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Pegida Bild Dir Deine Wutbürger

Wie die Bild-Zeitung heuchelt und fünfzig Prominente in der Pegida-Debatte vor ihren Karren spannt.

Pegida missbraucht eine Parole. Foto: dpa

Ihren Islamhass und die Angst vor der Überfremdung haben Pegida-Marschierer in Dresden sicherlich nicht aus Alltagsbeobachtungen, ist doch bekannt, dass der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Sachsen bei 2,2 Prozent liegt. Müssen sie auch nicht, denn Bilder von „gefährlichen Islamisten“ und „sozialschmarotzenden Asylanten“ geistern schon lange durch einige Medien, und es sind solche Bilder, die gerade die Springer-Presse beharrlich malt. Auch wenn sich die „Bild“-Zeitung hier besonders kreativ zeigt, spielt sie parallel jede Klaviatur, die ihr am verkaufsträchtigsten scheint – weshalb ihr letzter Coup nicht verwundern kann. Frech ist er trotzdem.

Nach der Semperoper in Dresden, dem Kölner Dom und dem Brandenburger Tor setzte jetzt auch die „Bild“-Zeitung ein Zeichen und sagte: Nein zu Pegida. Hauskolumnist Franz Josef Wagner, der seine Befindlichkeiten selten in den Subtext schreibt, hatte es bereits Mitte Dezember vorgemacht und den „Lieben Pegida-Idioten“ vorweihnachtlich die Frage gestellt, was denn wäre, „wenn die Eltern von Jesu in Dresden an eine Haustür geklopft hätten“ – „Jesus, verzeih’ uns“, hatte Wagner geschlossen.

Der müsste zunächst mal der „Bild“ verzeihen, die noch am 1. Dezember Lutz Bachmann, dem „Pegida“-Erfinder, der jeden Montag Tausende Dresdner auf die Straße bringt, ein großes Forum in einem Interview geboten hatte. Bachmann durfte sich als Asylverfechter inszenieren, der nur ausspricht, was niemand zu sagen wage: „So weit sind wir (Pegida und Pro Asyl, A.d.R.) auch nicht voneinander entfernt.“ Am Nazi-Image – „Nazikeule“ – seien nur die Medien schuld, wobei er die „Bild“-Zeitung seinerzeit nicht gemeint haben dürfte.

Die nutzte am 6. Januar die Gunst der Stunde und versammelte 50 Prominente hinter sich für ihr „wichtiges Zeichen gegen Intoleranz und Fremdenhass“: von Thomas Gottschalk über Manuela Schwesig (SPD) bis hin zu Volker Kauder (CDU) sagten sie „Nein“, wobei letzterer noch am 23. Dezember in einem Interview gegen Kirchenasyl und Abschiebestopp im Winter gewettert hatte. Doch damit liegt er ganz auf der Linie der „Bild“, die seit Jahren weiß, wie man Politik macht.

Vom Saulus zum Paulus

Artikel wie „Iraker, Afghanen, Pakistani – alarmierend hohe Hartz-IV-Quote bei Ausländern … (17,6 % zu 6,9 %)“ oder „Hartz IV künftig auch für Bulgaren“ stehen beispielhaft für ihre Argumentationshilfen in der Sozialneiddebatte, denn was der Afghane hat, bekommt der Deutsche nimmermehr.

Auch die Erfindung eines wochenlang durchs mediale Dorf gejagten „Islam-Rabatts“ für straffällig gewordene Muslime gab dem Leser eine weitere Denkrichtung vor, die in der Sackgasse des Benachteiligten im eigenen Land enden musste. Nicolaus Fest, damaliger stellvertretender Chefredakteur, setzte im Juli 2014 noch eins drauf. Er hatte in einem Kommentar den Islam mit anderen Religionen verglichen, als Integrationshindernis bezeichnet und damit das Gesamtbild vervollständigt. Springer hat den Text trotz der Rüge des Presserats wegen Islamfeindlichkeit nicht aus dem Verkehr gezogen.

So viele Probleme mit den „dumpfen Pegida-Parolen“ kann die „Bild“ daher nicht haben, ist es gerade die Entsolidarisierung der gesellschaftlich Benachteiligten und sozial Schwachen, mit der das Blatt die Leserschaft ködert. Doch jetzt plötzlich will sie mitgemeint sein, wenn in Dresden „Lügenpresse“ gebrüllt wird. Fühlte sich die „Bild“ etwa ausgegrenzt und reiht sich freiwillig zu jenen, die angeblich nicht zwischen ängstlichen Protestbürgern und einem Aufmarsch von Alltagsrassisten unterscheiden können?

Oder liegt es einfach nur daran, dass diese „Bewegung“ in Westdeutschland floppt und es nicht verkehrt ist, sich vom Straßen-Mob abzugrenzen, selbst wenn dieser seine Parolen bei der „Bild“ teils abgeschrieben hat?
Dass das Blatt „Nein zu Pegida“ sagt, heißt längst nicht, dass sie deren Themen nicht auch zukünftig setzt – ist das doch das Markenzeichen, das „Bild“ von den als „Lügenpresse“ verschrieenen seriösen Medien der ersten Stunde unterscheidet.

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