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Opern-Dirigentin Joana Mallwitz „Man kann Musikern Kompetenz nicht vorspielen“

Unter den dirigierenden Jungstars ist sie eine der jüngsten: Die in Frankfurt lebende Joana Mallwitz, künftige Generalmusikdirektorin des Theaters Erfurt.

20.08.2013 12:13
"Ich bin eine Frau, ich kann es nicht verstecken, ich bin emotional und backe gern", sagt Joana Mallwitz. Foto: Peter Jülich

Frau Mallwitz, wenn Sie 2014 Ihr Amt in Erfurt antreten, werden Sie die jüngste Generalmusikdirektorin Deutschlands sein, so wie Sie 2006 in Heidelberg bereits die jüngste Kapellmeisterin waren, beides geschlechtsunabhängig. Sind Sie denn in allem so ein früher Vogel?

Um genau zu sein: Ich werde die jüngste amtierende GMD sein, denn seinerzeit war Cornelius Meister, als er Generalmusikdirektor in Heidelberg wurde, noch etwas jünger. Es stimmt, es kam alles sehr schnell für mich, doch sozusagen ohne eigenes Verschulden. Bislang wurden mir alle Stellen auf den Weg gelegt. Solorepetitorin und Dirigentin am Theater Heidelberg wurde ich noch während meiner Studienzeit. Cornelius Meister hatte mich einmal in Hannover dirigieren gesehen und lud mich zu einem Probespiel nach Heidelberg ein – da war ich erst im zweiten Semester und erst 18 Jahre alt. Die Stelle wurde mir dann freigehalten, bis ich mit dem Studium fertig war. In Heidelberg selbst ging es dann auch sehr schnell aufwärts, nicht zuletzt deshalb, weil ich schon mit 20 für eine „Butterfly“-Premiere einspringen musste und das wohl ganz gut lief. Doch, das ging alles schon recht schnell.

In Heidelberg waren Publikum und Orchester junge Leute am Pult schon gewohnt, mit Meister als GMD und Ihnen als Kapellmeisterin. Am Theater Erfurt wird es dann ein echter Generationenwechsel. Braucht ein 26-jähriger GMD am Pult mehr „standing“ als ein 62-jähriger? Fressen die alten Hasen im Orchestergraben alles, was das Junge Gemüse ihnen vorsetzt?

Über so etwas denke ich ehrlich gesagt nicht viel nach. Und hatte auch nie Probleme mit so etwas. Wenn es nur um die Musik geht und man gut vorbereitet ist, stellt sich die Generationenfrage nicht. Natürlich, man hat mit einem Opernorchester 50 gut ausgebildete, erfahrene Musiker vor sich und ist nie mit jedem einer Meinung. Aber alle wollen zusammen zu einem guten Ergebnis kommen. Weder das Jungsein noch das Altsein ist eine Garantie für Qualität.

„Autorität hat nichts mit Alter zu tun. Wir hatten in England Könige, die sogar noch jünger waren als ich“, das sagte Daniel Harding, auch so ein früher Taktstock-Vogel, der als 15-Jähriger schon Werke von Arnold Schönberg einstudierte. Ist die Frage nach der Autorität ein Thema für Sie?

So schön das Bild ist, den Vergleich mit den Königen halte ich nicht für ganz passend, weil Könige doch in einer ganz anderen Situation sind oder waren als Dirigenten. Autorität kommt einzig und allein von zwei Dingen: Von Authentizität und von Kompetenz, fachlicher und sozialer. Ist das vorhanden, stellt sich Autorität von alleine ein. Künstlich herstellen lässt sie sich jedenfalls nicht. Man kann Musikern nichts vorspielen. Natürlich muss der Dirigent eine Idee vom Stück haben, aber idealerweise kann er oder sie das so vermitteln, dass es die Idee aller wird.

Welche Reaktion auf die Nennung Ihres Berufs kommt Ihnen bekannter vor: Dirigentin? In Ihrem Alter? Oder: Sie, als Frau?

Es kommt darauf an. Weil ich nicht aus einer Musikerfamilie komme, wurde die Berufswahl generell schon als ungewöhnlich aufgenommen. In Deutschland wundert man sich eher über das Alter, woanders – etwa in Riga, wo ich viel dirigierte – über das Geschlecht. Da kamen neulich nach einem Konzert unabhängig voneinander zwei Leute zu mir und sagten: „Danke, dass Sie mir bewiesen haben, dass Frauen diesen Beruf können.“ Da sind in den Köpfen der Menschen noch ganz andere Bilder vorherrschend, als ich das von meiner Seite aus erlebe. Ich bin eine Frau, ich kann es nicht verstecken, ich bin emotional und backe gern. Wenn ich aber am Pult stehe, bin ich Mensch und Musiker, nichts anderes. Nicht Mann oder Frau, nicht alt oder jung. Es mag schon so sein, dass Dirigentinnen ein oder zwei Generationen vor mir noch mit genau diesen Problemen zu kämpfen hatten. Mit sehr viel Härte oder Selbstverleugnung vorgehen mussten, die besseren Männer sein wollten. Ich jedenfalls muss das nicht und könnte das auch nicht. Der Erfolg, den ich bislang hatte und der mir selbst auch ein bisschen suspekt ist, ist demnach vielleicht die eigentliche Revolution. Es gibt zwar noch nicht allzu viele Dirigentinnen, aber man muss die Lage auch nicht dramatisieren. Ich habe fantastische Kolleginnen.

So früh Sie auch mit allem dran sind: Die erste Frau im GMD-Amt sind Sie natürlich nicht. Derzeit hat die Staatsoper in Hannover mit Karen Kamensek, die in Hamburg mit Simone Young und das Theater Neustrelitz mit Romely Pfund Generalmusikdirektorinnen. In Ulm und Mainz gab es sie auch schon, mit Alicja Mounk und Catherine Rückwardt. Wären Sie gerne die Erste gewesen? Die Pionierin?

Nein, im Gegenteil: Ich bin dankbar, dass die Türe schon eingetreten war. Und ich nicht kämpfen muss, sondern Musik machen kann.

Jetzt lassen wir dieses Thema, das ja für Sie überhaupt keines ist, endlich zur Seite und gehen zurück zu den Anfängen. Denn Sie hätten ja auch Pianistin werden können. Sie studierten Klavier bei Karl-Heinz Kämmerling in Hannover, aus dessen Schmiede viele Meisterpianisten kamen. Warum Oper? Warum Taktstock?

Ich war sehr früh von Orchestermusik begeistert. Mit 13 Jahren hörte ich in einem Konzert Schuberts „Unvollendete“ und wusste: Ich muss diese Musik machen! Was muss ich lernen, um das tun zu können? So kam das Interesse am Dirigieren. Im Studium kam dann die Leidenschaft, mit Sängern zu arbeiten dazu. Für meine Pianistenausbildung bin ich sehr dankbar, denn sie gibt mir die Möglichkeit, am Klavier direkt mit den Sängern zu arbeiten. Das Klavier ist für mich ein zusätzliches Gedächtnis, man bekommt ein Stück sofort in den Körper.

Bei Kämmerling landeten aber eigentlich nur die Besten. Zählten Sie dazu?

Ich habe mit drei Jahren angefangen, Klavier zu spielen, mit fünf dann Geige. Talent war wohl da. Pianistin werden wollte ich aber, glaube ich, nie.

Sie sprachen bereits über Initiation, Ihren Einspringer mit 20 Jahren für die Heidelberger Premiere der „Madama Butterfly“. Was ging da in Ihrem Kopf vor? Fühlten Sie sich wie ein Torwart beim Elfmeter, also jemand, der nur gewinnen kann? Oder: Augen zu und durch? Oder: Kein Problem, Job ist Job?

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was während der Aufführung in meinem Kopf vor sich ging. Da war nur Adrenalin. Sechs Stunden vor Beginn rief man mich an, ich war gerade in Schwetzingen für eine Barockoper. Der Kapellmeister war krank, der zweite nicht verfügbar, der GMD saß in Tokio und sagte: „Fragt doch Joana.“ Dann wurde ich nach Heidelberg gekarrt, ins GMD-Zimmer gesteckt und habe die Partitur bekommen. Ich war zwar absolut im Stück drin, habe alle Partien am Klavier erarbeitet, aber eben nicht dirigiert. Für Panik war zum Glück keine Zeit. Es war Dezember, ich musste noch kurz nach Hause, mir schwarze Sachen zu holen, und ich kam durch den Weihnachtsmarkt kaum durch, es war so voll dort. Zurück im Orchestergraben flüsterte mir die Souffleuse dann zu: „Joana, du hast dein Shirt auf links an!"

Sie sind verheiratet mit dem Frankfurter Opernsänger Simon Bode. Wenn ich mutmaße, dass bei Ihnen bereits zum Frühstück über Oper geredet wird, weisen Sie das sicher brüsk zurück, oder?

Wir sprechen wirklich sehr viel über Oper, es ist unser beider Leidenschaft. Wir gehen auch beide gerne in die Oper. Und wir sind unsere größten Kritiker.

Gängiger ist aber das Modell, dass der Mann Dirigent und die Frau Opernsängerin ist, wie bei Simon Rattle und Magdalena Ko?ená oder bei Richard Bonynge und Joan Sutherland.

Es funktioniert jedenfalls auch anders herum. Wir haben uns sehr früh kennengelernt, während des Studiums …

Also im musikalischen Sandkasten – auch hier der frühe Vogel. Hatten Sie schon eine gemeinsame Opernproduktion?

Nein, denn beide waren wir früh schon stark eingebunden im internationalen Opernbetrieb. Hin und wieder machen wir Liederabende, dazu ist aber selten Zeit.

Im November dirigieren Sie ausnahmsweise nicht Oper, sondern Konzert, und zwar die Philharmonie Merck in Darmstadt. Was macht die Konzertdirigentin Mallwitz anders als die Operndirigentin Mallwitz?

Nichts. Ich liebe die Oper und liebe es, im Graben zu verschwinden und nur ein kleiner Teil einer großen Show zu sein. Aber Konzert ist eine ebenso spannende Sache, vor allem jetzt unser Programm in Darmstadt mit Schuberts Großer C-Dur-Sinfonie. Wegen einer Schubert-Sinfonie bin ich ja Dirigentin geworden. Die „Unvollendete“ habe ich in Hannover beim NDR schon einmal dirigiert, jetzt endlich die „Große C-Dur“. Schubert ist einer meiner ganz wichtigen Komponisten.

Interview: Stefan Schickhaus

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