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Otello Staatstheater Darmstadt Unerhörte Ballungen

"Otello" am Staatstheater Darmstadt: Deprimierende Dunkelheit auf der Bühne, gebrochen von wenigen Farbtupfern, realistische, karge Mimik und Gestik seitens der Schauspieler. Einen großartigen Einstand hat der Orchestergraben mit einer neuen Dirigentin.

17.03.2014 08:15
Bernhard Uske
Alles ist fokussiert auf die Personen: Joel Montero und Susanne Serfling. Foto: Barbara Aumüller

Am Anfang sind es große, viereckige Säulen, die im Sturm der Naturgewalten und der Kriege umfallen, am Ende fallen die Menschen, erledigt von der Gewalt ihrer Gefühle, ihrer Eifersucht, ihrer List. Kein beschaulicher Ort gleich zu Beginn ist die Bühne des Staatstheaters Darmstadt, wo Giuseppe Verdis Oper „Otello“ Premiere hatte. Eine der großen „Shakespeare-Opern“ Verdis auf ein Libretto Arrigo Boitos, die 1887 in Mailand ihre Uraufführung erlebte.

Jetzt im Großen Haus herrscht hartes, dunkles Licht, die riesigen, weißen Stelen sind ohne jeden Zierrat (Bühne Matthias Nebel, Kostüme Charlotte Pistorius). Das Kleid Desdemonas mit eingewebten Vogel-Ornamenten ist schon die einzige schwache Anspielung auf ein leichtes und freundlicheres Leben. Goldbetresst die weißen Uniformen des Kriegshelden und seiner Umgebung.

Die Blitze des Unwetters zu Beginn, die Fackelträger Otellos, die abbrennende Fahne der besiegten Unterdrücker, das Freudenfeuer, zuletzt die Kerze, mit der der mordbereite Otello seine hass-geliebte Desdemona sucht: Es ist eine Hochzeits- und Sterbekerze zugleich. In der harten Schwarz-Weiß-Tektonik mit dem Stelen-Gatter ist das brennende, verzehrende Element ein visuelles Leitmotiv. Farbe bringt ein schmaler blauer Streifen am schwarzen Bühnen-Rückprospekt sowie in der einzigen Liebes-Szene im 1. Akt ein bläulich beleuchteter Volant.

Alles ist fokussiert auf die Personen und ihre Konstellationen, auf die heillose Geometrie der Brennpunkte dieses Kalküls aus Emotion, Zufall und Indiz. Zwischen den ragenden Säulen postieren sich die Akteure in völliger Freistellung. Aber auch hier, in der Gestik und Mimik ist Reduktion vorherrschend. Keine Extrovertiertheit, kein Mimo-Drama. Großer Realismus herrscht vor: wer kämpft, wer kalkuliert, wer liebt oder hofft, der wird in seinen Ausdrucksgesten oft nicht sichtbar – nur im theatralischen Zusammenhang natürlich.

Weiße Säulen ragen, auch in Gestik und Mimik herrscht die Reduktion

Das einmalige Medium aber, das der Oper für diesen Sachverhalt eigen ist, hebt sie über das Theatralische hinaus. Nicht im Text, der gerade bei „Otello“ mit dem Original Shakespeares nicht vergleichbar ist, liegt die Qualität dieser Kunstgattung, nicht im Musiktheater. Akusmotion – Musik im Raum, Musik im Körper, „sound in motion“ – das ist es, und das bietet die Inszenierung von Gerhard Hess mit einigen der hiesigen Sänger auf beispielhafte Weise. Charaktere und Emotionen als großes Kehlkopf- und Stimmbandtheater, könnte man sagen.

Bestechend die Spannung vom blühenden Aufschwung und Verdämmern des lyrischen Soprans Susanne Serflings als Desdemona bis hin zum lakonischen, kühlen und festen Bariton Enrico Marruccis als Jago. Dazwischen der helle, wunderbar naiv und ungebrochen wirkende Tenor Arturo Martíns als Cassio. Und neben Desdemona die in ihrer tenoralen Gefährdetheit hier trefflich eingesetzte Stimme des hilflosen und taumelnden Otello von Joel Montero.

Die Kraftquelle dieses klingenden Temperamente- und Temperaturen-Dramas allerdings steht im Orchestergraben. Ein neues Gesicht, eine neue Gestik, vor allem ein neuer Klang, der dem Orchester abverlangt wurde. Anna Skryleva ist seit dieser Spielzeit 1. Kapellmeisterin sowie Vertreterin des Chefdirigenten und bestreitet hier ihre erste Premiere. Ein großartiger Einstand mit unerhörten Ballungen der scharf resonierenden späten Verdi-Harmonik, härtesten Interjektionen, die auch dem mächtig geforderten Chor abverlangt werden, fast erschreckend kahl herausgestellter „tonloser“ Lineatur, pochenden und sägenden Sequenzierungs-Strängen. Und einem Melos in den lyrischen Partien, das man lange nicht gehört hat.

Staatstheater Darmstadt : 21. März, 4., 20., 26. April.

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