Lade Inhalte...

Occupy und Arabellion Holt Euch die Stadt zurück

Das Urbane und die Spieltheorie: Immer mehr setzen sich Strategien einer neuen Stadtaneignung durch – von unten.

Lichtgestalten
Drei Lichtgestalten als Akteure im öffentlichen Raum: „My light is your light“ von Alaa Minawi war im Januar 2018 zu sehen auf der „Lumière London“. Foto: rtr

In den USA erzählt man College-Abgängern mitunter eine Anekdote, um sie auf den Ernst des Lebens vorzubereiten. Sie beginnt folgendermaßen: „Schwimmen zwei junge Fische daher und treffen auf einen älteren Fisch, der in die andere Richtung schwimmt, ihnen zunickt und sagt: ‚Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?‘ Und die beiden jungen Fische schwimmen noch ein bisschen, bis der eine schließlich zum andern hinübersieht und sagt: ‚Was zur Hölle ist Wasser?‘“ Dass das Selbstverständliche manchem gar nicht (mehr) bewusst ist, mag als Erkenntnis so neu nicht sein.

Im Bereich des Urbanismus freilich kann sie gar nicht oft genug wiederholt werden. Denn in kaum einem Metier scheint man so gern zu vergessen – oder zu vernachlässigen –, worin man sich bewegt. Hinzu kommt: Die unaufhörliche Dynamisierung unserer Welt lässt den Planungsbedarf zwar steigen, zugleich aber sinkt die Reichweite des Planbaren.

Augenscheinlich bedarf es immer mehr eines situative Zugangs zu den Erscheinungsformen des Städtischen. Diverse Alltagsbeobachtungen zumindest stützen diese These: Nicht nur, dass diverse Bürgerproteste, von Occupy bis zur Arabellion, bevorzugt im urbanen Raum stattfinden, gar zelebriert werden. Auch die wachsende Individualisierung findet hier ein Forum, die gewandelten Interessen neu auszuhandeln. Auf mannigfache Weise eignen sich bestimmte Gruppen den öffentlichen Raum an und verändern ihn, durch Flashmobs etwa, aber auch mittels Verabredung zum kollektiven Tangotanzen. Auch die Techno- oder die Rapper-Szene, beanspruchen für sich eine eigene Öffentlichkeit; sie spüren Niemandsländer auf, Durchgangsräume, Brachen, Autobahnunterführungen, aufgelassene Industrieareale – Orte des Nichts. Offensichtlich gibt es spezifische Aneignungsformen, die nicht einen öffentlichen Ort besetzt, sondern ein Niemandsland in einen öffentlichen Ort verwandelt (und sei es temporär). Attraktiv sind solche Orte vermutlich, weil sie nichts und niemand repräsentieren, keine Macht und keinen Besitz.

Die neuen medialen Möglichkeiten spielen dabei durchaus eine Rolle. Was nicht heißt, dass die Digitalmoderne eine bis dato ungeahnte demokratische Partizipation befördert. Die Massenproteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo, die Eruptionen des Bürgerzorns gegen ‚Stuttgart 21‘ entfalteten ihre Kraft durch physische Präsenz. Das Internet mag enorme Vorzüge als Werkzeug haben; aber wo es ernst wird, reicht das Netz nicht aus. Erst ‚draußen‘ bekommt man die Gewalt der Staatsmacht richtig zu spüren, und wichtige Entscheidungen werden nicht im Netz erzwungen, sondern durch Demonstrationen, Straßenblockaden und Urnengänge. Der öffentliche Raum ist nach wie vor eine Bühne, auf der gesellschaftliche Konflikte artikuliert und vorgetragen werden; er ist aber auch Ort personaler Selbstdarstellung und Inszenierung.

Allerdings: Vielerorts fühlen sich Nutzer des öffentlichen Raums immer mehr durch Menschen und Dinge gestört, die eigentlich dort Platz haben müssten, wenn die Stadt als Ort der Differenz und Diversität gelten soll. Vielerlei Aneignungsformen und Verhaltensweisen mögen den Bedürfnissen der Mittelklasse nach Eigenheim, Einkaufscenter und einem angeblich ‚naturnahen‘ Umfeld kaum entgegen kommen. Urbanes Flair genießt man zwar gerne mal. Aber den Unwägbarkeiten des öffentlichen Raums – die Konfrontation mit Fremden, die Anonymität, die Unsicherheit, wie man sich verhalten soll – setzt man sich nur ungern aus.

Also: Wie viel Neben- oder gar Miteinander unterschiedlicher Lebensweisen im öffentlichen Raum möglich und erwünscht sind, bleibt demzufolge eine offene Frage.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen