Lade Inhalte...

Ökumene „Jede Kirche muss heute um ihre eigene Einheit ringen“

Ein Gespräch mit dem Ökumene-Chef des Papstes, Kardinal Kurt Koch, über das 500. Reformationsjubiläum sowie die Chancen und Schwierigkeiten auf dem Weg zur Einheit zwischen Katholiken und Protestanten.

Kardinal Kurt Koch
Kardinal Kurt Koch sieht Luthers Anliegen bereits auf dem letzten Konzil der katholischen Kirche verwirklicht. Foto: Christoph Boeckheler

Herr Kardinal, wie blicken Sie auf das Reformationsjahr zurück?
Es war ein positives Ereignis, auch deshalb, weil es zum ersten Mal in der Geschichte gewesen ist, dass eine solche Jahrhundertfeier mit nur wenig konfessionalistischen und polemischen Tönen stattgefunden hat, wie sie in der Vergangenheit üblich gewesen sind. Zudem haben die Lutheraner sehr früh den Wunsch geäußert, der Reformation mit uns Katholiken gemeinsam zu gedenken. Der Höhepunkt war sicher das Reformationsgedenken in Lund, wo Papst Franziskus und der Präsident des Lutherischen Weltbundes zwei Schwerpunkte gesetzt haben: Dankbarkeit für die Gaben, die die Reformation der Christenheit gebracht hat, und Buße für die Spaltung der Christenheit. Luther wollte ja keine neue Kirche gründen, sondern die bestehende Kirche erneuern. In der Folge entstand aber nicht nur eine neue Kirche, sondern es kam im 16. und 17. Jahrhundert auch zu grausamen Konfessionskriegen.

In Lund nannte die Erzbischöfin von Uppsala das gemeinsame Abendmahl das Ziel der Ökumene. Das war schon 2015 Thema, als der Papst Lutheraner in deren Gemeinde in Rom getroffen hat. Auf die Frage einer Lutheranerin, ob sie nicht doch zur katholischen Kommunion gehen könne, hatte der Papst damals allen gesagt: „Sprecht mit dem Herrn und geht weiter.“ Wieso hat der Papst in dieser Weise nicht auch in Lund zum eigenverantwortlichen Empfang ermutigt?
Papst Franziskus hat in Rom Zweierlei gesagt: „Ich kann keine Erlaubnis geben, weil ich dazu keine Kompetenz habe – doch sprecht mit dem Herrn und geht weiter.“ Dies war eine für Papst Franziskus typische seelsorgerliche Antwort auf eine konkrete Frage eines konkreten Menschen. Diese Situation war in Lund nicht gegeben, weshalb der Papst auch nicht in derselben Weise gesprochen hat.

Dabei geht der Papst doch auch in seinem Schreiben „Amoris Laetitia“ in eine ähnliche Richtung, wenn er den Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene nurmehr an eine Gewissensprüfung und das „Gespräch mit Christus“ bindet.
In „Amoris laetitia“ wird in erster Linie geraten, mit dem Seelsorger ins Gespräch zu kommen, da die Situationen der Menschen sehr verschieden sind. Natürlich muss in diesem Gespräch zwischen dem betroffenen Menschen und dem Seelsorger danach gefragt werden, was Christus in der jeweiligen Situation will.

In Deutschland gab es indessen einen gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim, Kardinal Reinhard Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm waren zusammen in Jerusalem, sie treten in Sachen Flüchtlinge mit einer Stimme auf, halten ökumenische Gottesdienste und sprechen als zwei Münchner von einer „Ökumene der kurzen Wege“. Ist bei so viel öffentlicher Harmonie überhaupt noch vermittelbar, warum es noch nicht zur Einheit gekommen ist?
Es ist gewiss ein gutes Zeichen, wenn all das, was man gemeinsam tun kann, auch in Gemeinschaft getan wird, gerade was das Zeugnis-Geben vom Glauben in der heutigen Welt betrifft und auch den Einsatz für die Würde des menschlichen Lebens und das Engagement bei der großen Herausforderung der heutigen Flüchtlingskrise. Ich denke aber nicht, dass damit der Eindruck entsteht, es wären bereits alle Probleme gelöst. Die Ökumene weist immer zwei Dimensionen auf: die der Liebe und die der Wahrheit. Die erste bedeutet, freundschaftliche Beziehungen zwischen den Kirchen und ihren Vertretern zu pflegen und gemeinsam auf dem Weg sein. Die Ökumene der Wahrheit beinhaltet den theologischen Dialog, bei dem die noch offenen Fragen diskutiert werden – und diese Dimension muss natürlich genauso präsent sein.

