkastischere Metapher für das sich ankündigende Ende der DDR ist kaum denkbar: Eine Straße, gesäumt von kahlgestutzten Bäumen, die an einem Stromhäuschen mündet, an dessen Dach ein alter Fahrradschlauch zum Totenkranz wird und irritierende Verkehrs-Pfeile nach links und rechts weisen: Quo vadis?

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