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Peter Singer „Beweise sind besser als Verbote“

Der australische Philosoph Peter Singer spricht im Interview über Redefreiheit, rassistische Verunglimpfung und das Leugnen des Holocaust.

Speakers' Corner
Speakers’ Corner im Londoner Hyde Park. Foto: rtr

Professor Singer, die Redefreiheit ist weltweit massiv bedroht. Daher scheint es an der Zeit zu sein, über ihre Bedeutung für die Gesellschaft zu sprechen. Wo sehen Sie diese?
Solange wir nicht bereit sind, unsere Überzeugungen offen in Frage stellen zu lassen, sind wir auch nicht berechtigt anzunehmen, dass sie wahr oder unwahr sind. Wenn wir jedoch Redefreiheit unterdrücken, unterstellen wir, dass wir selbst unfehlbar sind – dabei ist die Geschichte voller Beispiele, in denen Menschen sich ihrer Ansichten zunächst völlig gewiss waren, die sich dann jedoch als falsch herausgestellt haben.
 
Und wenn wir mit unseren Überzeugungen recht haben?
Selbst dann pressen wir sie in ein totes Dogma, sofern wir im Gegenzug andere Meinungen einfach unterdrücken. Wenn wir also wollen, dass unsere Überzeugungen eine lebendige Wahrheit darstellen, sollten wir es begrüßen, von anderen herausgefordert zu werden, die Gründe für unsere Überzeugung noch einmal darzulegen, die zu unserer Annahme geführt haben. Ich sollte hinzufügen, dass dieses Argument für Redefreiheit gar nicht einmal von mir stammt. Sie wurde von John Stuart Mill in seinem famosen Essay „On Liberty“ verfasst, den er zuerst 1859 publizierte. 
 

So gesehen, scheint Redefreiheit in jedem Fall verteidigenswert. Oder muss man ihr dennoch Grenzen setzen, so dass nicht alles gesagt werden darf?
Wenn wir hier über das Strafrecht sprechen, dann bin ich anderer Meinung und widerspreche einer Grenzsetzung dessen, was gesagt werden darf und was nicht. Allerdings unterstütze ich die Grenzziehung darüber, wie etwas gesagt werden darf. 
 
Wie darf man das verstehen?
Ich unterstütze Gesetze gegen rassistische Verunglimpfung, da die Verunglimpfung ein Versuch ist, Hass zu schüren, indem man sich an unsere Emotionen wendet. Sorgfältige wissenschaftliche Diskussionen darüber, ob es Unterschiede zwischen Rassen gibt, sollten jedoch nicht mit Versuchen, Rassenhass zu schüren, gleichgesetzt werden. 
 
Wie ist es mit der Leugnung des Holocaust? Wäre es nicht für die Demokratie gefährlich, diese Behauptungen von Holocaust-Leugnern zuzulassen? 
Aber was wird dadurch erreicht, wenn man Menschen einsperrt oder verurteilt, die den Holocaust leugnen? Was könnte die Meinungen von einer Person ändern, die irrational genug ist, all die Beweise der Nazi-Verbrechen zu ignorieren, Juden und Roma auf dem von den Nationalsozialisten beherrschten Gebiet zu vernichten? Warum sollte es das? Es scheint mir wahrscheinlicher zu sein, dass solche Leute so denken, dass der Staat etwas zu verbergen hat. Wir könnten solche verrückten Überzeugungen besser bekämpfen, indem wir überwältigende Beweise gegen sie präsentieren. 
 
Wenn wir uns mit den Herausforderungen der Redefreiheit und rechter Identitätspolitik befassen: Sollten wir sie einschränken, wenn das Recht auf freie Meinungsäußerung zur Stigmatisierung von Minderheiten ausgenutzt wird?
Ja, wenn wir von rassistischen oder ethnischen Verunglimpfungen sprechen. Nein, wenn sie sich auf ernsthafte Versuche bezieht, Fakten zu ermitteln. Denn ich glaube wirklich nicht, dass ein Verbot der Diskussion solcher Fakten den stigmatisierten Minderheiten auf jeden Fall helfen würde. Solche Verbote können nur die Vorurteile, die die Mehrheiten gegenüber Minderheiten bereits haben, verstärken. Die Leute werden glauben, und nicht ohne Grund, dass die stigmatisierte Minderheit davor geschützt werden muss, relevante Fakten über sie herauszufinden, weil diese Fakten sich auf diese Minderheit negativ auswirken könnten. 

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