Die „Ökumene der kurzen Wege“ gehört dann wohl eher zur „Ökumene der Liebe“?
Ja.

Und welche Fragen sind noch offen in der „Ökumene der Wahrheit“ zwischen evangelischer und katholischer Kirche?
Ich habe den Vorschlag gemacht, über Kirche, Eucharistie und Amt eine ähnliche gemeinsame Erklärung wie über die Rechtfertigungslehre vorzubereiten. Ich bin dankbar, dass dieser Vorschlag von verschiedener Seite aufgegriffen worden ist: Der nationale Dialog in Finnland beschäftigt sich mit diesen Fragen, und der nationale Dialog in Amerika hat bereits ein Dokument darüber veröffentlicht. Wenn wir über diese noch offenen Fragen einen größeren Konsens finden könnten, würden wir auf dem Weg zur Kirchengemeinschaft ein großes Stück weiterkommen.

Zum Divergenzpunkt Priesteramt: In der EKD gibt es den Trend, dass nicht nur ordinierte Pfarrer, sondern auch sogenannte Prädikanten – mal gebunden an eine Ordination, mal nicht – dem Abendmahl vorstehen können. Erschwert das die Konsensfindung?
Natürlich, weil für uns die Feier der Eucharistie konsequent an das Amt gebunden ist. Es ist zudem ein ökumenischer Konsens erreicht worden, dass die Ordination notwendig ist für die öffentliche Verkündigung des Evangeliums, für die Spendung der Sakramente und für die Gemeindeleitung. Die EKD hat demgegenüber einen anderen Weg eingeschlagen, wenn es in ihrem Grundlagentext zum Reformationsgedenken „Rechtfertigung und Freiheit“ heißt, die Reformation habe zu einer „völligen Neuordnung des kirchlichen Wesens“ geführt, die darin bestehe, dass jeder Christ im Prinzip die Taufe spenden und das Abendmahl austeilen könne, dass es nur um der Ordnung willen Pfarrerinnen und Pfarrer gibt. In meinen Augen entspricht diese Sicht nicht einmal der Überzeugung Luthers, der klar betont hat, dass wir alle durch die Taufe zu Priestern, aber nicht zu Pfarrern werden.

Katholischerseits scheinen die Zeichen unter Papst Franziskus dagegen für die Ökumene hoffnungsfroher: Er spricht von einer „synodalen Kirche“, frei nach dem Motto: Rom muss nicht alles entscheiden. Dagegen verwehren sich bekanntlich Protestanten seit jeher. Ist eine „synodale Kirche“ auch eine ökumenisch beseelte Idee?
Das Eintreten für eine synodalere Kirche ist ökumenisch sehr bedeutsam und spielt eine wichtige Rolle nicht nur im Dialog mit den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen, sondern auch mit den Orthodoxen. Das Hauptthema, das wir in diesem Dialog besprechen, ist das Verhältnis zwischen Synodalität und Primat. Wir Katholiken haben gewiss einen Nachholbedarf an Synodalität. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage nach der Anerkennung des Primats des Bischofs von Rom. Denn beide Seiten gehören zusammen. Wenn Papst Franziskus sich für eine synodalere Kirche einsetzt, ist dies gewiss eine wesentliche Hilfe für das Voranbringen des ökumenischen Dialogs.

Zugleich denkt der Papst über nicht-zölibatäre Priester nach und lässt prüfen, ob Diakoninnen geweiht werden könnten. Automatisch ergäbe sich mit beidem eine Nähe zur evangelischen Kirche, was wiederum ökumenisch Hoffnung schürt. Sind diese Reformansätze also nicht schon aus ökumenischer Verantwortung heraus geboten?
Dabei handelt es sich zunächst um innerkatholische Fragen. Papst Franziskus hat angeregt, darüber zu diskutieren, er hat aber noch keine Entscheidung gefällt. Die Frage der Diakoninnen berührt das Amt und ist deshalb ökumenisch von Bedeutung. Vom Zölibat würde ich dies weniger sagen, weil in den verschiedenen Kirchen nicht alles gleich geregelt sein muss. Jede Kirche hat ihre besonderen Charismen, die auch in einer geeinten Kirche der Zukunft erhalten bleiben sollen. Zudem hat die Katholische Kirche auch in ihrem eigenen Lebensraum verheiratete Priester, nämlich in den katholischen Ostkirchen.

Mit diesen Anstößen macht sich der Papst innerhalb seiner eigenen Kirche nicht nur Freunde. Die Kritik im Nachgang von „Amoris Laetitia“ zeigt das ganz deutlich. Wie glaubwürdig ist denn eine Kirche als ökumenischer Dialogpartner, wenn sie um die eigene Einheit ringt?
Im ökumenischen Dialog mit den anderen Kirchen sehe ich die Glaubwürdigkeit der Katholischen Kirche heute nicht in Gefahr. Im Gegenteil besteht heute großes Interesse, mit uns im Dialog zu sein; und dies ist sehr erfreulich. Jede Kirche muss heute in ihrem Inneren um ihre eigene Einheit ringen. Dies betrifft nicht nur die Katholische Kirche, sondern genauso auch die anderen Kirchen. Die Spannungen sehen nur anders aus, weil sie über kein Einheitsamt wie das Papsttum verfügen. Das innerkirchliche Ringen um Einheit ist freilich für den ökumenischen Dialog entscheidend wichtig. Denn nur eine Kirche, die in ihrem eigenen Lebensraum dialogfähig ist und die anstehenden Fragen in einer guten Art und Weise behandelt, erweist sich auch als fairer Partner im ökumenischen Dialog.

Ein innerkatholisch sicher weniger umstrittener Akt, der auch ökumenisch Maßstäbe setzen würde, wäre die Rücknahme der Exkommunikation Martin Luthers, wie auch bei Galilei Galileo.
Der Papst kann die Exkommunikation Luthers deshalb nicht zurücknehmen, weil sie gar nicht mehr besteht. Sie gilt nur zu Lebzeiten eines Menschen und endet mit seinem Tod. Bei Galilei ging es um die Rehabilitation seiner Person. Über Luther gibt es ähnlich positive Aussagen von den Päpsten, vor allem von Papst Benedikt XVI. während seines Besuchs in Erfurt, wo Luther Theologie studiert hat. Es gibt allerdings auch auf evangelischer Seite in den Bekenntnisschriften harte Verurteilungen von katholischen Glaubensaussagen. Diese müssen auch ins ökumenische Gespräch einbezogen werden, wie dies in der großartigen Studie „Lehrverurteilungen – kirchentrennend“ geschehen ist. Sie hat gezeigt, dass die Lehrverurteilungen der Reformationszeit den heutigen ökumenischen Partner nicht mehr treffen. Diese Ergebnisse müssten freilich auf beiden Seiten noch mehr rezipiert werden, um daraus verbindliche Konsequenzen zu ziehen.

