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Ökumene „Jede Kirche muss heute um ihre eigene Einheit ringen“

Ein Gespräch mit dem Ökumene-Chef des Papstes, Kardinal Kurt Koch, über das 500. Reformationsjubiläum sowie die Chancen und Schwierigkeiten auf dem Weg zur Einheit zwischen Katholiken und Protestanten.

Kardinal Kurt Koch
Kardinal Kurt Koch sieht Luthers Anliegen bereits auf dem letzten Konzil der katholischen Kirche verwirklicht. Foto: Christoph Boeckheler

Vielleicht liegt der Ball der Ökumene auch gar nicht in Rom. Der Papst hat katholische und evangelische Kirchenvertreter in Rom Anfang des Jahres zu ökumenisch „kühnen Wegen“ ermutigt, sie sollen „mutig und entschlossen auf eine immer vollkommenere Einheit hin fortschreiten“. Hat er den Kirchenvertretern damit einen Freibrief in Sachen Ökumene gestellt?
Es kommt darauf an, was Sie unter „Freibrief“ verstehen. Der Inhalt der ökumenischen Briefe, die Papst Franziskus aussendet, beinhalten den Auftrag, mutige Wege zu gehen, um die Einheit wieder zu finden, freilich nicht im Alleingang, sondern auf Wegen, die für die ganze Kirche fruchtbar gemacht werden. Der ökumenische „Ball“ kann dabei auch nicht einfach in Deutschland liegen. In diesem Land hat zwar die Reformation Luthers stattgefunden, aber es hat auch andere Reformationen in der Schweiz, in den nordischen Ländern und in England gegeben. Die Ökumene muss deshalb in einem größeren Horizont gesehen werden. Der Lutherische Weltbund beispielsweise hat für das gemeinsame Reformationsgedenken bewusst das schwedische Lund vorgeschlagen, um zu zeigen, dass die Reformation heute nicht allein eine deutsche, sondern eine universale Angelegenheit ist.

Und würden Sie sagen, die deutschen Kirchenvertreter haben den Appell im Reformationsjahr richtig verstanden?
Dies zu beurteilen liegt in der Kompetenz der Deutschen Bischöfe, die die Situation viel besser kennen als ich.

Welche Schätze der evangelischen Kirche wüssten Sie denn gerne in der katholischen Kirche fruchtbarer gemacht?
Bereits das Zweite Vatikanische Konzil hat viele Impulse aus der Reformation aufgenommen. Ich denke vor allem an die Konstitution „Dei verbum“, in der die Zentralität des Wortes Gottes im Leben des Christen und der Kirche und damit ein wichtiges Anliegen Martin Luthers hervorgehoben ist. Auch andere Anliegen der Reformation sind im Konzil wieder entdeckt worden wie das Allgemeine Priestertum, die Feier der Liturgie in der Volkssprache und der Laienkelch. Man hat sogar sagen können, mit dem Zweiten Vatikanum habe Luther auch sein Konzil gefunden, an das er Zeit seines Lebens appelliert hatte. Umgekehrt würde ich freilich auch von evangelischer Seite gerne hören, was sie an der Katholischen Kirche schätzen und möglicherweise wieder entdecken müssten.

Womit würden Sie denn da argumentieren, wenn Sie mit der evangelischen Kirche die „Ökumene der Wahrheit“ betreiben?
Ich bin überzeugt, dass die Stärke der Katholischen Kirche ihre Universalität ist. Für diese Dimension gibt es auch evangelische Zeugen. Ich erinnere an den großen Glaubenszeugen Dietrich Bonhoeffer, der eine gewisse Zeit in Rom verbracht und von dort an seine Kirchenleitung in Deutschland geschrieben hat: „Hier in Rom habe ich das Wesen der Kirche erfasst: universalità.“

Mit Blick auf den Reformationstag: Wie kann denn die katholische Kirche den Tag begehen, der hier ja in diesem Jahr ein gesetzlicher Feiertag ist?
Dies hängt von der Entscheidung der Deutschen Bischofskonferenz ab.

Das ist aber schon sehr synodal gedacht, so weit ist die Kirche wohl doch noch nicht.
Für mich ist das Prinzip der Subsidiarität auch in der Kirche wichtig. Was das Reformationsgedenken allgemein betrifft, hoffe ich, dass der 31. Oktober kein Punkt, sondern ein Doppelpunkt sein wird. Das Gedenkjahr hat viel Positives gebracht, aber wir sind noch nicht am Ziel des Weges. Ein weiterer wichtiger Bezugspunkt wird das Jahr 2030 sein, wenn wir das 500. Jubiläum der Verkündigung des Augsburger Bekenntnisses begehen, das nicht ein Dokument der Spaltung, sondern der Einheit ist.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Martin Luther

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