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NSU „Der weiße Wolf“ Der NSU als Schauspiel

Hier heißen die drei Neonazis Janine, Gräck und Tosch: Das NSU-Stück „Der weiße Wolf“ wird am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt.

Gleich knallt's: Tosch und Janine. Foto: Birgit Hupfeld

Als zuletzt ein wolfsgrauer Schäferhund durch eine Bühnenbodenklappe schlüpft, hier und dort schnüffelt, bis ein feines Pfeifen ihm bedeutet, dass aus den Kulissen Herrchen/Frauchen ruft, meint man, im Publikum eine Entspannung wahrzunehmen. Eine alte Journalistenweisheit sagt, dass Tiere in der Zeitung immer gut kommen – das gilt allemal für die Theaterbühne. Zumal an einem Abend, an dem die Flug-, die Schrei- und Spuckdichte von Wörtern wie Schlampe, Wichser, Fotze ganz erheblich ist: Das Tier bringt plötzliche Stille.

Denn in der Uraufführungsinszenierung von Christoph Mehler in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels ist von Anfang an Druck auf Lothar Kittsteins NSU-Text „Der weiße Wolf“: Ich brülle, also bin ich und bin böse. In diesem Stück wird, in freier Anlehnung an Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe, von drei Neonazis erzählt, hier heißen sie Janine, Gräck und Tosch. Janine ist schwanger und wird, „für deine Rasse, deine Ehre“ (Tosch) ein deutsches Kind gebären.

Sie lebt mit Gräck, der ihr einst schwer imponierte, als er „dem Neger die Zähne ausgeschlagen“ hat, darunter ein Zahn mit Glitzersteinchen. Gräck wollte ihr daraus einen Ring machen lassen, hat aber nicht geklappt. Inzwischen ist er abgestiegen zum mutmaßlich rabiaten Disco-Rausschmeißer (die Disco heißt „Der weiße Wolf“) und Fett angesetzt hat er auch. Das moniert Tosch, der nach jahrelanger Abwesenheit – er war „Ziele sammeln“ – seine alten Freunde aufstöbert: „Ihr seid total im Arsch.“ Gräck wiederum will nicht ausschließen, dass der Staatsschutz seinen alten Kumpel geschickt hat.

In Lothar Kittsteins Text wohnen Janine und Gräck in einer Bruchbude, Bühnenbildnerin Nehle Balkhausen setzt sie gleich ganz auf einer dunkelgrauen, ortlosen Teerfläche aus. Ein dicker schwarzer Schrägbalken teilt den Raum, Regisseur Mehler nutzt ihn für ein bisschen müden Slapstick: Toschs steifer, hitlergrüßender Arm passt nicht drunter durch, erst, als er in die Knie geht.

Im laufenden Prozess gegen Beate Zschäpe geht es vor allem darum, welche Rolle sie in dem mörderischen Trio spielte. Hat sie den Männern den Rücken frei gehalten für die Anschläge? War sie Anregerin, Anfeuernde? Arglose? Eher nicht. Aber auch nicht die Rumgeschubste, Verwirrte, Kuschende und sich ängstlich Bepinkelnde, als die Kittsteins Janine bis fast zum Schluss gezeichnet ist. Tosch vergewaltigt sie nach kurzem Schäkern umstandslos, der tobende Gräck schmiert ihr den – na klar, dunkelbraunen – Geburtstagskuchen ins Gesicht. Wenn Ines Schiller, Janine, zuletzt in weißer Bluse, dunklem Hosenanzug, brünett statt blond und kühl-beherrscht an die Rampe tritt, wird die optische Erinnerung an Zschäpe vorm Münchner Gericht aufgerufen. Aber sie ist hier nicht zusammenzubringen mit dem rechtsradikalen, naiven Häufchen Elend, das „Janine“ gerade noch war.

Homosexualität in Männerbünden

Kittstein polstert seine Figuren wenigstens ein bisschen mit Unerwartetem auf. Er lässt Janine aus Friedrich Rückerts Ballade vom im Berg schlafenden Barbarossa zitieren und von Amerika träumen, lässt Gräck und Tosch eine absurde Künstliche-Fingernägel-Phobie haben. Regisseur Mehler aber ebnet das Trio – besonders die von Sascha Nathan und Torben Kessler gespielten Männer – ein in Lautstärke und überreichem Grimassieren. Vor allem Kessler könnte auch eine ganz andere Art von Gefährlichkeit auf die Bühne bringen.

Dass Beate Zschäpe, die doch als Einzige noch Einblick geben könnte ins Innere des Trios, komplett schweigt, könnte ja auch ein Vorteil sein für eine Fiktionalisierung. Lothar Kittstein, Jahrgang 1970, und sein Uraufführungs-Regisseur Christoph Mehler, Jahrgang 1974, füllen die Leerstelle nicht nur, aber leider doch weitgehend mit Klischees. Sascha Nathan muss sich als Gräck bald ein Hitlerbärtchen verpassen – damit auch ja kein Missverständnis möglich ist? Kessler trägt einen seltsamen schwarzen Ledermantel (Kostüme: Janina Brinkmann). Die Männer träumen von perlenbesetzten BHs und vielen deutschen Babys, dann küssen sie sich heftig. Ach ja, die versteckte Homosexualität in Männerbünden, sie wird einem nicht erspart.

Ob er „welche umgebracht“ habe, will Janine von Tosch wissen, und „was ist das für ein Gefühl?“ Eine Antwort erhält sie nicht; stellt sich doch ohnehin zuletzt heraus, dass die beiden Männer sich längst erschossen haben, dass sie allenfalls noch durch Janines Erinnerung geistern. Hunde bellen, die „scheiß Bullen“ rücken an. Wie Nathan und Kessler da nebeneinander stehen, Blut im Gesicht, und von einer schwarzen Fliege fantasieren, die aus einem roten Loch trinkt, wie sie versuchen, ihre brennende Stirn mit der kalten Waffe zu kühlen, das ist nicht ohne Bild- und poetische Kraft.

Aber es ist zu spät und zu wenig an einem knapp anderthalbstündigen Abend, der mit dickem Auftrag zu übermalen versucht, dass er zu rechtsradikalen Gemütsverfassungen, schon gar zum Mord-Antrieb nichts Neues zu sagen hat. „Leider“, sagt Tosch einmal zu Gräck, „sind wir die einzigen zwei, die wirklich böse sind.“ Ein Satz, der allzu bewusst macht, dass hier zwei Schauspieler den bösen Neonazi geben, vor einem Publikum, das sich vielleicht, vielleicht auch nicht, genau so ordinär fluchend, brüllend und Frauen misshandelnd einen bösen Neonazi vorstellt.

Schauspiel Frankfurt , Kammerspiele: 14., 15., 22. Februar, 5., 26. März. www.schauspielfrankfurt.de

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