Vielleicht liegt der Ball der Ökumene auch gar nicht in Rom. Der Papst hat katholische und evangelische Kirchenvertreter in Rom Anfang des Jahres zu ökumenisch „kühnen Wegen“ ermutigt, sie sollen „mutig und entschlossen auf eine immer vollkommenere Einheit hin fortschreiten“. Hat er den Kirchenvertretern damit einen Freibrief in Sachen Ökumene gestellt?
Es kommt darauf an, was Sie unter „Freibrief“ verstehen. Der Inhalt der ökumenischen Briefe, die Papst Franziskus aussendet, beinhalten den Auftrag, mutige Wege zu gehen, um die Einheit wieder zu finden, freilich nicht im Alleingang, sondern auf Wegen, die für die ganze Kirche fruchtbar gemacht werden. Der ökumenische „Ball“ kann dabei auch nicht einfach in Deutschland liegen. In diesem Land hat zwar die Reformation Luthers stattgefunden, aber es hat auch andere Reformationen in der Schweiz, in den nordischen Ländern und in England gegeben. Die Ökumene muss deshalb in einem größeren Horizont gesehen werden. Der Lutherische Weltbund beispielsweise hat für das gemeinsame Reformationsgedenken bewusst das schwedische Lund vorgeschlagen, um zu zeigen, dass die Reformation heute nicht allein eine deutsche, sondern eine universale Angelegenheit ist.

Und würden Sie sagen, die deutschen Kirchenvertreter haben den Appell im Reformationsjahr richtig verstanden?
Dies zu beurteilen liegt in der Kompetenz der Deutschen Bischöfe, die die Situation viel besser kennen als ich.

Welche Schätze der evangelischen Kirche wüssten Sie denn gerne in der katholischen Kirche fruchtbarer gemacht?
Bereits das Zweite Vatikanische Konzil hat viele Impulse aus der Reformation aufgenommen. Ich denke vor allem an die Konstitution „Dei verbum“, in der die Zentralität des Wortes Gottes im Leben des Christen und der Kirche und damit ein wichtiges Anliegen Martin Luthers hervorgehoben ist. Auch andere Anliegen der Reformation sind im Konzil wieder entdeckt worden wie das Allgemeine Priestertum, die Feier der Liturgie in der Volkssprache und der Laienkelch. Man hat sogar sagen können, mit dem Zweiten Vatikanum habe Luther auch sein Konzil gefunden, an das er Zeit seines Lebens appelliert hatte. Umgekehrt würde ich freilich auch von evangelischer Seite gerne hören, was sie an der Katholischen Kirche schätzen und möglicherweise wieder entdecken müssten.

Womit würden Sie denn da argumentieren, wenn Sie mit der evangelischen Kirche die „Ökumene der Wahrheit“ betreiben?
Ich bin überzeugt, dass die Stärke der Katholischen Kirche ihre Universalität ist. Für diese Dimension gibt es auch evangelische Zeugen. Ich erinnere an den großen Glaubenszeugen Dietrich Bonhoeffer, der eine gewisse Zeit in Rom verbracht und von dort an seine Kirchenleitung in Deutschland geschrieben hat: „Hier in Rom habe ich das Wesen der Kirche erfasst: universalità.“

Mit Blick auf den Reformationstag: Wie kann denn die katholische Kirche den Tag begehen, der hier ja in diesem Jahr ein gesetzlicher Feiertag ist?
Dies hängt von der Entscheidung der Deutschen Bischofskonferenz ab.

Das ist aber schon sehr synodal gedacht, so weit ist die Kirche wohl doch noch nicht.
Für mich ist das Prinzip der Subsidiarität auch in der Kirche wichtig. Was das Reformationsgedenken allgemein betrifft, hoffe ich, dass der 31. Oktober kein Punkt, sondern ein Doppelpunkt sein wird. Das Gedenkjahr hat viel Positives gebracht, aber wir sind noch nicht am Ziel des Weges. Ein weiterer wichtiger Bezugspunkt wird das Jahr 2030 sein, wenn wir das 500. Jubiläum der Verkündigung des Augsburger Bekenntnisses begehen, das nicht ein Dokument der Spaltung, sondern der Einheit ist.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Martin Luther

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen