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Peter Iden Standbein, Spielbein

Zum 75. Geburtstag des ehemaligen FR-Feuilletonredakteurs Peter Iden

Wir saßen in der Reihe zwei, beinahe auf Trainerbankniveau zum Spielfeld, und waren früh dran. Zeit steif, um in die Brötchen zu beißen, während die Sonne, weil sie zum Endspiel keine Wahl hatte, über dem Wembleystadion stand. Wir ließen den Blick schweifen, so sieht also der heilige Rasen aus. Ja, ohne Metaphern ist der Mensch als Mensch aufgeschmissen.

Dann, noch vor dem Anpfiff muss es passiert sein, dass wir die Journale vertauscht haben, unsere beiden Exemplare zum Champions-League-Endspiel, und was immer von diesem prallen Programmheft lesenswert bleiben wird – es bleibt die letzte Seite. Darauf die Liste der Besten der Besten, „the Greatest ever“, von 1956 bis 2012. Neunzehn Kreuze mit dem Kugelschreiber, mit dem P.I.-Stift, weist die Übersicht im Mai 2013 auf; zum Match zwischen Borussia Dortmund und Bayern München in Wembley bestritt Peter Iden sein zwanzigstes Finale. War er im Theater 20 Mal so häufig, 200 Mal so oft?

London, 1965, damit beginnt Peter Idens jüngstes Theaterbuch, mit der Erinnerung an eine Inszenierung Peter Brooks, der mit seiner Inszenierung „US“ auf den Krieg der Amerikaner in Vietnam anspielte, nicht ohne das Publikum durch das Fürwort „us“ in die Pflicht zu nehmen. Theater als Ort der Einlassung auf die Wirklichkeit, als Ort, der, wie phantastisch und poetisch auch immer, den Zuschauer nicht aus seiner moralischen Verantwortung entlässt.

Kein Text, mit dem der Kritiker Iden den FR-Feuilletonleser nicht in die Pflicht genommen hätte. Da galt bereits der erste Satz. An einem Sonntag des Jahres 2000 traf dieser Einstieg ein im FR-Feuilleton: „Er hat wieder gewütet.“ Immer galt das Gewicht des ersten Satzes.

Peter Iden feiert heute seinen 75. Geburtstag. War, um auch das zu sagen, seine bestimmt fünfzigjährige Promenade durch die Museen und Galerien Europas etwa kürzer als die Fußballendspielroute zwischen Wien und London, Rom, München, Glasgow? Lange muss man mit Peter Iden nicht zusammensitzen, um sich (Vorfeldvorbereitungen auf das Finale) die Bälle zuzuwerfen. So war es auch frühnachmittags, als wir in London bei Saatchi saßen. Mit der Ausstellung selbst waren wir schnell fertig geworden, peinlich, peinigend erst recht, als im letzten Raum die weltberühmte Galerie einen Schnäppchenmarkt für die Besucher eingerichtet hatte. Es war Peter Iden anzusehen, dass er körperlich litt.

Peter Iden hat gelegentlich erzählt, dass er auf den flachen Land auf die Welt, dann, noch in kurzen Hosen, ins fürchterlich zerstörte Frankfurt kam, wo sein Großvater eine Baufirma hatte. Weil das Risiko in die Geschäfte hineinspielte, wurde im Keller eine Eiserne Ration gebunkert, eine letzte Flasche Veuve Cliqout.

Die Schwarze Witwe hat P. I. dem Ressort nicht nur einmal spendiert, und so unterschiedlich noch soeben die Auffassungen, da ging dann keiner vorzeitig aus dem Raum. P. I. fand im FR-Feuilleton ein sehr unruhiges Umfeld vor. Irgendwas war immer.

Feuilletonchef war P. I. von 1993 an sieben Jahr lang, gelotst hat er das Ressort mit Weltläufigkeit und Großzügigkeit. „Man muss die jungen Leute bewegen“, war kein leeres Versprechen, im Gegenteil, es war die Zeit, als wir im FR-Feuilleton rumkamen. Unbändig sein eigener Italienbezug, immer stark seine Westbindung. Unvergessen sein Trauerbericht vom Begräbnis Sam Francis’ in Kalifornien, per Fax rübergeschickt. Konsens, dass das ein großer Text war.

Am zweiten Weihnachtstag 1997 schrieb er seinen Nachruf auf Giorgio Strehler, und nicht wenige Theatertexte seitdem lasen sich wie Klagen, mit dem „Aufstieg des Castorf-Theaters“, der beliebig wilden Lust an der großen Nummer, kein Vergleich zum anarchische Begehren eines Zadek wendete sich das Regietheater gegen einen seiner vehementesten Fürsprecher.

Dünne „nuller Jahre“, darin „punktuelle Gewinne“, die die Defizite nicht haben kaschieren können: die Sprachlosigkeit des Theaters. Kein Vergleich zu den „Großmächten“ (P. I.) Luc Bondy, Grüber, vor allem Peter Stein aus Schaubühnenzeiten. Im theatralen Versprechen der Vergegenwärtigung ewiger Fragen sieht er den Generationenvertrag schlechthin, die Verkörperung eines Langzeitgedächtnisses. Denn wenn der Mensch eine treue Seele ist, dann als Mängelwesen. Wo jedoch das Regietheater bloß findiges Entertainment ist, und die Texte, die das beklagten, häuften sich, mochte er das ästhetische Versprechen, die Wirklichkeitsgewinnung des Theaters immer weniger erkennen.

Wo führt das hin? Ein typischer Idensatz. Dazu passt, dass das Irrlichtern der Videokunst immer mehr Oberhand gewann, absehbar bei jeder Gelegenheit, auf den Biennalen oder Kassels documenta, deren Petitessen und Paukenschläge er seit den fünfziger Jahren erlebt hat, um heute noch, rückblickend, die eine oder andere Großtat in Erinnerung zu bringen. Denn auch Feuilleton, bei allem Entertainment, bildet sich immer noch etwas ein auf sein Langzeitgedächtnis.

Zugleich hat Iden eine große Freude an Entdeckungen, als Professor für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt, als Kritiker hat er seinen Entdeckungen die Treue gehalten, den Begabungen ist er hinterher gereist, bis zu den B-Bühnen, und nicht erst weil ein Botho Strauß die Treue zu einer Kardinaltugend erklärt hat, findet sich in Peter Idens Theaterbuch der Satz: „Wo unser zeitgenössisches Drama von Gesellschaft gerade noch einen Ausschnitt zu geben sich zutraut, wagt Strauß das Ganze. Eine Totale, aufgesplittert in 20 Mini-Dramen.“

Positionen, Haltungen: beide Worte zählen zum Iden-Repertoire, aber den Humor nicht zu vergessen. Hatte also P.I. neben der Schiebetür seines Ressortleiterreichs eine Karte an den Rahmen gezwackt, ein Beckettwort, das, kamen wir auf die FR, ihre Kalamitäten, zu sprechen, zitierwürdig schien: „Es nimmt also kein Ende?“

Iden und die Lakonie. Sie ist beckettgesättigt, er hat Beckett große Texte gewidmet, doch das bestimmende Gesetz der Existenz ist nicht allein die Zeit (das „Warten auf Godot“), sondern das aufbegehrende Element ist das Engagement. Als es galt, Frankfurt („Bankfurt“, „Krankfurt“) als Kulturmetropole zu erfinden, hat er mitgemischt in der Kulturpolitik, das Museum für Moderne Kunst auf den Weg gebracht, war beteiligt am Frankfurter Museumswunder. Er plante den Einstieg auf die andere Seite, weg vom Betätigungsfeld des Kritikers.

Dazu kam es dann doch nicht. Der Zeitungsjob blieb sein Standbein. Man könnte an Fußball denken, an was sonst? Wenn man nicht zugleich wüsste, dass so, mit der Entdeckung des Kontrapost, der Hebung des Beckens, der Senkung der Schulter, der Biegung der Körperachse, Bewegung in die starren Verhältnisse der mittelalterlichen Skulptur kam. Standbein, Spielbein, so fing es an, eine neue Körperkunst, das wiederentdeckte Körperbewusstein, ein bisher unbekanntes Selbstbewusstsein.

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