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Oper "Ezio" von Christoph Willibald Gluck Zuckerbrot statt Peitsche

Zudem gibt es viel Licht und übergroße Schatten bei Glucks Oper „Ezio“ zu sehen. Inszeniert hat das Stück an der Frankfurter Oper Vincent Broussard. Die Kostüme stammen vom Pariser Modestar Christian Lacroix.

12.11.2013 10:08
Stefan Schickhaus
Leuchtende Modenschau mit herrlichem Gesang: Max Emanuel Cencic als Valentiniano und Paula Murrihy als Fulvia. Foto: Barbara Aumüller

Zudem gibt es viel Licht und übergroße Schatten bei Glucks Oper „Ezio“ zu sehen. Inszeniert hat das Stück an der Frankfurter Oper Vincent Broussard. Die Kostüme stammen vom Pariser Modestar Christian Lacroix.

Das ist das Los eines jeden Reformers: Er gilt als Befreier ab seinem Befreiungsschlag – doch was war davor? Christoph Willibald Gluck war so ein Erneuerer. Als die strenge, standardisierte Barockoper im Sterben lag, bot er mit seinen Reformopern die befreiende Alternative. Mit „Orfeo ed Euridice“ etwa, wo nicht mehr blutleere Helden singen, sondern echte Menschen. 1762 war das, Gluck war da ein Mann von bereits 48 Jahren. Der natürlich schon jede Menge Opern geschrieben hatte, strenge, standardisierte Barockopern. Die heute weitgehend aus dem Blickfeld verschwunden sind, die allenfalls fieberhaft abgeklopft werden nach frühen Anzeichen erster Reformgedanken. Denn ein Reformer muss doch ein Reformer bleiben. Das Altmodische eines Mannes der neuen Mode wäre sonst nichts als ein Irrtum.

„Ezio“ heißt eine dieser Prä-Reformopern Glucks. Eine Opera seria nach einem beliebten Metastasio-Text, nicht weniger als 43 Komponisten hatten sich an diesem Libretto versucht. Ein Text nicht ganz von der Stange, denn der übliche moralisch integre oder zumindest lernfähige Herrscher fehlt ebenso wie der untadelige Held. Es ist ein frühes Libretto, Metastasio war da noch „frei-schaffend“ gewesen, wie es der Frankfurter Operndramaturg Zsolt Horpácsy formulierte, also frei von „absolutistischem Huldigungszwang“. So haben wir es hier mit einem echten Diktator zu tun und einem Helden, dessen Arroganz unerträglich ist. Gluck – Achtung: Reformer! – mochte diese Konstellation, doch 42 andere Komponisten mochten sie auch.

Zum Niederknien schön

An der Oper Frankfurt kann man „Ezio“ jetzt als das erleben, was es ist: Eine lange Oper auf dem Weg vom Barock zum galanten Stil, die allenfalls zarte Ansätze vom Aufbrechen alter Strukturen zeigt (etwa in einigen ariosen Momenten), die aber vor allem überaus hochwertige Musik bietet. Auch der früher Gluck war halt schon ein Guter.

In erster Linie war der Premierenabend ein eleganter Abend. Am Pult des klein besetzten, auf historischen Instrumenten und im Stimmton 415 Hertz musizierenden Frankfurter Opern- und Museumsorchesters stand der Brite Christian Curnyn. Und in britischer Tradition eines Pinnock, Gardiner oder Hogwood nahm er die Musik von ihrer galanten Seite. Englisch edel eben, nicht italienisch pfeffrig, Zuckerbrot statt Peitsche. Das klang enorm gut, beseelt, kernig fein. Dass dieses Orchester Lust auf Barock und das entsprechende Instrumentarium hat, man hört es sofort – so wie man einige Tage zuvor genau das Gegenteil bei einer Händel-Premiere am Mainzer Staatstheater hörte.

Was auffällig war: Curnyn waren die Rezitative äußerst wichtig. Da wurde kaum gekürzt, da wurde auch nicht instrumental ausgeschmückt, Oper verwandelte sich so gerne auch für zehn Minuten am Stück in Singtheater, ganz auf den Rezitativtext konzentriert.

Hervorragend auf zurückhaltende Art präsentierte sich das Sängerensemble, das mit seinem Frankfurt-Debüt der Countertenor Max Emanuel Cencic anführte. Groß und durchdringend ist sein Alt nicht, dafür zum Niederknien schön und – wie für den Despotenkaiser Valentiniano nötig – dennoch mit böser Note. Diesen bösen Unterton musste man bei Massimo, dem zweiten echten Verbrecher im Rollengefüge, mit der Lupe suchen. Beau Gibson, seit der Spielzeit 2012/13 Tenor im Ensemble der Oper Frankfurt, klang einfach zu lyrisch, zu angenehm – ein schwarzer Tenor zu sein, ist allerdings auch eine schwere Aufgabe. Starke Stimmen boten die beiden Rivalinnen um die Hand Ezios, Fulvia und Onoria, gesungen von der fabelhaft intensiven Paula Murrihy und der dezenteren, aber nicht weniger pointierten Sofia Fomina.

Den Titelhelden Ezio, eigentlich eine Kastratenpartie, übernahm in Frankfurt die italienische Altistin Sonia Prina, eine bewährte Barocksängerin. In der Höhe leicht metallisch klingend, bietet sie eine sehr sonore Tiefe und dazu ein erstklassiges Rollenporträt eines allzu selbstgefälligen Helden. Mit Cencic und Prina trafen hier zwei Sänger wieder zusammen, die 2010 bei einer CD-Produktion des „Ezio“ mitwirkten, eine von gleich vier Neuaufnahmen dieser Oper in den letzten fünf Jahren. Dort singt das ehemalige Frankfurter Ensemblemitglied Julian Prégardien den Varo, auf der Bühne jetzt übernimmt der gleichwertig gute Tenor Simon Bode diese Partie.

Zum verschwenderisch guten Geschmack dieser Produktionen gehören unbedingt auch die sehenswerten Kostüme des Pariser Mode-Großmeisters Christian Lacroix, der seit 15 Jahren immer wieder Opern ausstattet.

Verschwenderische Kostüme

Eher wenig verschwenderisch in Sachen Einfälle ging dagegen der Regisseur (und Lacroix’ bevorzugter Theaterpartner) Vincent Boussard mit seinem Stoff um: Die ersten beiden Akte war im Grunde nur ein ästhetisches Spiel mit Licht und Schatten, wobei man die Schatten – oft übergroß, oft wie eigenständige Akteure im Bild – auch sinngebender hätte einsetzen können. Im Finalakt wurde das Bühnenspiel allerdings dichter, die Interaktion dringlicher, die Regie prägnanter.

So dass man diesen „Ezio“ als ein starkes Stück in Erinnerung behalten wird, als ein ausladendes, elegant-schönes Spiel um Männer, die man nie kennenlernen möchte.

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