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Oper Frankfurt Und es blinzeln die Sterne

Ein etwas karierter „Trovatore“ aus London zum Saisonanfang an der Oper Frankfurt.

Oper
Man geriet in Versuchung, Giuseppe Verdis „Troubadour“ in „Leonora“ umzutaufen: Elza van der Heever, die den Abend zunehmend dominierte. Foto: Barbara Aumüller

Nett, so ein dunkel-gewittriger Rückprospekt, auf den sich allerlei projizieren lässt, was gerade zu den gesungenen Texten passt: Einmal geistern Nachtvögel unheilschwer daher, dann flattern, wenn im Off der titelspendende Troubadour seine Stimme erhebt, Musiknoten munter über den Horizont, bald auch niedliche Schmetterlinge, und auch die Sterne am Himmel werden vorstellig. Dennoch will sich an diesem Frankfurter Verdi-Abend keine so rechte Sternstunde ereignen.

Fehlt es ein bisschen an entschiedener szenischer Interpretation? Das Einstiegsbild, wo Ferrando (der klar intonierende Kihwan Sim) die Vorgeschichte erzählt, exponiert scheinbar schonungslos Krieg und Gewalt als Stoffhintergrund. Ein Panzer steht dräuend da, doch bald zeigt er sich als harmlose Papp-Attrappe; mit Stahlhelmen gerüstete Soldateska (Choreinstudierung: Tilman Michael) formiert sich bedrohlich, hernach aber dann oft in erinnerungsfotoheischend gemütlichen Symmetrien. Leonora gibt sich neckisch als American Girl der frühen Rock’n’Roll-Zeit, hüpft auch dann noch kindisch unbedarft auf der Bühne herum, wenn sie den totgeglaubten Geliebten schockhaft noch einmal und wieder im Leben vorfindet. Graf Lunas in edle Bariton-Tiraden verpackte Eifersuchts- und Hassausbrüche werden meist von einem Spickzettel abgelesen. Fadendünne Ironie? Nun, es wirkt eher als dümmlich-arrogante Flaxerei, was die Spielleiter David Bösch und Gregory Eldridge hier anrichten. Wohl, um geistige Überlegenheit bei der Herrichtung eines vermeintlichen Schmarrns mit wirrer Handlung (in Wirklichkeit ein heißes, finsteres Drama zwischen vier Personen) zu dokumentieren.

Wie bei Bizet, Brahms oder Liszt ist bei Verdi die Zigeunersphäre essentiell als Ort antibürgerlicher (erotischer) Freiheit imaginiert. Azucenas Reich ist diesmal eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Jahrmarkt-Artisten mit den ansehnlichen Requisiten eines altväterlichen Wohnwagens und eines witzig ausgeschlachteten Automobils mit Pferdewagendeichsel. Das lässt sich stillvergnügt beschauen und bildet einen angenehmen Kontrast zu der sonst schwärzlich ausgeschlagenen Bühne mit den dürren, auf Giacometti-Dimensionen skelettierten Baumruinen, die anfangs noch belebt werden mit weißbauschig beblüteten Strünken.

Nach der Pause, das könnte sich womöglich als wunderlich spätzündende Konzeption herausstellen, wird alles etwas ernster mit reich drapiertem Nato-Stacheldraht und einer ragenden Scheiterhaufenarchitektur, in die Luna und Azucena ganz zum Schluss gedankenvoll hineinstarren (Bühnenbild: Patrick Bannwart).

Nicht leicht zu enträtseln, warum Frankfurt diese Kooperation mit Opernhaus Covent Garden neun Monate nach der Premiere in London an den Main holte. Galt es, flockig-lockeren angelsächsischen Umgang mit Traditionsopern als Alternative (gar als Korrektiv) zu Regietheater-Standards zur Diskussion zu stellen? Wie immer bei Bernd Loebe, konnte man sich zuverlässig an der Sängerqualität festhalten, wenngleich auch das Stimmfest durch die Bühnen-Albernheiten zumindest vor der Pause beeinträchtigt war.

Brian Mulligan gab den Luna mit edler, sonorer Stimmkraft, ohne mit dämonischen Facetten dieser Partie zu forcieren. Für die erkrankte Tanja Ariane Baumgartner war kurzfristig die versierte, gereifte Azucena-Darstellerin Marianne Cornetti aus Amerika eingesprungen, die ihren Part mit Ernst und Nachdruck absolvierte, obwohl als Figur nicht eben glücklich hergerichtet – mit einem behäbigen Großmütterchen-Festkleid (Kostüme: Meentje Nielsen), aus dem alle Reste vormaliger weiblicher Faszination ausgewaschen waren. Schlank und vokal beweglich der Manrico von Piero Pretti, der nicht erst seine „Stretta“ zum anstrengungslos tenorflammenwerferischen Phänomen gestaltete.

Diesmal geriet man, dank der Sopranistin Elza van der Heever, in Versuchung, die Oper in „Leonora“ umzutaufen, denn diese Protagonistin war es, die nach anfänglicher Irritation (allzu mädchenhaft-leichte Koloraturarbeit) in den letzten Bildern dominierte, vor allem mit immer glühenderen Melodiewundern, intimste Gefühlsregungen himmelwärts ausfahrend und schier Sterne zum Schmelzen bringend. Wie schnell ein selbstvergessen aus dem Können blühendes Singen profane Gegebenheiten doch zu transzendieren vermag!

Blankgeputzt und akkurat das Opernhaus- und Museumsorchester mit dem Dirigenten  Jader Bignamini. Nur mit einigen heiklen Chor-Direktiven tat er sich etwas schwer.

Zufriedenheit konnte an diesem Abend vor allem angesichts der Tatsache aufkommen, dass nach langer Zeit wieder ein „Trovatore“ im Frankfurter Spielplan figuriert. Die bescheidene, rampenorientierte Personenregie mag es etlichen Sängergenerationen gestatten, durch diese Inszenierungsfolie glatt hindurchzugehen.

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