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Peter Henkel "Ach, der Himmel ist leer" Die frohe Botschaft

Wie sollen wir leben in einer gottlosen Welt? Die Antwort vom langjährigen FR-Korrespondenten Peter Henkel lautet: Das tun wir bereits. Hören wir zur Adventszeit die andere Seite. Von Arno Widmann

In der Tate Britain steht ein deutscher Weihnachtsbaum als Kunstwerk. Foto: Getty Images

Morgen ist der dritte Advent. Da ist es in manchen Familien üblich, eine kleine Andacht abzuhalten. Die einen lesen Lukas’ Weihnachtsgeschichte, andere Schleiermachers schöne Betrachtungen über das Weihnachtsfest. Oder eine von Dickens bewegenden Geschichten. Mein Vorschlag: Peter Henkel: "Ach, der Himmel ist leer".

Gewissermaßen das audiatur et altera pars mitten im Weihnachtsgebimmel. Ein wenig Besinnung darüber, worum es wirklich geht und was drin ist, an der aus allen Lautsprechern krachenden frohen Botschaft. Der Untertitel des Buches "Lauter gute Gründe gegen Gott und Glauben". Peter Henkel läßt kaum etwas aus.

Die Absurditäten der christlichen Glaubenslehre kommen vor. Die Trinitätslehre zum Beispiel oder die Jungfrauengeburt, das Abendmahl, bei dem sich pünktlich zum Klingeln des Glöckleins das Brot vom Bäcker nebenan oder der Wein aus dem Supermarkt verwandeln in den Leib oder in das Blut Christi. Henkel begreift nicht, wie man das glauben kann und er erinnert daran, mit welchem Aufwand an Spitzfindigkeit für diesen blühenden Unsinn immer wieder Pseudogründe herbeigeschafft wurden, gegen Kritiker herbeigeschafft werden mussten.

Aber im Zentrum von Henkels Buch stehen andere Überlegungen. Ihn interessiert der Kern der christlichen Botschaft. Die Erlösungsverheißung. Henkel empört die Vorstellung, dass die Menschheit sündig sei und darum eigentlich verworfen gehört. Dass, um sie aus den Qualen der Hölle zu erlösen, Gott seinen Sohn - respektive sich selbst - ans Kreuz nageln ließ. Der allmächtige Gott konnte nicht einfach vergeben. Er brauchte ein Opfer. Einer musste dran glauben und es musste ein Unschuldiger sein.

Schopenhauer hat die ganze Absurdität dieser sogenannten Heilsgeschichte in einem kurzen, berühmten Dialog zusammengefasst:"A: Wissen Sie schon das Neueste?B: Nein. Was ist passiert?A: Die Welt ist erlöst.B: Was Sie sagen.A: Ja. Der liebe Gott hat Menschengestalt angenommen und sich in Jerusalem hinrichten lassen; dadurch ist nun die Welt erlöst und der Teufel geprellt.B: Ei, das ist ja ganz charmant."

Jeder halbwegs anständige Mensch schämt sich bei dem Gedanken, dass ein anderer an seiner statt die Schuld auf sich nimmt. Das aber ist genau der Kern der christlichen Botschaft. Egal, was der Mensch tut, er ist stets verworfen, das einzige, das ihn daraus befreit, ist die Gnade Gottes. Auf keinen Fall hat er eine Chance durch gute Werke den Herrn wohlwollend zu stimmen.

Dergleichen Erwägungen, das ist Henkel klar, erreichen den Gläubigen nicht. Nicht, weil er kein anständiger Mensch ist, sondern weil sein Glaube sein Schamgefühl verschoben hat. Hinzu kommt: Er glaubt schließlich nicht, weil er sich von Argumenten hat dazu überzeugen lassen. Der Glaube besteht ja nicht im Für-Wahr-Halten, sondern in der Unterwerfung unter den Willen Gottes.

Das allererste, das Gott seinem auserwählten Volk mitzuteilen hatte, war, dass er sein Herr und Gott war, dass es keine anderen Götter neben ihm haben sollte. Es ging von Anfang um Unterwerfung. Die Vorstellung, man könne mit dem Herr der Heerscharen über Vernunftgründe verhandeln, taucht nirgends auf. Wer anfängt zu zweifeln, wer gar abfällt vom Glauben, dem wird immer wieder der Garaus gemacht.

Peter Henkel listet die Untaten des christlichen Gottes auf. Henkel ist erleichtert darüber, dass es nichts sind als menschliche Gewalt- und Ausrottungsphantasien. Die frohe Botschaft ist nicht, dass Gott bereit ist uns zu verzeihen, wenn wir uns ihm unterwerfen, "ihm nachfolgen". Die frohe Botschaft besteht darin, dass es diesen Gott nicht gibt, nie gegeben hat.

Peter Henkel macht klar, wie völlig lächerlich die Vorstellung ist, dass ein Gott, der nicht nur für die bis zu dreißig Milliarden Himmelskörper in unserer Galaxie zuständig ist, sondern darüber hinaus auch für die in den 100 Milliarden anderen Galaxien, gleichzeitig anordnet, dass die Menschenkinder zum Beispiel nicht onanieren sollen.

Derselbe Gott, der Milliarden von Sternen explodieren läßt, der zusieht, wie Millionen Menschen einander massakrieren oder massakriert werden, wird gepriesen dafür, dass er in Lourdes - bei sechs Millionen Pilgern jährlich - seit es den Wallfahrtsort gibt 67 Heilungen zustande gebracht haben soll... Das ist keine frohe Botschaft, das wendet kein Elend, macht uns nicht frei. Das ist Teil der Geschichte der menschlichen Dummheit.

Man darf dergleichen sagen. Aber es gilt als unfein, ungerecht, polemisch. Man muss den Glauben ernst nehmen. Gibt es einen einzigen Grund dazu? Ja. Die Macht. Man muss sich nur an den Hessischen Kulturpreis erinnern. Da wurde das Schweigekartell für einen Augenblick gebrochen. Und wir bekamen einen Blick auf das, was wohl täglich passiert. Ein evangelischer und ein katholischer Bischof fühlten sich beleidigt, weil Navid Kermani sich befremdet über die Kreuzestheologie äußerte. (Welche Blüten sie treibt, kann man in Joseph Ratzingers "Schauen auf den Durchbohrten" nachlesen).

Die beiden Kirchenfürsten wollten nicht neben ihm auf dem Podium stehen. Also wendeten sie sich an den Staat, der sollte ihnen den lästigen Muselmann vom Leib halten. Der Staat war dazu bereit. Man kann sich vorstellen, was im Klima der Kumpanei alles auf diese Weise - lange bevor es an die Öffentlichkeit kommt - bereinigt wird.

Aber kann man denn leben in einer gottlosen, in einer sinnlosen Welt? Henkels einfache Antwort: Wir tun es. Henkel versteht die Sinnsucher. Er ist selbst einer davon. Er ist nur nicht bereit, sich wie ein Kind von einem vorgeblich alles durchschauenden Erwachsenen vorschreiben zu lassen, wann er aufhören soll mit seinem Fragen nach dem Warum?.

Henkel macht auch klar, dass es keine einzige Wahrheit gibt, die dem Menschen offenbart wurde. Alles, wovon wir leben, hat die Menschheit selbst herausfinden müssen. Der Mensch, auch das weiß Henkel, verwendet dazu nicht nur seinen analytischen Verstand, sondern auch seine Phantasie. Die arbeitet kontrafaktisch. Nur so kommt sie hinter neue Zusammenhänge. So entsteht Erkenntnis. Wissen. Wir suchen Gründe und wir widerlegen sie. Dann suchen wir neue.

Der Versuch an alten Gründen festzuhalten, mag im Privatleben seinen Charme haben. Sie aber mit Gewalt anderen aufzuzwingen, macht die Menschheit nicht nur unglücklich sondern auch dumm. Zu allererst übrigens die, die die Gewalt zur Durchsetzung haben. Das und vieles andere kann man lernen beim ehemaligen Korrespondenten der Frankfurter Rundschau.

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